Wilhelm Busch – Deutschlands erfolgreichster Prediger

Wilhelm_Busch

„Es kann sein, dass Sie heute abend friedlich ins Bett gehen und morgen früh in der Hölle aufwachen. Ich möchte Sie warnen!“

Verbale Zaunlatten zu schwingen und anderen an den Kopf zu knallen, das liebte Wilhelm Busch, der Essener Pastor und pietistische Evangelist. „Wir leben doch nicht im Mittelalter“, entgegneten darauf seine Kritiker. Derlei Höllen-Rhetorik sei schlicht, eifernd und nichts für moderne Menschen. Um so rätselhafter, dass nicht seine liberalen Kritiker, sondern der strenggläubige Busch mit seiner Predigtsammlung „Jesus unser Schicksal“ zum Auflagenstarksten gehört, was die christliche Literaturszene Deutschlands je hervorgebracht hat. Jüngst erschien die 42. Auflage, mit inzwischen 2,2 Millionen verkauften Exemplaren allein in Deutschland. Durch die 32 fremdsprachigen Ausgaben steigert sich die Gesamtauflage sogar auf geschätzte fünf Millionen. Was also ist das Geheimnis dieser 20 Predigten, die Busch zwischen 1958 und 1966 hielt?

Die erstaunliche Antwort: Fast jede Buchseite zeugt von der Stärke des Schlichten, der Energie des Eiferns – und der Spannung eines leidenschaftlichen Glaubenslebens: Ob Busch erzählt, wie er zum Glauben fand (im ersten Weltkrieg lag er bei Verdun im Schützengraben, als sein Nebenmann erschossen wurde und Busch inmitten von Leichenbergen plötzlich aufging: „Der steht jetzt mit all seinen Sünden vor Gott. Und wenn ich zehn Zentimeter weiter links gelegen hätte, stünde nun ich vor Gott!“), oder ob er die befreiende Kraft Gottes preist, die Trinker vom Suff, Ehebrecher von der verführerischen Sekretärin oder verzweifelte Nihilisten vom Unglauben losreißt) – stets pulsiert das pralle Leben in seinen Predigten. Zumal seine Reden strotzten vor kleinen, lebendigen Geschichten, die er in leicht verständlichem Deutsch vortrug. Er betrieb Schlichtheit mit Methode. Denn Busch, ein Bildungsbürger reinsten Wassers, Theologe, Kunst- und Literaturkenner, war überzeugt: Als Botschafter eines Höheren habe er kein Recht, dessen Botschaft einschläfernd vorzutragen. „Nicht langweilen, sondern kurzweilen“ war sein stilistischer Imperativ.

Wie menschenfreundlich sich der Feuereifer für Gott auswirken kann, bewies Busch aber nicht nur im Stilistischen, sondern auch dort, wo es wirklich teuer kam: zwischen 1933 und 1945 beispielsweise. So verweigerte er den Treueeid auf Hitler, ignorierte Busch sonntäglich das gegen ihn erlassene Predigtverbot, lehrte die Gleichheit der Rassen vor Gott und verhalf Juden zur Flucht ins Ausland. Und als die HJ im Zuge der Gleichschaltung das evangelische Jugendhaus in Essen stürmte, da entdeckten Busch und seine Jünger Jesu nicht nur jede Menge Schlagringe und Schlagstöcke in ihren Händen, sondern auch die Schlagkraft heiligen Zorns in ihren Herzen – mit der sie die HJ aus dem Jugendhaus prügelten. Kurz: Busch tat alles, um Stammgast der Gestapo zu werden. Weswegen er sich in nasskalten Gefängniszellen ohne Fenster und Kontakt zu Mitgefangenen bald bestens auskannte. Wie er in seinem Buch bekennt, spürte er dort bisweilen den Wahnsinn nahen, zermürbt von endlosen Verhören, von Schlafentzug und der Sorge, ins KZ gebracht zu werden. – Dennoch bemerken die Gestapo-Protokolle, man habe Busch „nicht klein bekommen“. Er blieb resistent.

Gustav Heinemann, Bundespräsident von 1969 bis 1974 und enger Freund Wilhelm Buschs, soll einmal gesagt haben, in der Nazizeit hätte Deutschland vor allem eines gebraucht: mehr Menschen mit dem Feuereifer Buschs. Um hagiographischen Neigungen vorzubeugen: Das Etikett eines politisch korrekten Pfarrers unserer Tage passt zweifellos nicht zu ihm. Wenn er in seinen Vorträgen geschminkte Mädchen als „Flittchen“ bezeichnete oder Homosexualität für „schmutzig“ erklärte, dann trat er jedem liberalen Mitteleuropäer gegen das Schienbein. Immerhin: Die Bereitschaft zur unbequemen Meinung machte ihn glaubwürdig. Dieser Mann verstellte sich nicht.

Persönliche Glaubwürdigkeit dürfte überhaupt ein Schlüssel seines Erfolges sein. Pries er etwa die helfende Kraft Gottes auch im Leiden, so konnte er dem sofort persönliche Beglaubigungsstempel aufdrücken. Denn vom Leiden verstand er viel: Seine Brüder starben früh, der eine an der Front, der andere wurde von einem betrunkenen Karnevalisten überfahren, und auch seine beiden Söhne überlebte er. Der jüngere starb im Kindsbett, der ältere war Bluter, wurde von den Nazis dennoch eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo er verblutete. Erschütternd zu lesen, wie die Todesnachricht auch einen gläubigen Mann wie Busch ins Mark traf – aber nicht zerbrach. Denn er fand tatsächlich Trost in einem Satz, den er oft gebrauchte:

Christen sterben nicht, Christen gehen heim.

 

Quelle: Pst. Priebe / Text von Till-R. Stoldt in »Der Spiegel«