Homosexualität: „Die Liebe freut sich der Wahrheit“

Liebe_Wahrheit

Gedanken zum Gesprächsprozess über Bibel und Homosexualität

Es darf als Konsens gelten, dass die Bibel nur schroff ablehnende Aussagen zur Homosexualität enthält. Angesichts der Spannung zwischen dem eindeutigen biblischen Befund und der Frage homosexuell geprägter Menschen nach ihrem Platz in unserer Kirche werden nach meiner Beobachtung im Wesentlichen zwanzig Argumente als vermeintliche „Nothelfer“ bemüht. Mögen sie auch als Hilfen gemeint sein, werden sie doch entweder für falsche Schlussfolgerungen benutzt oder sind aufgrund ihres fehlenden Wahrheitsgehaltes untauglich:

Empirische Kontrastierung:

„Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass 2-4 % der Bevölkerung homosexuell sind. Das zwingt uns dazu, die biblischen Aussagen zur Homosexualität neu zu bewerten.“ – Ja, Tatsachen sollten nüchtern gesehen werden! Es fragt sich jedoch, ob die Arbeit an der Bibel nun wirklich mit der gebotenen Liebe zur Wahrheit geschieht – oder gesteuert vom gewünschten Ergebnis.

Diskriminierungsvorwurf:

Wer praktizierte Homosexualität ablehnt, wird schnell der Diskriminierung homosexuell geprägter Menschen verdächtigt. Seine Position wird damit als von vorn herein unhaltbar gebrandmarkt. – Über die bedingungslos annehmende Liebe Gottes zu allen Menschen herrscht in Wahrheit aber breite Übereinstimmung.

Undifferenzierte Emotionalisierung:

„Ich bin homosexuell und glücklich, einen Menschen an meiner Seite zu haben.“ – Ja, das von Gott ausdrücklich bestätigte Glück menschlicher Nähe und Hilfe („Es nicht gut, dass der Mensch allein sei“) sollten wir jedem von Herzen gönnen und wünschen! Es fragt sich jedoch, ob der allgemeine Konsens darüber unbesehen als emotionale Tür zur Bejahung gelebter Homosexualität benutzt werden darf. Nicht nur Ehe und Familie, sondern auch Lebensgemeinschaften von Menschen gleichen Geschlechts kennt das Christentum seit seinen Anfängen: mit Jesus und seinen 12 Jüngern. Dies allerdings ohne gelebte Homosexualität – und in der langen Geschichte der Orden und Kommunitäten auch mit dem sehr ehrlichen Eingeständnis, dass eine gesunde Beherrschung und Kanalisierung des sexuellen Triebes ein harter Kampf ist!

Anthropologischer Kurzschluss:

„Sexualität gehört zum Menschsein wie Essen und Trinken. Sie wollen das den Menschen doch nicht vorenthalten!“ – Nein, aber der Mensch sollte und kann sich sexuell gesund entfalten oder auch bewusst enthalten – und sich gerade damit als ein nicht nur triebgesteuertes Wesen bewähren und auf diesem Wege Reifung erfahren.

Humanwissenschaftliche „Aufklärung“:

„Sie werden doch humanwissenschaftliche Erkenntnisse unserer Zeit nicht einfach ausblenden wollen!“ – Nein, ein Ausblenden wäre töricht! Die Aufforderung, endlich aus der Rückständigkeit aufzuwachen, verkennt jedoch, dass es in der Sexualwissenschaft noch immer kaum eindeutige und gesicherte konsensuale Ergebnisse zur Genese der Homosexualität gibt (nachdem die genetische Erklärung vom Tisch ist, wird gegenwärtig neben den psychologisch-soziologischen ein epigenetisches Modell diskutiert). Schon deshalb ist mir Gottes „Aufklärung“ in der Bibel wichtig!

Moralgeschichtliche Rechtfertigung:

„Nach Zeiten der Verfolgung Homosexueller und nach Jahren der Heimlichtuerei in meinem eigenen Leben ist es sehr befreiend, meine Beziehung offen leben zu können.“ – Ja, Diskriminierung und Doppelmoral sind vom Übel! Es fragt sich jedoch, ob diese Irrwege nun automatisch praktizierte Homosexualität als moralisch gut und als richtigen Weg begründen können.

Marginalisierung:

„Die nur wenige Bibelstellen zum Thema Homosexualität weisen es als Randthema aus, über das man durchaus verschiedener Meinung sein kann.“ – Immerhin geht es in mindestens 7 Stellen (auch) um Homosexualität. Die Einbindung in große biblische Themenkomplexe macht diese Aussagen sehr gewichtig und stellt ihnen viele Bibelstellen zur Seite, in denen es nicht dezidiert um Homosexualität geht. Man hat die ganze Wucht des biblischen Menschenbildes, des Schöpfungsauftrages, des Heiligkeitsdenkens u.a.m. gegen sich, wenn man praktizierte Homosexualität verteidigen möchte.

Das Schweigen Jesu

…ist gerade kein Beweis dafür, dass Jesus dieses Thema als unwichtig erachtet hätte, sondern eher ein Indiz dafür, dass es dazu im Judentum keine Meinungsunterschiede und keinen Klärungsbedarf gab. Wenn Paulus in heidnischer Umgebung Klärungen als nötig erachtete, dann ist sein geistgewirktes Wort die Stimme Jesu für die neue Situation, denn: „Der Herr ist der Geist.“

Innerbiblische Entkräftung I (AT):

„Sie suchen aus, was Ihnen passt und übergeht anders einfach! Weshalb soll das Verbot praktizierter Homosexualität in 3. Mose 18 noch gelten, das Rasierverbot in 3. Mose 19,27 aber nicht?“- Weil es beim Rasierverbot vom Kontext her um heidnischen Trauerriten geht, die bei uns keine Rolle mehr spielen, bei der Homosexualität aber -wie die Aussagen des NT belegen – um eine schöpfungstheologisch-grundsätzliche Frage.

Grundsätzliche historische Relativierung:

„Sie werden doch Texte, die vor 2000 Jahren geschrieben worden sind, nicht als für heute gültig ansehen!“ – Doch! Die Bibel ist noch immer der „Kanon“ (Maßstab) unserer Kirche. Innerhalb eines reformatorischen Schriftverständnisses ist es nicht möglich, in rationalistischer Manier die Kategorien „Offenbarung“ und „Wort Gottes“ auszublenden und die Bibel lediglich als zeitbedingtes Kulturdokument zu lesen.

Sexualgeschichtliche Eingrenzung:

„Die Autoren der Bibel kannten in ihrer Zeit und Kultur Knabenliebe und homosexuelle Promiskuität und Prostitution, aber keine verantwortlich und treu gelebten homosexuellen Beziehungen. Deshalb betreffen ihre Aussagen unsere heutigen Partnerschaften gar nicht.“ – Ja, Verantwortung und Treue sind wertvolle Tugenden, Promiskuität und Prostitution ein ethischer Skandal! Nur gab es auch in der griechisch-römischen Antike bereits dokumentierte Fälle der Treueform der Homosexualität. Und der Gottes- und Welt-erfahrene Paulus lehnt in Römer 1 trotzdem alle Formen pauschal als Sünde und als gegen den Schöpfer und die Schöpfung gerichtet ab.

Rein moralischer Sündenbegriff:

„Wieso soll homosexuelles Verhalten Sünde sein? Es entsteht dadurch doch niemandem Schaden!“ – Das frage ich mich zwar im Blick auf den betroffenen Menschen selbst, im Blick auf mögliche Adoptivkinder und im Blick auf die Gesellschaft als Ganze. Wenn man hierin aber auch unterschiedlicher Meinung sein kann, ist eines von der Bibel her völlig klar: Ein moralischer Sündenbegriff greift zu kurz. Sünde ist zuerst eine Beziehungs- und Zielverfehlung Gott gegenüber. Und als Handlung gegen seinen ausdrücklichen Willen ist homosexuelle Praxis ein Betrüben Gottes, auch wenn der homosexuelle Mensch eigentlich aufrichtig eine gute Gottesbeziehung sucht.

Exegetische Verbiegung:

„Im Römerbrief schreibt Paulus von Menschen, die den natürlichen Umgang verlassen haben und sich als Heterosexuelle homosexuell betätigen. Homosexuell geprägten Menschen sind gar nicht im Blick.“ – Das ist ergebnisgesteuerte Wunschauslegung! Natürlich ist dieses „Verlassen“ bei Paulus kollektiv gemeint: Männer als Männer und Frauen als Frauen haben ihre schöpfungsgemäße Rolle verlassen und vertauscht.

Innerbiblische Entkräftung II (NT):

„In Römer 1 wird die „Natur“ (physis) als Argument gegen homosexuelle Praxis ins Feld geführt und in 1. Kor 11,6 als Argument gegen lange Haare beim Mann. Es geht also lediglich um eine zeitbedingte Geschmacksfrage.“ – Keineswegs, denn das Wort „physis“ konnte damals sozusagen in schwacher und in starker Form verwendet werden. In schwacher Form meinte es einfach Sitte und Gewohntes; wir würden dafür eher Kultur statt Natur sagen. Die starke Form ist die Schöpfung selbst mit ihren Ordnungen und ihrer Orientierungskraft für den Menschen. Der Kontext beweist jeweils, dass 1. Kor 11,6 die schwache Form, Römer 1die starke Form meint.

Automatische Gleichsetzung von Natur und Schöpfung:

„Wenn Sie von Schöpfung reden, dann gehört doch wohl auch die Homosexualität dazu! Also ist der homosexuelle Mensch von Gott selbst so gemacht und gewollt.“ – Im biblischen Verständnis ist mit Schöpfung „nicht einfach das, was tatsächlich in der Natur vorkommt (gemeint), sondern das, was der Natur der gottgewollten Schöpfung entspricht.“ (TRE 31, S. 211, 231f.) Dass die „Natur“ uns vieles klar erkennen lässt, anderes aber nicht, hängt damit zusammen, dass sie in den Sündenfall hineingerissen wurde. Das heißt, dass die Natur zwar ein großartiges Lehrbuch ist, ein Lehrbuch aber mit manchen zerrissenen Seiten und damit oft kein eindeutiges Lehrbuch! Und das bedeutet, dass wir zu ihrer Interpretation und zu unserer Orientierung einen festen Maßstab jenseits der Natur und jenseits von uns selbst brauchen. Der Hinweis auf Homosexualität im Tierreich oder auf Homosexualität beim Menschen als „Naturgegebenheit“ greift ethisch also gerade nicht. „Wo das Faktische zur Norm wird, ist die Würde des Menschen preisgegeben als eines Wesens, das sich zu sich selbst, auch zu seinen Wünschen und Trieben verhalten kann.“ (Heinzpeter Hempelmann)

Theologiegeschichtliche Relativierung:

„In der Sklavenfrage und bei der Frauenordination ist die Theologie auch aufgrund besserer Erkenntnis von der biblischen Einschätzung abgerückt.“ – Keineswegs! Hier sind nur die bereits im NT angedeuteten Linien deutlich ausgezogen und in neuen Kontexten mehr vom „Innen“ auch ins „Außen“ gerückt (siehe Philemonbrief). Die Ablehnung der Homosexualität wird hingegen im NT sogar noch verstärkt und schöpfungstheologisch begründet.

Hermeneutische Korrektur I (christologisch):

„Die Christusmitte der Bibel lässt das Thema Homosexualität als Randthema erscheinen und korrigiert die Ablehnung in Annahme durch Christus.“- Ja, der Mensch wird von Christus angenommen, die Sünde aber abgelehnt. Allein schon als Sünde, die durch den Opfertod Christi vergeben werden kann, ist praktizierte Homosexualität in der Relation zur Christusmitte wichtig. Dass freilich Kreuz und Auferstehung alles weit überstrahlen und letztlich alles verändern können, sollte fröhlich betont werden.

Hermeneutische Korrektur II (pneumatologisch):

„Geist statt Buchstabe!“ – Abgesehen davon, dass die dafür bemühte Bibelstelle (2. Kor. 3,6) von Gesetz und Evangelium spricht und nicht von gebundener oder freier Auslegung: Eine Geistlehre ohne enge Bindung an die Schrift ist nach lutherischem Verständnis Schwärmerei. Und jede geistgewirkte Vertiefung oder Erweiterung des Sinnes einer Schriftstelle (sensus pleneor) hat am klaren Wortsinn der Schrift und am kanonischen Zusammenhang ihr Maß zu nehmen und nicht umgekehrt. Und selbst wer (m.E. fälschlicherweise) annimmt, dass das Wort der Bibel erst durch den Geist je und je Wort Gottes wird, hat keinen Grund anzunehmen, dass dieses aktuelle Wort zum inhaltlichen Gegenteil dessen wird, was dasteht.

Spaltungsvorwurf:

„Wollen Sie mit Ihrer Meinung die Spaltung der Kirche riskieren?!“- Mir und der Sächsischen Bekenntnisinitiative als Ganzer liegt sehr viel an der Einheit, für die Jesus selbst gebetet hat. Nicht wir aber haben die „Büchse der Pandora“ geöffnet, sondern die EKD und die sächsische Kirchenleitung, indem sie das Pfarrhaus mehr oder weniger weit für homosexuelle Lebensgemeinschaften geöffnet haben. Dass aus der geöffneten „Büchse“ Trennung gekrochen ist und zu kriechen droht, schmerzt sehr. Im großen Maßstab hat der kirchengeschichtlich ungeheuerliche Paradigmenwechsel westlicher Kirchen einen Keil zwischen sie und die mindestens zwei Drittel der Christenheit getrieben, die die Bibel weiter so zu verstehen gedenken wie die Väter (und wie sie sich selbst versteht). Die äthiopische Mekane-Yesus-Kirche hat ihrem Entsetzen und ihrem Schmerz bereits durch die Aufkündigung der Kirchengemeinschaft mit den schwedischen Lutheranern Ausdruck verliehen. Unter den lutherischen Bischöfen Tansanias werden ähnliche Schritte erwogen.- Gerade um der Einheit der Christenheit willen sollte die EKD von ihrem unbiblischen Weg umkehren und die sächsische Kirchenleitung ihren verhängnisvollen Beschluss zurücknehmen!

Ausweglosigkeitsvorwurf als „Knockout“:

„Wenn Sie Recht hätten, gäbe es für Homosexuelle keine wirkliche Hilfe, keinen Ausweg, keine christliche Perspektive. Das allein zeigt, dass Ihre Meinung falsch sein muss und dass sie nicht zu Jesus passt!“- Doch, sie passt sehr gut zu Jesus Christus und sieht in ihm den entscheidenden und wirklichen „Nothelfer“: Das rettende Evangelium von Christus gilt Homosexuellen wie allen anderen Sündern auch; ihnen gilt die durch Christus ermöglichte Befreiung, Veränderung und innere Erfüllung; oder aber die durch Christus geschenkte Kraft, den Kampf der freiwilligen Abstinenz siegreich zu führen. Und dazu und für alle Grautöne des Lebens gibt es in der Gemeinde Jesu liebevolle und orientierende Seelsorge und stärkende Gemeinschaft.

Anders verhält es sich mit den o.g. vermeintlichen „ Nothelfern“! Mit ihrer Hilfe werden Liebe und Wahrheit getrennt. Statt ethische Klarheit und die durch Christus erworbene Erlösung und Rechtfertigung zusammenzuhalten, wird homosexuelle Praxis gerechtfertigt. Statt die verändernde oder zum freiwilligen Verzicht befähigende Kraft Christi zu verkündigen und in stützender Gemeinschaft zu leben, wird Lebenshilfe auf biblischer Basis verweigert. Stößt man doch (gegen 1. Kor 6,11) nicht selten sogar auf eine Dogmatisierung der Unveränderlichkeit der Homosexualität! – Es sollte unter uns als in einer lutherischen Kirche eigentlich als Konsens gelten, dass die Heilige Schrift der Maßstab für Lehre, Leben und Dienst der Kirche ist und dass auch die Kriterien für das Verständnis der Bibel zuallererst aus der Bibel selbst entnommen werden. Dieser Konsens scheint leider nicht mehr vorhanden zu sein. – Auch dafür wäre Christus jedoch der wahre Nothelfer, wenn er spricht: „Suchet in der Schrift!“ Dass dies in dem begonnenen Gesprächsprozess mit Liebe füreinander und mit Liebe zur Wahrheit geschieht, wünsche ich mir sehr.

– Quelle: Sächsische Bekenntnis-Initiative, Gunter Geipel // Bild: ©pixelio/Hajo Rebers