Burnout: größte gesundheitliche Gefahr

burnout_gefahrAusgebrannt. Leer. Antriebslos: Rund neun Millionen Menschen leiden am Burnout-Syndrom, schätzen Experten der Krankenkassen. Seit dem Rücktritt von Schalke-Trainer Ralf Rangnick bewegt das Thema auch die deutschen Medien. Was passiert bei einem Burnout und welche Personen sind gefährdet?

Rangnick zog die Notbremse wegen völliger Erschöpfung, ebenso ging es dem ehemaligen SPD-Chef und heutigen Ministerpräsidenten von Brandenburg, Matthias Platzeck, dem Skispringer Sven Hannawald und dem Fernsehkoch Tim Mälzer. Es sei gewesen, als habe man ihm „die Stromkabel durchgeschnitten“, beschrieb Mälzer die Symptome gegenüber dem „Spiegel“.

Aber das Burnout-Syndrom betrifft nicht nur Promis, sondern hat seine Opfer in fast allen Branchen. Die IG Metall befürchtet, dass beruflicher Stress zu einer der „größten gesundheitlichen Gefahren des 21. Jahrhunderts“ wird. „In den Metallbetrieben und anderen Unternehmen unseres Organisationsbereichs ist eine dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen und von Burnout festzustellen“, sagte Hans-Jürgen Urban, Vorstandsmitglied der IG Metall, gegenüber der „Berliner Morgenpost“. „Hier tickt eine gesellschaftliche Zeitbombe“, titelte vor kurzem die „Süddeutsche Zeitung“.

Nur wer brennt, kann auch ausbrennen

Es trifft vor allem die Engagierten und Einsatzbereiten, Menschen mit Idealismus und hohen Ansprüchen, aber auch die Hilfsbereiten, die nicht Nein sagen und diejenigen, die versuchen, es allen recht zu machen. Sie alle setzen sich ein und arbeiten gerne. Oft ist der Druck am Arbeitsplatz immens, Zeitdruck und Stress, aber auch die Vermischung zwischen Arbeit und Privatleben. Auch die Erwartung vieler Arbeitgeber, dass Angestellte und Geschäftspartner ständig verfügbar sein müssen, trägt dazu bei, dass Menschen kaum noch zur Ruhe kommen.

Burnout kommt aus dem englischen „to burn out“ und bedeutet ausbrennen. Der Psychoanalytiker Herbert Freudenberger hat den Begriff geprägt. Ausbrennen könne nur, wer vorher gebrannt habe. Martin Grabe, Chefarzt der Abteilung Psychotherapie in der Klinik „Hohe Mark“, erklärt es als „Zustand chronischer starker Erschöpfung mit verminderter Leistungsfähigkeit“, dieser stehe am Ende einer langen Entwicklung. Die Diagnose Burnout findet sich allerdings nicht auf der Einweisung, denn sie ist keine klassifizierte Krankheit nach der ICD-10-Verschlüsselung der Weltgesundheitsorganisation. Stattdessen heißt es „vegetatives Erschöpfungssyndrom“ oder „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“.

Die Negativ-Spirale stoppen

Im fortschreitenden Burnout-Prozess verlieren Menschen ihre Leistungsfähigkeit und entwickeln vielfältige Störungen. Körperliche Symptome sind Schlafstörungen, daraus resultierende ständige Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen, Herzbeschwerden, Schwindelattacken und Konzentrationsstörungen können ein Burnout begleiten. „Der chronische Stress beeinträchtigt auch das Immunsystem – das führt zu häufigeren Infekten“, erklärt Chefarzt Grabe.

„Je erschöpfter ich war, desto mehr grübelte ich darüber nach, wie ich alles schaffen könnte“, beschreibt ein Pastor sein Burnout-Syndrom. Zwei Jahre lang hatte er die Gemeindegründung verantwortet, investierte alle Kraft und Zeit – dann konnte er nicht mehr. Der Schlafmangel führte zu immer größerer Erschöpfung. Eine Negativ-Spirale hatte begonnen, aus der er nicht mehr herausfand. „Dass Menschen sich immer stärker anstrengen, obwohl sie erschöpft sind, ist typisch für die Anfangsphase eines Burnouts“, erklärt Martin Grabe. „Ein Burnout entsteht aber niemals nur durch hohe Arbeitsbelastung, sondern durch ein Missverhältnis von Erfolg und Misserfolg.“ Ebenso brennen oft Menschen aus, die sich ehrenamtlich stark engagieren, aber keine Anerkennung erfahren.

Vorgesetzte haben Vorbildfunktion

Etliche Arbeitgeber haben die Gefahr und auch die volkswirtschaftlichen Folgen der Krankheit erkannt und reagiert. Beispielsweise hat der Stromkonzern Vattenfall ein Präventionsprojekt für seine Mitarbeiter entwickelt. Heute setzt das Unternehmen nicht mehr nur auf Powerpoint-Präsentationen, sondern auch auf Meditation und Achtsamkeitsübungen, heißt es in dem Artikel „Erschöpft und ausgebrannt“ im Magazin „Stern“. Vattenfall versuche auch, den Arbeitsanfall zu verringern: „Ein Mail und Meeting-Knigge legt unmissverständliche Regeln fest“, so der „Stern“. Danach seien Mails am Wochenende und nach Feierabend nur in Notsituationen erwünscht.

„Vorgesetzte haben Vorbildfunktion. Wer dauerhaft Höchstleistungen einfordert, sollte auf die Regeneration seiner Mitarbeiter achten. Führungskräfte müssen vorleben, dass Urlaub tatsächlich Urlaub ist und Feierabend Feierabend“, zitiert „Stern“ den Leiter der Personalentwicklung der Bayerischen Landesbank „Bayern LB“, Andreas Blank.

Urlaub reicht nicht aus

Burnout-Patienten benötigen professionelle Hilfe. Ein Urlaub oder eine Kur reichen nicht aus, sagt Grabe. Betroffene fallen mehrere Wochen, oft sogar Monate aus. Aber nicht alle Burnout-Patienten müssen stationär aufgenommen werden, oft reicht eine ambulante Therapie in der Tagesklinik aus. In der Klinik „Hohe Mark“ in Oberursel liegen die Wartezeiten derzeit bei sechs bis acht Wochen, weiß Grabe. Einen Beratungstermin in der Ambulanz bekämen Patienten aber bereits früher. Wichtigster Baustein der Behandlung ist die psychotherapeutische Begleitung. „In der Therapie erforschen wir dann gemeinsam, welche Grundhaltung zum Leben oder zum Beruf hinter der Problematik steckt“, sagt der Chefarzt.

Nicht immer nehmen Betroffene die Erkenntnisse aus der Therapie gerne an: „Es fällt ihnen schwer, vom perfektionistischen Selbstbild und hohen Ansprüchen an sich selbst herunterzukommen“, erklärt der Psychiater. „Selbsterkenntnis ist auch mit Loslassen und einem Trauerprozess verbunden.“ (pro)

 

– Quelle: Medienmagazin pro // FOTO: ©pixelio/Gerd Altmann