Das Anliegen des Rufes zum Glauben

homiletik

„Das Anliegen ist bereits im Motto meines Aufsatzes formuliert und damit theozentrisch (d.h. von Gott her) bestimmt: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2Kor. 5,20). Es geht zunächst allein um die Klärung des persönlichen Verhältnisses zwischen dem heiligen Gott und einem sündigen Menschen. Der Sünder soll mit Gott versöhnt, ins Reine gebracht werden, was voraussetzt, dass der natürliche Mensch sich gegenüber seinem Schöpfer in einem unversöhnten, deutlicher: in einem feindschaftlichen Verhältnis befindet.

An diesem Punkt wird die erste große Weiche für die evangelistische Praxis gestellt. Martyn Lloyd-Jones hat das immer wieder mit Nachdruck betont: Es sei sicher richtig, dass uns das Evangelium auch von einzelnen, bestimmten Sünden befreie, aber darin bestehe nicht das primäre Anliegen der Evangelisation. Ihr gehe es – grundsätzlicher und umfassender – darum, verlorene Menschen in eine persönliche Verbindung mit Gott, in ein geheiltes Verhältnis zu ihrem Schöpfer zurückzubringen. Unter dem Zorn Gottes lebende Geschöpfe (Röm. 1,18 u.ö.; vgl. Joh. 3,36) sollen Kinder des lebendigen Gottes werden (Röm. 8,14-17; vgl. Joh. 1,12). Darin besteht das Hauptanliegen aller Evangelisation. Wo es nicht zu dieser Bereinigung des Gottesverhältnisses kommt, vergeht sich der Mensch an der Ehre Gottes und befindet sich selbst in der Gefahr der ewigen Verdammnis.“ Darum zielt evangelistische Predigt auf den Glauben an das Evangelium, weil dies der einzige Weg ist, auf dem der Sünder gerettet wird.

Leider räumt man dem biblisch vorgegebenen Anliegen in der evangelikalen Evangelisation nicht überall und selbstverständlich den ihm zustehenden Rang ein. Oft wird es in der praktischen Verkündigung – meist ohne dass der Prediger sich dessen bewusst ist – von einem konkurrierenden Anliegen unterlaufen. Dieses Konkurrenzanliegen orientiert sich weniger am Gottesverhältnis des Predigthörers, sondern wendet sich vor allem seiner persönlichen Befindlichkeit und bestimmten existentiellen Sorgen zu.“

– Wolfgang Nestvogel in „Dynamisch evangelisieren“, 114ff.