Der Griff zur Macht – Rezension von Johannes Pflaum

Erdmann Griff zur MachtDer Griff zur Macht – frommes Phantomgebilde oder aufrüttelnde Realität? Eine Stellungnahme von Johannes Pflaum zu dem Buch von Martin Erdmann, Der Griff zur Macht, Dominionismus – Der Evangelikale Weg zu Globalem Einfluss, Bethanien 2011

Martin Erdmann behandelt in seinem Buch das immer deutlicher werdende Streben des Evangelikalismus nach Anerkennung und Einfluss in Gesellschaft und Politik. Dabei untersucht er verschiedene Strömungen und Personen, welche unter den Evangelikalen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Er zeigt, wie diesen verschiedenen Strömungen das Streben nach Einfluss und Macht zu eigen ist, welche Philosophie und Denkrichtung dahinter steht, und wie natürlich alles vermeintlich unter dem Vorzeichen des Evangeliums und der Missionierung geschieht. Dieses Streben soll die Kultur, Gesellschaft und Menschheit verändern und damit das sichtbare Reich Gottes auf Erden bringen, was Erdmann unter dem Begriff Dominionismus zusammenfasst.

Einige kritische Anmerkungen

Auf dem Hintergrund meiner Auseinandersetzung mit Weltverschwörungstheorien ging ich kritisch an das Buch heran. Tatsächlich gibt es darin verschiedene Rückschlüsse und Behauptungen des Autors, die spekulativ sind und den Bereich der Verschwörungstheorien tangieren. So bleiben Fragen offen, ob beispielsweise der Neo-Evangelikalismus wirklich von langer Hand geplant und bewusst gesteuert ist, um den Evangelikalismus zu zersetzten, und wie weit hier verschiedentlich versuchte Einflussnahme etwa durch die Rockefeller-Brüder erfolgreich waren (S. 33-42).

Auch was die Übernahme des „Mantels“ und der damit verbundenen Führungsrolle von und durch Billy Graham in diesem Prozess betrifft, darf in Frage gestellt werden (S. 36-38). Wie zuverlässig sind die genannten Quellen? Entspringen die ökumenischen und inzwischen auch universalistischen Tendenzen von Graham einer bewussten Steuerung, oder ist dieser zweifelsohne von Gott gebrauchte Mann seiner eigenen Popularität zum Opfer gefallen? Ähnlich spekulativ wirken manche Vermutungen über eine veränderte Missiologie und des damit verbundenen Evangeliums (S. 59-72). An einigen anderen Stellen wird ebenfalls eine unnötige Nähe zu Spekulationen und zu Verschwörungstheorien deutlich (S. 190-196). Dies hat ein faktisch so fundiertes Buch eigentlich nicht nötig, und der Autor bietet damit seinen Kritikern nur in unnötiger Weise eine offene Flanke.

Die kritischen Anmerkungen sind das Eine. Sie sollen aber nicht überdecken, dass dieses Buch nach meiner Einschätzung zu großen Teilen in seiner sachlichen Auseinandersetzung und Analyse hervorragend ist. Was Erdmann über die ganze Veränderung des Evangeliums, der Missiologie, der Ekklesiologie und der damit verbundenen Reich-Gottes-Erwartung schreibt, trifft an vielen Stellen den Nagel auf den Kopf. Obwohl sein Buch hauptsächlich die amerikanische Situation beschreibt, sind die mit ihr zusammenhängenden Entwicklungen im deutschsprachigen Raum offensichtlich.

Was ist das Anliegen dieses Buches?

Damit dieses Buch nicht ungerechtfertigter Kritik zum Opfer fällt, muss seine Zielrichtung beachtet werden. Martin Erdmann hat keine Ausarbeitung, z.B. über das Verhältnis von Mission und sozialem Engagement geschrieben. Das hätte den Rahmen des Buches gesprengt. Vielmehr legt er offen, wie in der Missiologie und Evangeliumsverkündigung eine tragische Akzentverschiebung stattgefunden hat von der lebensrettenden Botschaft von Himmel und Hölle hin zu einem sozialen Evangelium und einem damit verbundenen anderen Missionsverständnis. Der Missiologe Ernst Vatter hat das Verhältnis von Mission und sozialem Engagement einmal sinngemäss so formuliert: Entwicklungshilfe im Kielwasser der Evangeliumsverkündigung. Erdmann macht, mit anderen Worten ausgedrückt, deutlich, dass der Trend zu Evangeliumsverkündigung im Kielwasser von sozialer und gesellschaftlicher Transformation geht – ganz abgesehen von der Frage, ob es sich überhaupt noch um eine bibelgemäße Evangeliumsverkündigung handelt.

So waren in der Vergangenheit soziale Veränderung und Hilfe in der Evangelisation und Mission immer die Folge von Bekehrung und Errettung der Menschen. Niemals aber war es ein Ziel, welches der Evangelisation gleichgesetzt oder sogar noch vorangestellt wurde. Die oben erwähnte tragische Akzentverschiebung belegt Erdmann u.a. an der Micha-Initiative der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA). Dabei zeigt er, dass diese Initiative nicht eine Idee der WEA war, welche dann dankend von der UN begrüsst wurde, sondern dass sie sich an den UN-Millenium-Entwicklungszielen orientierte und von diesen inspiriert wurde (S. 181-185). In dem Buch wird außerdem deutlich, welche Folgen eine postmillennianistische Sichtweise haben kann (wohlgemerkt „kann“!), welche meint, das sichtbare Reich Gottes auf dieser Erde vor der Wiederkunft Jesu errichten zu können.

Eine umfassende Darstellung von Fakten und Personen

In seinem Buch führt der Autor eine ganze Reihe von Bewegungen und Personen auf, welche zu einem veränderten Verständnis in der Evangeliumsverkündigung und dem Missionsverständnis beigetragen haben, bzw. davon beeinflusst sind. Die Bewegungen reichen von der Neuen Apostolischen Reformation, über die Ganzheitliche Mission, bis zur Globalen Transformation und der Emergent Church. Zu den damit zusammenhängenden Personen gehören Billy Graham, C.P. Wagner, Donald A. McGavran, Bill Bright, Loren Cunningham, Rick Warren, Bill Hybels, Erwin R. McManus Brian McLaren u.a. Der Autor beleuchtet die Hintergründe von Warrens P.E.A.C.E.-Plan, dem Terra Nova-Projekt und anderen Konzepten. Es wird dargelegt, was unter ganzheitlicher Mission, dem globalen Universalismus, Paradigma-wechsel u.a. zu verstehen ist. Erdmann lässt die angeführten Vertreter durch Zitate reichlich zu Wort kommen, was für den Leser ein klares Bild ihrer Theologie und Stoßrichtung ergibt. Besonders am Beispiel von Rick Warren wird dies deutlich, dessen verändertes Gemeinde-, Missions- und Evangeliumsverständnis der Autor durch viele Zitate belegt. Er zeigt, dass man die bekannten Bücher von Warren „Kirche mit Vision“ und „Leben mit Vision“ nicht losgelöst von der damit verbundenen Sozialphilosophie sehen kann. In diesem Zusammenhang erkennt man deutlich den Einfluss des Management-Gurus Peter Drucker mit seinem esoterischen Hintergrund auf R. Warren, B. Hybels und andere Vertreter der Mega-Church und Emerging Church. Besonders aufschlussreich ist Druckers Modell des dreibeinigen Stuhls (Gemeinwesen/Kirchen, Wirtschaft, Politik); an ihm macht Erdmann verständlich, was die Vorgehensweise und die Ziele von Druckers Schülern sind.

Der kritische Beobachtung, welcher beispielsweise die Lausanner Bewegung oder die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM) unterzogen wird, mag manchem Leser anstössig erscheinen. Trotzdem ist sie hilfreich und wichtig. Es sei in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, dass Francis Schaeffer in seinem letzten Buch seine Sorge darüber zum Ausdruck brachte, dass es durch die Hintertür der „Lausanner Erklärung zur Bibel (1974)“ zu schwerwiegende Akzentverschiebungen innerhalb des Evangelikalismus kommen würde. Auch die AEM hat seit ihrer Gründung eine Veränderung ihrer geistlichen Bandbreite erfahren. Erdmanns Analyse kann durchaus als Antwort auf diese Entwicklungen angesehen werden.

Außerdem wird in diesem Buch deutlich, welche erschreckende Ähnlichkeiten und Berührungspunkte es zwischen manchen Gedanken von New-Age-Vertretern, der Theosophie und einem veränderten Missions- und Evangeliumsverständnis unter den Neo-Evangelikalen gibt. Auch wenn nicht allen angeführten Personen und Organisationen eine böse Absicht zu unterstellen ist, muss diese Entwicklung trotzdem alarmieren. Am Beispiel von E. McManus ist erkennbar, wie durch das Anliegen der Transformation und einer emergenten Kirche die Grenze zum Mystischen und Synkretistischen fließend wird.

Ein Puzzlebild setzt sich zusammen

Beim Durcharbeiten des Buches setzten sich für mich verschiedene Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. So macht Erdmann auf die Vermischung von amerikanischem Patriotismus und Dominionismus in seinem Buch aufmerksam, die von einigen Vertretern dieser Richtung (nicht von allen!) praktiziert wird (S. 52- 55 u. 133-139). In diesem Zusammenhang spricht er von der Verquickung patriotischer Dominionisten und Neo-Konservativer in der Politik. Auf diese verhängnisvolle Entwicklung hat schon vor Jahren Phil Johnson aufmerksam gemacht. Jeremy Scahill weist in seinem Buch über das Söldnerunternehmen Blackwater ebenfalls auf diese Verbindung von politischen und evangelikalen Interessen in den USA hin. In diesem Zusammenhang erwähnt Scahill Charles Colson, Pat Robertson, James Dobson u.a. So bestätigt dieses säkulare Buch die Beobachtungen Erdmanns.

Im Zusammenhang mit „Eine Evangelikale Agenda: 1984 und danach“ kommt Erdmann auf die Rolle und den Einfluss des Wheaton-College zu sprechen (S. 92ff). Eine Person, die selbst mit diesem College verbunden war, machte mich schon vor Jahren bei einem Israelaufenthalt auf den starken Einfluss von Wheaton in Sachen Transformation und Emerging Church aufmerksam.

Die St. Matthäusgemeinde in Bremen lernte ich in den 80er Jahren als eine erweckliche und bibeltreue Gemeinde kennen. Als ich dieser Gemeinde am 06.12.2008 im Rahmen der Fernsehsendung „Ein Herz für Kinder“ wieder begegnete, war es für mich unfassbar, wie es dazu kommen konnte, dass sie für ihr Projekt „Ein Zuhause für Kinder“ die Popsängerin Sarah Connor als Projektpatin einspannte und sowohl um prominente Sponsoren wie auch gesellschaftliche Anerkennung warb. Durch Erdmanns Ausführungen ab Seite 111ff, in denen er den Einfluss von Warrens Konzept auf die St. Matthäusgemeinde erwähnt, wurden die Zusammenhänge für mich klarer.

Vor einigen Jahren war ich zugegen, als der Leiter eines großen evangelikalen Missionswerkes in Deutschland interviewt wurde. Die in seinen Ausführungen klar bezeugte Solidarität mit der Micha-Initiative stimmte nachdenklich. Trotzdem vermutete ich zunächst einen guten missionarischen Willen, der nicht um die Hintergründe dieses Programms wusste. Die anschließende Predigt desselben Missionsleiters über Micha 4,1-5 ließ dann allerdings eine klare heilsgeschichtliche Schau vermissen, was im Nachhinein für mich kein Zufall mehr ist. Inzwischen lassen verschiedene Publikationen dieses Missionswerkes eine Veränderung im Missionsverständnis gegenüber früheren Positionen, wie im Buch von Erdmann dargestellt, erkennen.

In der jüngeren Vergangenheit las ich den Jahresbericht eines anderen Leiters eines evangelikalen Missionswerkes in Deutschland. Was er über Veränderung und Neuausrichtung des Werkes schreibt, deckt sich in grossen Teilen mit den Beobachtungen von Erdmann.

Die Verschiebung, auch im deutschsprachigen Raum, in Richtung eines „Sozial-Evangeliums“ sowie eines transformatorischen Missionsverständnisses sind auch ohne das vorliegende Buch deutlich erkennbar. Martin Erdmann bin ich sehr dankbar dafür, dass er verschiedene Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügt und die Hintergründe dieser Entwicklung aufzeigt. Offensichtlich ist die Veränderung zu einem transformatorischen Gemeindeverständnis unter den deutschsprachigen Evangelikalen auch durch den wachsenden Einfluss von Vertretern dieser Bewegung, wie z.B. Johannes Reimer und Tobias Faix. Die Faktenlage, welche Erdmann darlegt, ist so eindeutig, dass seine manchmal spekulativen und gewagten Rückschlüsse dahinter zweitrangig werden.

Die von Erdmann unter dem Begriff Dominionismus zusammengefassten Strömungen und Personen mögen in manchen Bereichen unterschiedlich und schillernd sein. Trotzdem hat es den Anschein, dass ein großer Teil der Evangelikalen sich aufgemacht hat, denselben in die Irre führenden Weg zu beschreiten – wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen –, der vom Ökumenischen Rat der Kirchen 1968 in Uppsala unter dem diesseitsorientierten Motto „Siehe ich mache alles neu“ beschritten wurde.

Ein einzigartiges Buch

Was die dargelegten Fakten und Strömungen im Neo-Evangelikalismus betrifft, ist dieses Buch – nach meiner Kenntnis – bisher im deutschsprachigen Raum einzigartig. Es bleibt zu wünschen, dass sich betroffene Personen und Institutionen, sowie die Kritiker dieser Darstellung, nicht an manchen spekulativen und durchaus in Frage zu stellenden Rückschlüssen des Autors aufhalten. Vielmehr sollten die dokumentierten Fakten dazu dienen, sich selbst von der Bibel her in Frage stellen zu lassen und die inhaltlichen Verschiebungen innerhalb des Evangelikalismus zu erkennen. Das Buch ruft zur Wachsamkeit, damit wir die schleichende Umdeutung von wohl vertrauten Begriffen mitsamt ihren Inhalten nicht übersehen.

Ich danke Martin Erdmann für dieses Buch, in dem er uns die Augen öffnet für das sich anbahnende „große evangelikale Desaster“ (Originaltitel von Francis Schaeffers „Die große Anpassung“) – sofern kein Umdenken und keine Umkehr stattfinden. Christus wird seine Gemeinde bauen, auch durch allen Abfall hindurch (Mt 16,18). Damit stellt sich aber die Frage, ob er seine Gemeinde mit uns, ohne uns oder sogar gegen uns baut.

– Johannes Pflaum, mit freundlicher Genehmigung