Die Dauer der Predigt

Armbanduhr

Die Predigt dauerte mir entschieden zu lang. Zunächst war ich aufmerksamer Zuhörer, obwohl ich nach der langen Einleitung schon etwas erschrocken war, dass ich fünf Punkte zu erwarten hatte, die abgehandelt werden sollten. Eine schnelle Rechnung (auf Kosten der Aufmerksamkeit für den Predigtgegenstand!) ergab: 5 Minuten für jeden Punkt mal 5 = 25 Minuten. Das zur Einleitung hinzu. Mit einer halben Stunde hätte alles noch hinkommen können.

Aber es kam nicht hin. Nach 30 Minuten hörte ich nicht mehr zu, sondern stellte ganz abwegige Betrachtungen an. Vielleicht waren sie nicht so ganz abwegig, so dass es sich lohnte, sie anderen Predigern mitzuteilen. Abwegig freilich waren meine Gedankengänge für den Gegenstand der Verkündigung in der Predigt selbst.

Da ich von der guten Absicht des Predigers durchaus überzeugt war, fragte ich mich: »Warum predige ich denn länger als eine halbe Stunde?« Ich gebe das nicht gern zu, aber meine Frau hat letztens genau auf die Uhr gesehen und mir dann nachher gesagt, wie viel ich über eine halbe Stunde hinausgegangen war.

Nun versuchte ich erst einmal gute Gründe beizubringen, die für das längere Predigen sprachen. Ich wollte gern sehr deutlich sein in meinen Darlegungen. Warum aber konnte ich das nicht in der gebührenden Kürze? Ich muss gestehen, dass meine Gedanken viel zu abstrakt waren, so dass ich die Verständnislosigkeit auf den Gesichtern der Zuhörer ablas. Also musste ich mit immer neuem Ansatz versuchen, allgemeinverständlicher zu werden. Das kostete Zeit. Es kostete auch die Zuneigung der Hörer. Sie kamen sich wie Kinder vor, die man gouvernantenhaft belehrt. Mit Dingen, die sie gar nicht wissen wollten.

Ich wollte meine erarbeiteten Gedanken, den Reichtum aus Gottes Wort, den ich für mich selbst entdeckt hatte, gern auch meinen Hörern ausbreiten. Ich merkte, dass ich nicht gern auf etwas verzichtete, was mir selbst so geglänzt hatte, aber nun etwas grau wirkte. Da packte ich immer weiter aus – und merkte den Augen meiner Hörer an, wie sie dachten: Jetzt ist er eitel auf sein Gedankenfündlein. Jetzt ist er verliebt in diesen schönen Satz.

Darum habe ich mich gelegentlich lieber etwas weniger gut vorbereitet (mir fehlte auch wirklich aus allerlei Gründen die Zeit dazu). Ich tröstete mich: Was im Augenblick geboren wird, ist besonders frisch. Aber dann merkte ich bald, wie ich »schwamm«. Meine Hörer merkten es wohl auch, denn sie waren eigenartig unaufmerksam. Nun suchte ich herauszuholen, was noch zu retten war. Besonders beim Schluss, wo mir grausam klar bewusst wird, dass ich Eigentliches noch gar nicht gesagt habe. Dann bewegt man sich wie auf Serpentinen, aber man kommt zu keinem Höhepunkt.

Mir schien, jetzt fand ich gar keine guten Gründe mehr. Ich musste mir eingestehen, dass meine Predigtlänge oft genug nackte Rücksichtslosigkeit war: Nur ich! Nur ich! Wenn ich nur das Meine getan habe. Was kümmert es mich, ob die Hörer im Herz erfasst werden, mitdenken, in die Nähe Gottes gestellt werden.

Als der Prediger »Amen« sagte, waren über 45 Minuten vergangen. Während der Chor sich zum Lied erhob, liefen fünf Zuhörer hastig aus dem Versammlungsraum. Sie hätten ihre Straßenbahn bald nicht bekommen und wären (nicht gesegnet, sondern verärgert und enttäuscht) eine Stunde später nach Hause gekommen. Ist das nicht so schlimm? Einmal hätte das fast ein Menschenleben gekostet. Das war, als der junge Eutychus in Troas in einen tiefen Schlaf fiel, weil Paulus so lang redete.

 

Dr. Willi Grün, Wort und Tat, Kassel, März-April 1957