Eine falsche Definition von christlichem Fundamentalismus

Fundament

Der einfache Christ ist verwirrt. Wer im Dialog mit Glaubensgeschwistern jeglicher Herkunft steht, der wird früher oder später mit dem sogenannten Schubladendenken konfrontiert und mit der Frage, in welche er denn wohl einzuordnen sei. Die einen betasten sich vorsichtig, um wenn irgendwie möglich doch zumindest einen gemeinsamen Schrank zu finden. Die anderen jedoch befragen sich solange, bis sie dann endlich ihre Meinungsverschiedenheiten entdecken, um sich dann flugs in unterschiedliche Ordner abheften zu lassen.

„Was glaubst Du? In welche Gemeinde gehst Du? Zu welcher Denomination gehört die? Brüdergemeinde? Offen oder geschlossen? Baptisten? Lutheraner? Etwa Calvinist? Wenigstens gemäßigt? Aber doch wohl reformiert, ja?! Offiziell? Und wie stehst Du zur Taufe? Zukunftslehre? Aber vor allem doch bibeltreu, oder etwa nicht? Einfach nur evangelisch oder sogar evangelikal? Aber doch nicht etwa Fundamentalist? Ach, nein!“ Die Fundamentalismusdebatte hat Spuren hinterlassen.

Der sog. Fundamentalist ist in Verruf gekommen, nun auch unter Christen. Als solcher hat man es schwer mittlerweile, die Spaltung wird größer. Dabei hat er doch nur eins: ein Fundament, möchte man glauben. Und? Hat das nicht jeder Christ? Ist der Christ nicht per Definition ein Fundamentalist, weil er ein fundamentales Bekenntnis hat und selbst mit dem Tod vor Augen treu und tapfer daran festhält?

Es gibt eine englische Arbeit, die heißt The Fundamentals. Ein monumentales Werk, in dem die fünf großen Glaubenspfeiler hervorgehoben werden, an welche Christen aller Denominationen festhalten:

1. Die Dreieinigkeit Gottes – Vater, Sohn und Heiliger Geist sind ein und derselbe Gott.
2. Jesus Christus – Er ist und bleibt 100% Mensch und 100% Gott in alle Ewigkeit.
3. Das zweite Kommen Jesu – Er wird wiederkommen, um zu richten und zu herrschen.
4. Rechtfertigung – Aus Gnade allein, durch Glauben allein, in Jesus Christus allein.
5. Die Heilige Schrift – unfehlbar und ausreichend für das christliche Leben.

Wenn also diese fünf Punkte für den christlichen Glauben fundamental sind, ist damit dann nicht gleichzeitig der Fundamentalismus definiert? Und wenn – so sagt das betreffende Werk – es gerade um Übereinstimmungen innerhalb der Christenheit geht, sind dann nicht alle Christen in diesem Sinne Fundamentalisten? Man wünschte, es wäre so einfach.

Stattdessen hat man – für den einfachen Gläubigen nahezu unbemerkt – den christlichen Fundamentalismus enger definiert, um sich als anständiger Mensch dann vehement von ihm abgrenzen zu können. Die mittlerweile „offizielle Version“ finden wir auf Wikipedia und zu unserer Überraschung lesen wir:

Die in den „Fundamentals“ vertretene Haltung entspricht heute im Wesentlichen der evangelikalen Theologie und genügt nicht um den christlichen Fundamentalismus zu definieren. Der Fundamentalismus vertritt eine biblizistische Auslegung der Bibel, die so eng mit dem Heilsglauben verbunden ist, dass andersdenkenden Christen ihr Christsein abgesprochen wird. Ergänzend kommen dazu eine konservative politische Haltung und der Wille, religiös begründete Überzeugungen auch politisch durchsetzen zu wollen.1

Wir halten also fest:

(1) Wer an Fundamentalem festhält, ist nicht automatisch Fundamentalist im Sinne der Anklage. (2) Es bedarf einer „biblizistischen Auslegung der Bibel“ eng verbunden mit dem Heilsglauben und (3) einer konservativen politischen Haltung und der Wille, diese durchsetzen zu wollen.

Was aber nun ist Punkt 2 und wer legt eigentlich fest, ab wann meine Auslegung der Bibel „biblizistisch“ ist? Inwiefern grenzen sich andere Auslegungen davon ab? Sind die fünf großen Fundamentals etwa nicht biblizistisch? Warum nicht?

Der Ausdruck ‚Biblizismus‘ ist zu unterscheiden vom ‚Sola Scriptura Prinzip‘ und „taucht vor allem in polemisch geführten kontroversen theologischen Auseinandersetzungen auf“, so Wikipedia an anderer Stelle. Soso, und wo findet der Begriff der Hermeneutik seinen Platz in der Diskussion? Um Auslegungsfragen geht es, um nichts anderes.

Es scheint jedoch, es geht hier allein um Begrifflichkeiten und man wird es wohl der Willkür und dem menschlichen Wohlwollen überlassen müssen, ob mein Gegenüber mich nun als Biblizist, Bibeltreuer oder Fundamentalist einstufen will. Dasselbe gilt übrigens für Punkt 3: Ist politischer Aktivismus Kennzeichen von Fundamentalismus? Ab wann? Darf ich etwa wählen gehen oder Petitionen unterschreiben?

Übertriebenes postmodernes Toleranzdenken und eine fehlende Streitkultur tragen dazu bei, dass wir in der Diskussion nicht weiterkommen, weder nach hermeneutischen Prinzipien noch sonst irgendwie. Die einen sprechen den „Andersdenkenden“ (ob sie nun hier zu wenig oder dort zu viel ‚biblizistisch‘ auslegen) ihr Christsein ab, die anderen stecken den „Fundamentalisten“ in die Schublade und machen sie schnell zu. Inhaltliche Auseinandersetzung tut aber Not.

Unser Artikel wendet sich an die, die sich von „den Fundamentalisten“ abgrenzen wollen, ohne dabei auch scharf zu definieren, wen oder welche Gruppe sie damit meinen oder was genau sie an ihnen stört. Viele andere – sicher die meisten unter uns – verteidigen gerne „ihren“ Fundamentalismus, ohne wirklich zu wissen, was die Gelehrten heutzutage tatsächlich unter dem Begriff verstehen. Biblische Einheit ist schwieriger geworden.

C.S. Lewis hat in seinem Buch „Pardon, ich bin Christ“ dafür plädiert, wieder den Begriff Christ zu gebrauchen und zwar so, „dass alle verstehen, was gemeint ist.“ Davon sind wir heute leider weit entfernt. Nach Kräften wollen wir uns also bemühen, dem Begriff wieder eine Bedeutung zu verleihen. Wir sind nicht irgendwo wie und von wem auch immer definierte Evangelikale, auch nicht Fundamentalisten, sondern einfache Christen wie damals in Antiochia, nicht mehr aber auch nicht weniger – es ist ein Ehrentitel!

Zweifelsfragen innerhalb der Theologie wird es immer geben, sonst hätten Abschnitte wie Römer 14 und 1.Korinther 8 nicht geschrieben werden müssen. Gemeindezucht soll stattfinden, aber in die richtige Richtung und nicht wegen Zweifelsfragen. Zu bekämpfende Irrlehren sind solche, die die Fundamente unseres Glaubens erschüttern wollen, nicht aber unnütze Streitigkeiten. Von letzteren grenzen wir uns ab und damit natürlich auch von solchen, die uns wegen anderer – unwesentlicher – Auffassungen „das Christsein absprechen wollen“, wie es Wikipedia formuliert. Das sind für uns aber keine Fundamentalisten, sondern Streitsüchtige.

Wir müssen Grenzen definieren: Abgrenzung vom Islam, dem Darwinismus2, der Esoterik, der Charismatik, dem Katholizismus, Homosexualität u.v.a.m. Im Detail und vor allem im praktischen Umgang mit den Themen wird hier jeder seine Grenzen anders ziehen. Was aber jedem Christ bleibt ist ein gemeinsames Fundament des christlichen Glaubens, und damit finden wir, dass der „christliche Fundamentalismus“ in der heutigen Diskussion eher unglücklich definiert wurde. Es sollte ein Begriff sein, der uns eint und nicht einer, der uns spaltet.

Im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem Liebe,“ so ein bekanntes Zitat. Wer am Notwendigen festhält und dieses verteidigt, der ist der wahre Fundamentalist und wird dem HERRN sicher eher gefallen als der, der an Freiheit und Liebe festhält, das notwendige Zeugnis aber verleugnet.

 

1Die Formulierung ist dem Heft „Evangelikale Bewegungen“ von Reinhard Hempelmann entnommen. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, auf das Heft tiefer einzugehen. Ein weiterer Artikel darüber wird wohl folgen. Zusammenfassend sei nur gesagt, dass Hempelmann den christlichen Fundamentalismus in die Nähe des Sektentums rückt und Probleme mit der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Schrift hat, wie sie z.B. die Chicagoer Erklärung definiert (Pkt. 5 der Fundamentals!). Die meisten Evangelikalen, für die er zu sprechen meint, werden seine eher bibelkritischen Aussagen wohl nicht teilen.

2Der Tod kam durch die Sünde des Menschen und nicht der Mensch durch einen evolutionären Todesmechanismus. Wenn wir daran nicht festhalten, verlieren Sünde, Tod und die Erlösung davon ihre Bedeutung. Jürgen Werth spricht – ebenso wie oben Hempelmann – sicher nicht für die meisten Evangelikalen wenn er sagt, die Frage sei nicht heilsentscheidend. Wir wehren uns gegen die Schubladisierung in solchen Fragen und fordern eine inhaltliche Auseinandersetzung im einzelnen. Prof. Gitt würde sicher zustimmen.

 

– Bild: ©pixelio/Rainer Sturm