Eine Predigt zur Hochzeit

Hochzeit-Trauung

Ansprache zur Trauung, die von Pastor Lothar Leese, Remscheid, gehalten wurde. – Bewusst wurden die Namen beibehalten, um zu zeigen, wie man am persönlichen Leben des Paares bezeugen kann, was Jesus Christus in ihrem Leben bewirkt hat! – Traupredigt für Thomas & Heike Eichin, geb. Meseck, am 29. 4. 1995.

»Falschheit und Lüge lass ferne von uns sein; Armut und Reichtum gib uns nicht; lass uns das Brot, das wir brauchen, genießen.« – Sprüche 30, 8

Bei einer goldenen Hochzeit fiel der Bräutigam besonders auf durch seine frische, gesunde Gesichtsfarbe. Daraufhin angesprochen, gab er das Geheimnis seines guten Aussehens preis: Wir haben zu Beginn unserer Ehe eine feste Abmachung getroffen. Sollte es einmal Streit geben – das soll ja in den besten Familien mal vorkommen – dann geht einer von uns immer an die frische Luft. Und so bin ich in den letzten fünfzig Jahren viel an der frischen Luft gewesen.

Liebe Heike, lieber Thomas,

wenn ich Euch heute so anschaue, dann muss ich feststellen: Ihr seht beide gut aus. Nehmen wir mal an, Ihr wart bis jetzt immer gemeinsam an der frischen Luft. – Die Erfahrung jenes Goldbräutigams könnte ja ein Rezept für eine glückliche Ehe sein.

Rezepte für eine glückliche Ehe? Gibt es das eigentlich? Wenn wir hier in der Kirche anlässlich des Beginns Eurer Ehe zusammenkommen, dann geht es nicht um die Verabreichung von Rezepten, von denen wir uns eine heilsame Wirkung versprechen. Wohl wissen wir um die heilsame Wirkung des Wortes Gottes. Deshalb ist es mehr als eine schöne Tradition, wenn dem Brautpaar zum Beginn des gemeinsamen Lebenswegs ein Bibelwort, ein Trautext mitgegeben wird.

Euren Trautext habt Ihr selbst ausgesucht. Wenn Thomas während seiner Studienzeit bei uns in Ahrensburg gepredigt hat, dann war es immer ein Text aus dem Alten Testament, aus den Sprüchen Salomos. So hat es mich nicht allzu sehr verwundert, dass nun Euer Trautext auch aus diesem Bibelteil stammt:

»Falschheit und Lüge lass ferne von uns sein; Armut und Reichtum gib uns nicht; lass uns das Brot, das wir brauchen, genießen.« – Sprüche 30, 8

Ich würde mal gerne wissen, was Eure Freunde und Bekannten bei diesem Trautext empfunden haben. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, hab ich zunächst gedacht, komischer Text zur Trauung, habe ich in meinen 22 Dienstjahren noch nie gehabt. Aber je länger ich mich mit diesem Text beschäftigte, desto interessanter und origineller fand ich ihn. Drei Dinge habe ich in diesem Vers entdeckt, drei Dinge, die entscheidend sind für eine Ehe:

Beten – Reden – Genießen.

1. Beten

Aus dem Vers vorher (7) erkennen wir, dass es sich hier um ein Gebet handelt, übrigens, das einzige in den Sprüchen: »Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern…« Ein russisches Sprichwort lautet: »Bevor du in den Krieg gehst, bete einmal! Bevor du zur See gehst, bete zweimal! Bevor du heiratest, bete dreimal.« Es ein Vorrecht, dass wir als Christen alle Lebensfragen im Gespräch mit Gott besprechen dürfen, also auch und gerade die Partnerwahl und auch alle Fragen, die mit der Ehe zusammenhängen.

Eigentlich soll man an einem Bibelwort nichts verändern. Ihr aber habt eine Änderung vorgenommen. Ursprünglich steht dieser Vers in der Einzahl: Falschheit und Lüge lass fern von mir sein, Armut und Reichtum gib mir nicht, lass mich das Brot, das ich brauche, genießen. Ihr habt diesen Vers gleich in die Mehrzahl verändert: Falschheit und Lüge lass fern von uns sein, Armut und Reichtum gib uns nicht, lass uns das Brot, das wir brauchen genießen. Diese Veränderung ist erlaubt, ja sie ist richtig und wichtig für Euch und für jede Ehe. Euer Trautext ist also ein gemeinsames Gebet.

Das gemeinsame Gebet hat eine ganz besondere Verheißung. Jesus Christus hat versprochen: »Wahrlich, ich sage euch auch: Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.« Diese Zusage, die jedem gemeinsamen Gebet gilt, gilt auch und besonders dem gemeinsamen Gebet eines Ehepaares. Jedes Ehepaar muss da seinen Rhythmus finden. Oft tun sich nicht nur junge Paare schwer miteinander zu beten. Einfacher Tipp: das Tischgebet verlängern und so das Beten, Gebetsgemeinschaft einüben.

Als Pastor ist man ja so was wie ein »Berufsbeter« (bei allen Besuchen, Mahlzeiten, Familienfeiern wird man meist aufgefordert zum Gebet). Lieber Thomas, ich wünsche Dir, dass Du zusammen mit Heike das gemeinsame Gebet pflegst, und dass Ihr es immer wieder als Kraftquelle in Eurer Ehe erfahrt, Gebetserhörungen erlebt für Euch und für Euren Dienst in der Gemeinde.

2. Reden

Der erste Satz in Eurem Trautext betrifft Euer Reden. »Falschheit und Lüge lass fern von mir sein«. Nun habe ich Euch als ehrliche Leute kennengelernt. Ist das überhaupt eine Bitte für Christen: »Falschheit und Lüge lass fern von mir sein«? Diese Bitte kann ja beinhalten, dass Ihr von der Lüge und Falschheit anderer Leute bewahrt bleiben möget. Das ist eine berechtigte Bitte. Aber ich glaube, dass diese Bitte sich auch darauf bezieht, wie Ihr miteinander umgeht und miteinander redet. Wenn ich gefragt werde, was das wichtigste für eine Ehe ist, nenne ich immer wieder drei Dinge: a) Einander annehmen b) Miteinander reden c) Miteinander beten. Über das Beten haben wir schon gesprochen.

a) Einander annehmen

Eine entscheidende Formulierung in der Traufrage lautet: »Willst Du Deinen Ehemann als einen kostbaren, einmaligen Menschen von Gott annehmen … ihn mit seinen Schwächen lieben, die Stärken fördern?« Wenn ich meinen Partner aus Gottes Hand nehme, dann kann ich ihn auch annehmen. Wir sollten die Illusion aufgeben, den Partner ändern oder erziehen zu wollen. D.h. nicht, dass sich im Laufe des Miteinanders auch (möglichst) positive Veränderungen einstellen könnten, aber die Ehe ist keine »Erziehungsanstalt«. Deshalb nimm deinen Partner aus Gottes Hand und nimm ihn, so wie er ist.

b) Miteinander reden

Eheberater haben Hoffnung, wenn sie sagen: »Die streiten sich ja noch. Dann reden sie ja wenigstens noch miteinander.« Da ist was dran. Aber man sollte nicht nur miteinander reden, wenn man sich streitet. Ein erfahrener Eheberater (Reinhold Ruthe) hat einmal die wichtigsten Wörter in einer Ehe zusammengestellt:

• WIR
• DANKESCHÖN
• WENN DU MÖCHTEST
• WIE DENKST DU DARÜBER?
• DAS HAST DU GUT GEMACHT
• ICH GEBE MEINE FEHLER GERN ZU

Liebe Heike, lieber Thomas. Das wünsche ich Euch, dass es Euch immer gelingen möge, offen und ehrlich miteinander zu reden.

3. Genießen

Miteinander beten, miteinander reden, miteinander genießen – ein schöner Dreiklang für eine Ehe.

a) Immer mehr haben wollen

Mit Eurem Trautext setzt Ihr ein Zeichen! Genießen ja, aber nicht um jeden Preis. In unserer Konsumgesellschaft werden wir durch die Werbung bewusst oder unbewusst beeinflusst. Da gab es einen Slogan »Ich will Genuss, sofort!« Immer neue Wünsche werden geweckt, immer mehr, immer größer, immer schöner, immer mehr haben wollen.

Erich Fromm hat bereits vor Jahren in seinem Buch »Haben und Sein«, auf die Fragwürdigkeit dieses Lebensstils hingewiesen: »Wenn ich alles zu haben scheine, habe ich in Wirklichkeit nichts, denn mein Haben, Besitzen, Beherrschen eines Objekts ist nur ein flüchtiger Moment im Lebensprozess.«

Mehr Haben ist nicht alles. Das Sprichwort »Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt« ist auch zu hinterfragen. Der nächste Vers nach Eurem Trautext V. 9 – weist ganz nüchtern auf eventuelle Folgen hin: »Ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der Herr? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen.«

Ich bin immer wieder neu erstaunt über den nüchternen Realismus in der Bibel. Dies Gebet macht deutlich, der Mensch ist abhängig von Gott und er will in dieser Abhängigkeit von Gott leben.

b) Was wir brauchen

»Lass uns das Brot, das wir brauchen, genießen« – Dieses Gebet erinnert an die Vaterunserbitte »Unser tägliches Brot gib uns heute!« Jesus Christus hat uns gelehrt, um die Tagesration zu bitten. Wenn wir zu viel nehmen, gehen wir am Zuviel zu Grunde: zu viel Arbeit, zu viel Betrieb, zu viele Hobbys, zu viel Autofahren, zu viele gesellschaftliche Verpflichtungen, zu viel des Guten auf dem Teller und auf dem Tischtuch.

Es lohnt sich, einmal darüber nachzudenken: Was brauchen wir wirklich? Manch eine Ehe gerät in Krisen, weil man sich unnötig verschuldet hat mit Dingen, die nicht unbedingt gebraucht werden. Es ist hier nicht der Platz, einen Katalog aufzustellen, aber es lohnt sich, in unserer Konsumgesellschaft einmal darüber ganz neu nachzudenken.

Paulus schreibt an Timotheus: »Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so wollen wir uns daran genügen lassen. Denn die reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Verstrickung und in viele törichte und schädliche Begierden, welche die Menschen versinken lassen in Verderben und Verdammnis. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet, und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viele Schmerzen.« (1. Timotheus 6, 8-10).

c) genießen dürfen

Das letzte Wort in Eurem Trautext heißt »genießen«. Ihr sollt, ja ihr dürft genießen. Alles Beten, Reden und auch bewusst kritische Prüfen, was Ihr wirklich braucht, soll dazu führen, dass Ihr Eure Ehe genießt und all das, was Gott Euch schenken will.

In den Worten zur Ehe hörten wir vorhin den Abschnitt aus dem Prediger Salomo, wo es heißt: »So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Genieße das Leben mit deiner Frau, die du liebhast…«

Als Christen und erst recht als christliche Eheleute müssen wir nicht in falsch verstandener Askese und zerknirschter Frömmigkeit leben. Wir dürfen uns an Gottes guten Gaben erfreuen. Paulus sagt in 1. Timotheus 6, 17, dass Gott »uns alles reichlich darbietet, es zu genießen.«

Ja, Jesus Christus selbst hat gesagt: »Ich bin gekommen, damit sie Leben und voll genug, volles Genüge, Überfluss haben.« (Johannes 10, 9). Das bezieht sich nicht nur auf den Himmel, sondern schon hier und jetzt auf unser Leben.

Wer so alles aus Gottes Hand nimmt, der wird nicht Mangel leiden, sondern erleben, wie Gott nicht nur gibt, was wir brauchen, sondern auch Überfluss schenkt, so dass wir über – fließen, weitergeben können. Paulus hat das in seinem Leben und Dienst erfahren und im 2. Korinther (9, 8) formuliert: »Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk.«

Liebe Heike, lieber Thomas, diese Erfahrung wünschen wir Euch von ganzem Herzen. Möge der Dreiklang Eures Trautextes Eure Ehe prägen: Gemeinsam beten, reden und genießen.

Amen.

Pastor Lothar Leese, Remscheid