Fünf Evangelikale definieren sich selbst

Wartburg_von_Brücke

„Was ist Evangelikal?“ Nun wissen wir es also. Jürgen Werth und seine vier Mitstreiter haben es uns erklärt. Eingeladen war sein Nachfolger, der neue Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, Michael Diener. Rechts von ihm die Vertreterin aus Übersee, Frau Prof. Marcia Pally, Erforscherin der Politik und nicht der Theologie. Vor Kopf der bekannte Journalist und EFG-Prediger Andreas Malessa. Und gleich links neben Werth der junge Tobias Schöll, Theologie-Student und Evangelist beim ERF CrossChannel. Sieht man es positiv, haben wir gelernt im Bereich Kirchengeschichte. Eher negativ waren die fehlende theologische Tiefe in der Argumentation und eine eher zweifelhafte Motivation hinter den Gesprächen. Was besonders fehlte waren kompetente Gegenüber, die mal eine im Kern andere Meinung vertreten und diese auch hätten äußern dürfen. Zu einig waren sich alle, und zu banal waren die Ergebnisse.

„Sind Sie evangelikal?“ fragt Herr Werth den jungen Kollegen. Was hätte er sagen sollen? Und wie groß wäre die Überraschung gewesen, hätte er Nein gesagt! Stattdessen betont er, er wäre bisher nie gefragt worden worauf Werth erwidert „Jetzt ist die Chance!“, wohl auch um Einigkeit zu demonstrieren. Unter Jugendlichen würden Etikette keine Rolle spielen sagt er und man wäre über die Aussage erfreut wenn er nicht fortfahren würde, evangelisch und katholisch wären ebenso egal. Bekenntnisse sind heute nicht mehr wichtig, es geht nur noch um Klischees und hier eben darum, sein Image zu bewahren. Evangelikal? Ja, sozial engagiert, das sei er.

Evangelikal? Das ist gut, etwas besser als evangelisch, und vor allem und auf gar keinen Fall fundamentalistisch, und hier – so ab Minute 20 – wurde der Zuhörer herausgefordert, dem Beitrag treu zu bleiben. Was sagt Herr Malessa? Man mag es kaum glauben, deswegen hier das Zitat:

„Unter den fundamentalistischen Muslimen, fundamentalistischen Juden (Ultra-Orthodoxen) und den fundamentalistischen Protestanten sind die Letzteren die ungefährlichsten, zugegeben. Aber in ihrer Art und Weise ihre Heiligen Schriften zu lesen sind sie vollkommen gleich. Nämlich fundamentalistisch in dem Sinne, dass sie – zunächst einmal aus einer ganz wunderbaren Motivation heraus, nämlich ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen und moralisch alles richtig zu machen, das ist eine ehrenwerte Motivation, fundamentalistisch zu werden – nur, die nehmen alle den Text nur nach ihrer Oberfläche, graben ihn von seinem Absender, von seiner Absicht, seiner Zeit und seiner Zielsetzung raus. Christen müssen diesen Bibeltext, wenn sie ihn denn anwenden wollen, noch an Jesus vorbei bugsieren, der uns die Schrift öffnet … und dann müssen sie ihn noch an ihrem eigenen von Gott geschenkten Verstand und vom Heiligen Geist hoffentlich geprägten Gewissen vorbei bugsieren, und dafür braucht man ein paar Jahre Bibelschule um das zu können. … “

Fundamentalisten verstehen also die Bibel falsch genauso wie manche Juden die Thora oder Muslime den Koran. Es seien „Drillinge in der Hermeneutik“, und die Öffentlichkeit spüre das auch wenn sie es nicht so gut versteht wie Malessa. Will sich der Muslim also in den Tod stürzen, hat er den Koran genauso falsch gelesen wie der Christ, der sein Glaubensfundament – die Bibel – verteidigt und entsprechend anwendet. Hätte er doch besser auf die Evangelikalen gehört, die haben im Vergleich kein „holzschnittartiges Verständnis der Bibel“. Immerhin die gute Motivation wird erwähnt, ganz im Sinne von „gut gedacht ist nicht gut gemacht“. Fundamentalisten sind also Gutmenschen, welche die Bibel falsch verstehen und der Vergleich zu den Muslimen sei gar nicht so falsch. Interessante These aber dennoch schade, dass Herr Malessa keine praktischen Beispiele bringt wie z.B. Oslo, Salzkotten, Plock oder Hüls. Vier völlig verschiedene Geschichten, die in den Medien alle mit demselben Schlagwort belegt wurden. Aber Inhalte interessieren nicht.

Da hilft es nur wenig, wenn Frau Pally scheinbar zu widersprechen versucht. Denn zunächst spricht Schöll, er habe gelernt, historisch-kritische Methoden anzuwenden, die es im Islam so aber nicht gebe. Recht hat er, also sind alle Muslime in ihrer Lesart des Korans fundamentalistisch und die Christen sind es eben nur dann, wenn sie die historisch-kritische Methode nicht anwenden. Eine gute Definition die glasklar offenbart, worum es bei dem Thema eigentlich geht – um Bibeltreue! Und umso schlimmer, was Malessa zuvor gesagt hat. Nun aber Pally.

Sie betont ebenso, man müsse wie die Evangelikalen in den USA die Bibel im historischen Kontext studieren, ohne dabei zu bedenken, dass zwischen der liberalen Theologie in Deutschland und dem Bibelverständnis der Professoren in den USA (wie z.B. Carson) ein gewaltiger Graben liegt. Spricht sie also von den Evangelikalen in den USA, dann sind es eben nicht solche die auch Schöll als Lehrer hat. Werden hier in der Kirche nur Vertreter der historisch-kritischen Theologie als Pfarrer akzeptiert, sieht es in den USA wesentlich besser aus. Evangelikal ist dann eben nicht gleich ‚evangelical‘. Hat sie einen Fundamentalisten vor Augen, sieht sie wohl eher Terry Jones als die vielen Bibeltreuen, die sich gegen die deutsch-liberale Theologie wehren, in ihrem Bemühen aber gleich als Fundamentalisten abgestempelt werden.

Dann stimmt Diener ein, der Begriff Fundamentalismus sei „verloren“ und man solle sich davon abgrenzen. Wie darf man sich denn bezeichnen, wenn man nicht als Spinner dastehen will, doch aber klar bibeltreue Positionen vertritt, wie sie z.B. auch in den USA gelehrt werden?

Der Rest des Gesprächs war i.w. über soziale Verantwortung wie politisches und diakonisches Engagement, Umweltschutz, Strukturveränderungen, Kampf für Gerechtigkeit. Daneben sehr viel Kirchengeschichte in der Absicht, die evangelikale Bewegung historisch zu definieren. Dazu noch die Unterscheidung zwischen Alt- und Neu-Evangelikal (Emergent?) die laut Malessa ebenfalls wieder durch Taten, nicht aber durch Bekenntnisse überwunden werden soll. Diener will zwar irgendwie die alten Auseinandersetzungen wie die Berliner Erklärung von 1909 oder die Zweifel an der historisch-kritischen Theologie „ernst nehmen“, hat dann aber doch „neue Antworten“ vor Augen und wir überlegen, was er uns damit eigentlich sagen will.

Warum aber die Frage nach und die offensichtliche Notwendigkeit einer aktuellen Begriffsdefinition? Und was ist tatsächlich die Motivation dahinter? Es wird gejammert, die Evangelikalen hätten eine schlechte Presse, ob sie nun selbst schuld seien oder nicht. Man wolle also, das wird deutlich, daran etwas ändern und das Gespräch soll wohl ein Anfang sein.

Zusammenfassend die Lösung als Fazit: Der Evangelikale steht für soziale Verantwortung. Und was soll daran schlecht sein? Image gerettet, Mission erfüllt. Keine großen Bekenntnisse, keine langweiligen Bibelverse, sondern gute Taten sind wichtig, machen Eindruck und außerdem vereinen sie uns. Nur, was hätte eigentlich Luther in der Runde gesagt? War er wirklich im Geiste so sozial-evangelikal, wie am Ende alle behauptet haben, dazu noch einmütig und ruhig mit ihnen im gemeinsamen Blick auf die Ökumene? Wenn Herr Werth am Ende gar noch die 5 Soli betont muss sich der Zuhörer doch fragen, ob er sie überhaupt richtig verstanden hat.

Und was hätte der Apostel Paulus ihnen gesagt? „Das Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen,“ so hatte er den Korinthern geschrieben. (1.Kor 1:18) Da können wir Christen uns noch so sehr bemühen, wir können es nicht wirklich ändern. Wenn wir daran festhalten, an diesem klaren Wort vom Kreuz, auch wenn wir „gute Taten“ tun wie das Evangelium weitersagen oder uns fleißig mit Beiträgen im Internet engagieren, werden wir am Ende immer verachtet und verspottet – heute eben auch gerne mit dem Schlagwort „Fundamentalisten“.

Das Gespräch hätte nicht die Brisanz, hätte Herr Werth sich nicht zuvor schon medienwirksam von der „fundamentalistischen Schmuddelecke“ distanziert. Hätte er doch ein klares Bekenntnis zur Schöpfung geäußert und sich klar geäußert zum katholisch-synkretistischen Friedensgebet. Hat er aber nicht, und so soll der mündige Leser als Christ nun selbst entscheiden, in welche Schublade er sich von Werth & Co. legen lässt.

Schließlich stellt sich noch die Frage nach der Außenwirkung, wenn wir uns immer wieder dagegen wehren, als „Fundamentalisten“ bezeichnet zu werden. Es entsteht dem Nichtchristen der Eindruck, das christliche Glaubensfundament wäre etwas Falsches. Nein, im Gegenteil. Der Gerechte lebt aus dem Glauben, aufgrund seiner Taten wird er niemals gerecht, niemals gerettet.

Bleiben noch der Link über den Fundamentalismus-Begriff. Und dann wünsche ich mir noch, dass beim nächsten Mal einfach nur über das Christsein gesprochen wird, gerne auch mit Bibelzitaten.

– Bild: Die Wartburg bei Eisenach, Lencer/Wikipedia