Geschichten, die das Leben schreibt: An der Straße

Jericho

Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und gingen davon und ließen ihn halbtot liegen. Es begab sich aber ungefähr, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und da er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit; da er kam zu der Stätte und sah ihn, ging er vorüber. … Und eine Gruppe Ältester einer hier nicht weiter genannt sein wollenden Freikirche kam vorüber mit ihren Mietlingen* (denn sie waren eine große und vor allem angesehene Freikirche und konnten sich mehrere Mietlinge halten) und da sie den Mann in seinem Blute liegen sahen, besprachen sie sich untereinander:

»Bestimmt hat er die Räuber provoziert«, sagte der eine. Der nächste verwies auf seine psychologische Ausbildung, die sein sozialdiakonischer Beruf mit sich brachte, und spielte dem ersten diesen Ball zurück: »Gewiß doch. Es haben immer beide Seiten schuld. Immer. Zu jedem Streit gehören immer zwei. Er hätte rechtzeitig deeskalierend auf die Räuber einwirken können und die andere Wange hinhalten sollen.« Und einer flüsterte erschauernd: »Man kann das ja nicht so genau wissen, aber vielleicht war er gar bewaffnet.« Und sie erschraken gewaltig ob dieser theoretischen Möglichkeit und waren innerlich sehr bewegt. Es sprach aber ein anderer mit bedauernder Stimme: »Hätte er sich von Gottes Geist leiten lassen, hätte er bestimmt eine andere Straße genommen und wäre überhaupt nie hier entlanggekommen, wo die Räuber lauerten. Er muß sich weit von Gott entfernt haben, daß er seine Warnungen nicht gehört hat.« »Mit Sicherheit«, so der vierte, »hätte Gott ihn geschützt, wenn er ein Gerechter wäre. Dieser muß ein arger Sünder sein, daß ihm solches widerfahren ist«.

Und sie fanden seine alte, zerlesene Bibel, welche die Räuber ihm gelassen hatten, und einer sagte: »Wer solches auf Reisen mit sich führt, weil er es keine drei Tage ohne seine Bibel aushält, ist meist ein gefährlicher gesetzlicher Fundamentalist. Diese Pharisäer sind es, deretwegen wir alle einen schlechten Ruf beim Volk haben und keine öffentlichen Fördermittel für unsere gesegnete Jugendarbeit bekommen«. Und sie nickten versonnen. Der Mietlinge einer aber hub an und sprach: »Selig sind die Armen. Denn wer nichts besitzt, kann auch nicht beraubt werden. Hätte er uns das Geld gespendet, das ihm die Räuber genommen haben, hätten diese gar keinen Anlaß gefunden, ihn zu überfallen. Warum auch hat er Schätze gesammelt in den letzten Tagen?« »Wacker gesprochen!« fiel der erste wieder ein. Einer aber, der dem Manne vor langer Zeit einen Löffel geborgt hatte, suchte diesen nun bei dem Darniederliegenden und konnte ihn nicht finden; da dieser aber auch auf nichts antwortete, sprach er: »Ein gemeiner Dieb ist dieser, der nicht erstattet, was man ihm anvertraut. Was soll nun aus meinem Löffel werden, falls dieser stirbt? Vor dem Manne muß öffentlich gewarnt werden, am besten, indem wir die ganze Versammlung aufrufen, für seine notvolle Situation zu beten, damit er Buße tue von seinen üblen Werken.« Es fiel ihnen aber nicht leicht, daß die Pflicht sie zwang, so zu handeln, und waren sie alle traurig und auch ein Stück weit betroffen.

Sei es nun, da sie gemeinsame Freunde aus dem einen oder anderen Verein hatten oder ihre Kinder gemeinsam zur Schule gingen oder ihre Frauen zu den selben Kränzchen — jedenfalls machten sie die Räuber gar bald ausfindig und forderten sie auf, ihnen den Zehnten zu geben von all ihrer Beute. Diese aber sprachen: »Wir geben Euch nichts, Ihr segnet uns denn!« Da segneten sie die Räuber und lobten sie gar sehr, weil sie das Gericht Gottes an diesem Übeltäter vollzogen hätten, denn wäre dieser kein Sünder, hätte Gott dies sicherlich zu verhindern gewußt und Feuer vom Himmel fallen lassen. Solange aber Gott kein Feuer vom Himmel regnen läßt, ist immer alles paletti und man kann so weitermachen wie bisher. Darin waren sich die Ältesten und ihre Mietlinge ganz, ganz sicher, so sicher, daß sie sogar die nächste Sonntagskollekte darauf verwettet hätten, daß dies irgendwo geschrieben stehen müsse, und sie konnten nur gerade nicht sagen, wo.

Und sie zogen ernstlich Erkundigungen ein über die ganze Sache, indem sie die Räuber streng befragten: »Es war doch dieser nicht etwa ein Gerechter, den Ihr da überfallen habt?« Jene aber sprachen alle wie mit einer Stimme und verneinten dies. Und die Ältesten nickten freundlich und fragten weiter: »Hat er Euch vielleicht provoziert?« »Amen!« riefen da die Räuber freudig. »Als er unser ansichtig wurde, rief er laut: ›Hilfe, Räuber!‹. Und müssen wir uns wirklich in aller Öffentlichkeit als Räuber beschimpfen lassen? Das ging uns durch’s Herz! Wir haben uns diskriminiert gefühlt! Haben nicht etwa auch wir unsere Rechte?« »Seht!«, rief da der Ältesten einer, »es ist allso, wie wir schon sagten: Ein Fundamentalist, der ihres Weges ziehende Räuber in ihrem Seelenfrieden stört und der nun seiner gerechten Strafe nicht entgangen ist«. Von so vielen Zeugen überwältigt und auch ein wenig gerührt, nahm einer der Mietlinge (wiewohl es ihm nicht leichtfiel) von dem Zehnten zwei Denare, gab sie den Räubern zurück und sprach: »Eßt, trinkt, seid fröhlich und vergeßt die Schmach, die Euch jener angetan hat und segne Gott Euch alle!«. Und die Räuber, solcherart ermutigt und bestätigt, waren nun wirklich von ganzem Herzen überzeugt, daß auch Gott sie angenommen haben müsse. Und die Ältesten beschlossen, Nächstenliebe zu üben und ihre sozialdiakonische Gesinnung vor Gott und Menschen unter Beweis zu stellen, und so gewährten sie den Räubern Obdach und versteckten sie in der Gästewohnung ihres Gemeindehauses, damit die Obrigkeit ihrer nicht habhaft werden könne und luden sie ein zu ihren Festmahlen. Und sie belehrten alles Volk, und sprachen: »Gehet hin und tut auch Ihr also!«. Und alles Volk lobte sie ob ihrer Weisheit und Liebe und anwortete fröhlich: »Määh!«.

Und wenn der Mann nicht gestorben ist, so liegt er noch heute irgendwo an der Straße zwischen Jerusalem und Jericho.

* Mietlinge: Solche, die von Ältesten langfristig angemietet werden, um einer (Frei)kirche das zu predigen, wonach ihnen die Ohren jucken (2. Tim. 4, 3); Jesus nennt sie Mietlinge (Joh. 10, 12f), sie selbst ziehen es vor, sich Hirten zu nennen. Warum, ist nicht ganz klar: Möglicherweise hängt das damit zusammen, daß sie für sich selbst immer fette Weide finden (Hesk. 34, 3 + 8).

– Quelle: ©Geiernotizen