Gooding, Das Evangelium nach Lukas

Lukas schrieb sein Evangelium als Historiker. Aber nicht als moderner Historiker, sondern als antiker. So ist es hochinteressant, einen Kommentar zum Evangelium aus Sicht eines Altphilologen zu lesen, der mit Schriften von Aristoteles und Thukydides groß geworden ist, wie Gooding einleitend schreibt. Der Autor ist emeritierter Professor für alttestamentliches Griechisch und beginnt mit generellen Ausführungen zu seinem Fachgebiet und überträgt es auf das Lukasevangelium.

Während der moderne Historiker nicht nur die Geschichte nachzeichnet, sondern dazu auch Interpretationen liefert, lässt der antike Historiker die Geschichte für sich sprechen und bedient sich anderer Werkzeuge. Demnach sind drei Merkmale der antiken Literatur besonders zu berücksichtigen, um die Aussageabsicht eines Werks wie Lukas besser zu verstehen:

„Erstens die Auswahl seines Stoffes und den relativen Anteil, den er den einzelnen Stücken zuschreibt; zweitens Themen oder Ideen, die in den einzelnen, von ihm ausgewählten Stücken wiederkehren. In Bezug auf ebendiese wiederholten Ideen, Themen und Schwerpunkte wird man Urteil und Meinung des Autors über die Bedeutung seines Stoffes am ehesten entdecken können. Und drittens müssen wir sorgfältig beobachten, wie der Autor seinen Stoff geordnet hat.“ (S.17)

In welcher Beziehung stehen die Textabschnitte? Welche Auswirkungen hat die Anordnung auf den Gedankenfluss? Worin liegt die Logik der Anordnung, wenn sie nicht chronologisch ist? Gibt es Höhepunkte oder Unterbrechungen? Gooding untersucht die literarische Struktur von Lukas und legt die Textabschnitte vor allem in Beziehung zueinander aus.

Nach Gooding ist Lukas grob zweigeteilt. Teil 1 handelt von dem «Kommen» des Herrn Jesus in diese Welt, z.B. mit ausführlicher „Ankunft“ (Phase 1) inkl. der Geburt von Johannes dem Täufer und der bekannten Weihnachtsgeschichte. In Kapitel 9, Vers 51, richtet Jesus sein Angesicht nach Jerusalem. Der Vers leitet Teil 2 des Evangeliums ein, das «Hingehen» des Herrn Jesus. Nicht nur bis nach Jerusalem, sondern darüber hinaus bis in die himmlische Herrlichkeit.

Auf dem Weg dorthin deckt Jesus mit seinem Reden und Handeln alle für uns Menschen wichtigen Themen ab. Lukas berichtet von all diesen Themen in ausgewogener Art. Von der Person Jesus, seiner Lehre über Sünde und Errettung, seinem Umgang mit den Menschen, seinen Wundern und Heilungen, dem ewigen Reich Gottes, der Zurüstung seiner Jünger, schließlich von der historischen Verurteilung, Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn Jesus Christus.

Das vorliegende Buch ist ein Kommentar der besonderen Art. Es schenkt uns einen tieferen Blick in die Gedankenwelt der antiken Schreiber und auf diesem Weg ein besseres Verständnis auch der biblischen Texte. Die Einteilungen nach Gooding eignen sich z.B. für Predigtreihen, in denen Predigt für Predigt auf die einzelnen Themen und Texte Bezug genommen und in dieser Beziehung zueinander ausgelegt wird. Ein einfaches Beispiel zum Thema Reichtum: Kann ein Reicher nur schwer gerettet werden (18:18-34), war es bei Zachäus dennoch möglich (19:1-10).

Auch zum privaten Bibelstudium ist das Buch geeignet. Lesen wir mit dem Kommentar strukturiert und betend durch das Lukasevangelium, machen wir neue und reiche Entdeckungen.