Henryk M. Broder, Vergesst Auschwitz!

vergesst-auschwitzGelegentlich fällt es nicht ganz leicht, Broder ernstzunehmen. Mit seinem Hang zur Kasperei leistet er sich mitunter Provokationen, die völlig unnötig scheinen. Und doch bringt er andererseits immer wieder wichtige und kluge Impulse in den öffentlichen Diskurs ein.

Vielleicht gehört das eine und das andere aber auch zusammen: Broder kokettiert geschickt damit, daß er als Jude und Sohn von KZ-Überlebenden Imperative wie eben dieses »Vergeßt Auschwitz!« in den Raum werfen darf, für die andere Publizisten von den Medien rituell geschlachtet würden. Er hat sich als jüdischer Hofnarr Deutschlands etabliert, und ich bin geneigt, zu sagen, daß Deutschland einen solchen auch wirklich braucht. Schließlich ist es das Amt des Hofnarren, Wahrheiten auszusprechen, die so unerträglich erscheinen, daß sie nur durch die ironische Brechung, die der Narr ihnen verpaßt, annehmbar erscheinen.

Insofern ist dieses Buch wieder ein echter »Broder«: Viel rhetorisches Feuerwerk, ätzende Ironie, auch etlicher Klamauk, der mit den Grenzen des guten Geschmacks spielt, aber schließlich eine These, die durchaus bedenkenswert ist:

»Die Deutschen sind dermaßen damit beschäftigt, den letzten Holocaust nachträglich zu verhindern, daß sie den nächsten billigend in Kauf nehmen.«

Und das kommt so: Während man die toten Juden des Dritten Reichs als »gute Juden« verklärt, die man mit wohlfeiler postumer Solidarität nur so überschüttet, werden gleichzeitig lebende Israelis als »böse Juden« dämonisiert. Beides zusammengerechnet führt zu dem Ergebnis: Nur ein toter Jude ist ein guter Jude.

Antisemitismus wird meist reflexartig mit Rechtsextremismus in Zusammenhang gebracht, Broder zeigt, daß er aber auch im linken Spektrum seinen festen Platz hat, auch wenn er dort meist besser getarnt ist. Der Verweis auf Auschwitz und die Singularität des Holocaust erlaubt es dem deutschen Durchschnitts-Linken, sich als Philosemiten darzustellen, während er gleichzeitig durch seinen (teilweise militanten) Antizionismus einen unauffälligen und gesellschaftlich akzeptierten Antisemitismus der Tat pflegen kann. So verteidigt er zum Beispiel das Recht der Iraner auf »friedliche Nutzung der Kernenergie« — ein Recht, das er übrigens gleichzeitig den Deutschen abspricht — und wenn es dem Iran durch seine nucleare Aufrüstung jemals gelingen sollte, »Israel von der Landkarte zu wischen«, stünde der deutsche Linke obendrein als relativer moralischer Gewinner da: Endlich gäbe es ein Verbrechen, das größer ist als Auschwitz, und nicht die Deutschen, sondern jemand anderes hätte es begangen.

Auf immerhein einem Fünftel der Buchseiten wird der Konflikt um den Brandenburger Radiomoderator Ken Jebsen noch einmal ausgetragen, dem der Sender rbb im mittelbaren Zusammenhang mit einer kritischen Nachfrage Broders die Zusammenarbeit aufgekündigt hatte. Seitenweise werden hier wütende Leserbriefe zur Causa wiedergegeben, die einerseits illustrieren, was für abstruse antisemitische Ressentiments nach wie vor kursieren, die es andererseits aber kaum wert sind, durch Abdruck in einem Buch geadelt zu werden. Hier hätte eine Beschränkung auf die wichtigsten Exempel dem Buch sicher gutgetan, und wer diese beiden Kapitel überspringt, schont seinen Blutdruck und verpaßt nicht sonderlich viel Information.

Die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens, wie sie in Deutschland inzwischen üblich ist, verstellt den Blick auf dessen Sinn und lädt zum Mißbrauch ein, beispielsweise zu nachgerade obszönen Parallelisierungen von Antisemitismus und Islamophobie, von Warschauer Ghetto und Gazastreifen, die in der These gipfeln, daß »die Moslems die neuen Juden« seien. All diese Pseudoargumente, die letztlich dazu dienen, ausgerechnet den Versuch der Vernichtung der Juden Europas publizistisch auszuschlachten, um die Vernichtung der israelischen Juden propagandistisch vorzubereiten, widerlegt Broder gut begründet.

Dies führt folgerichtig zu seinem abschließendes Credo:

»Statt Toten nachzutrauern finde ich es wichtiger, Lebenden zu helfen, am Leben zu bleiben.« … »Vergeßt Auschwitz! Denkt an Israel — bevor es zu spät ist.«

– Quelle: Geiernotizen