Hiob war nie auf einer Loveparade

Loveparade_2010_Duisburg

Bei der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010 gab es ein folgenschweres Unglück. Im Zugangsbereich der Veranstaltung kam es zu einem Gedränge unter den Besuchern, in dessen Folge 21 Besucher starben und 541 weitere verletzt wurden. Das Entsetzen war groß und die Suche nach einem Schuldigen lief auf Hochtouren. Eva Hermann prangerte die Unmoral an und verwies auf Gottes Gebote – war es eine Strafe Gottes?

„Die Veranstalter sind schuld“ – ein Kommentar

Die Reaktionen zur Love-Parade-Katastrophe sind einmütig – wie konnte das nur passieren, was sind die Ursachen, wie kann man nur… Der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, die Franzosen, die Russen, Gabriel, Kraft, Westerwelle, Roth – sie alle sind mit tiefer Trauer erfüllt und sind „in Gedanken bei den Angehörigen der Opfer.“ Der Papst will sogar für die Verstorbenen beten.

Wer jetzt den mahnenden Zeigefinger hebt, gilt als Spielverderber. Es war doch immer ein so friedliches Fest, zur Freude aller Beteiligten. Niemand hat je etwas Böses getan. Nicht wir sind die Richter, sondern Gott. Aber Fragen darf erlaubt sein: Welches Weltbild haben wir? Gibt es Zufälle oder liegt unser Schicksal allein in Gottes Hand? Entscheidet nicht der Allmächtige über Bewahrung vor oder Geschehen von Katastrophen?

Warum also? Oder besser noch: Wer ist wirklich schuld? Am Ende will es doch niemand gewesen sein. Man sucht sich – wie immer – einen Sündenbock, straft ihn ab und die Masse ist zufrieden. Aber ist es nicht die große Masse selbst, die schuld ist?

Die ganze Gesellschaft hat sich an die Unmoral gewöhnt, ist es nicht so? Man fährt eine Parade für die Liebe ohne zu wissen, was Liebe eigentlich bedeutet und welch hohen Rang ihr der Schöpfer zugeteilt hat. Sogar in christlichen Kreisen ist Sex vor der Ehe kein Tabu mehr, und die Zahl der unehelichen Beziehungen inkl. Kinder in den Gemeinden wächst.

Wer also ist schuld? Der Veranstalter? Oder sollten wir nicht alle mal innehalten – auch und gerade wir Christen! Wir sollen Vorbild sein, Licht in dieser Welt, uns im Gebet vor den Riss stellen und dabei auch mal den Zeigefinger heben.

Dann können wir schließlich – so wichtig einfühlsame Seelsorge ist – auf den einzigen, echten Sündenbock Jesus Christus hinweisen, der unsere Schuld auf sich genommen und gesühnt hat. Den braucht aber nur, wer seine eigene Schuld erkannt hat.

Hiob war nie auf einer Loveparade – ein Kommentar

Lösen wir uns einfach mal von der Person Eva Herman und von dem, was sie genau gesagt hat. Tatsächlich hatte ich meinen ersten Beitrag (s.o.) geschrieben, bevor ich ihren Artikel und die Diskussion darüber las. Nun, mit der großen Debatte im Hinterkopf, sehe ich noch klarer, in drei Schritten:

Handeln Gottes oder das Ergebnis menschlicher Unvernunft?

Welches Weltbild haben wir? Das ist grundsätzlich wichtig. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in den Gemeinden. „Gott spricht – und das ist gut!“ ist das Motto der diesjährigen Allianz-Konferenz. Doch wie redet Gott eigentlich? Nur durch sein Wort oder auch durch Ereignisse?

Ich bin kein Freund von Erfahrungstheologie, nach der das Wort Gottes beiseite geschoben wird und die persönlichen Erlebnisse mit Gott unseren Glauben diktieren. Das Herz ist trügerisch, und nur allzu leicht kann es uns täuschen. Doch hat sich Gott derart zurückgezogen, dass er in unserem Leben nicht mehr handelt und auf unseren Glauben und unseren Lebenswandel nicht mehr antwortet? Lesen wir die Bibel ohne Reflektion über unser Leben?

Die Katastrophe war zu allererst das Ergebnis menschlicher Unvernunft, so idea. (s.u.) War es so? Oder war es zu allererst das Ergebnis von Gottes souveränem Ratschluss? Bestimmen wir unsere Geschichte selbst durch Vernunft und Unvernunft oder führt Gott uns durch die Geschichte?

Für die einen ist Israel damals aus Ägypten geflohen, für die anderen war der Exodus Gottes Tat und Befreiung. Für die einen waren Israels Kriege mit den Philistern, Assyrern und Babyloniern bloße Ereignisse für die Geschichtsbücher, für die anderen waren sie Gottes Antwort auf Israels Apostasie.

Steht es mir zu, über Gottes Handeln zu spekulieren?

Wenn wir nun soweit sind, dass wir sagen können, Gott habe gehandelt – steht es dem Menschen dann zu, sein Handeln zu kommentieren? Haben die Freunde Hiobs nicht denselben Fehler gemacht und spekuliert, obwohl sie Gottes Gedanken gar nicht kannten?

Was genau war damals der Fehler von Hiobs Freunden? Sie argumentierten: Weil Hiob Leid erfahren musste, und weil Leid immer Folge von Sünde ist, musste Hiob gesündigt haben.

Sie kannten das Leben von Hiob nicht und haben ihm Sünde unterstellt, nur weil er Leid erfahren musste. Wenn der Sünde Leid folgt, musste dem Leid Sünde vorangegangen sein, so der falsche Umkehrschluss. Im Fall der Loveparade ist das aber anders. Wir kennen die Sünde der Unmoral in der Gesellschaft, und für diese Sünde wurde eine Parade gefahren.

Auch in den Gemeinden müssen wir vorsichtig sein, bei jedem Leid sofort natürliche Ursachen und Erklärungen zu finden oder eben auf Hiob zu verweisen. Wer in seinem Leid auf Hiob verweist, sollte sein Leben auch mit Hiob vergleichen. Hiob war nie auf einer Loveparade.

„Denn seinesgleichen gibt es nicht auf Erden, einen so untadeligen und rechtschaffenen Mann, der Gott fürchtet und das Böse meidet!“ (Hiob 1:8; 2:3)

Wie benennen wir die Katastrophe als Handeln Gottes?

Im letzten Schritt müssen wir nur noch die richtigen Worte finden, und das ist gar nicht so einfach. Sprechen wir von Gericht, ist das vielleicht zu hoch gegriffen. Wahrscheinlich meinen wir eher Verderben oder Züchtigung im biblischen Sinne, mindestens aber sprechen wir vom Reden oder Handeln Gottes.

Und genau das kann für den Leidenden auch Gnade sein. Wie oft hat der Mensch in seinem Leid die größte Gnade erfahren, wurde mitten im Schicksal auf Gott aufmerksam. Es ist unsere Aufgabe, von Gott und seinem Wort zu reden, nicht nur in Gnade sondern auch in der Wahrheit. Den Auserwählten dient am Ende alles zum Guten, das ist die gute Botschaft.

Es werden noch mehr Katastrophen kommen. Den moralischen Verfall im Blick müssten wir uns eher fragen, warum Gott bisher eigentlich noch so gnädig mit uns ist.

„Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ (Sprüche 14:34)

 

idea kommentiert zur Love-Parade-Katastrophe – eine Antwort

Zum Vorfall bei der diesjährigen Love-Parade und den Beiträgen von Eva Herman kommentiert idea-Redaktionsleiter Wolfgang Polzer:

Es steht jedem frei, sich bei der Katastrophe von Duisburg an Vorstellungen von der Hölle erinnert zu sehen, wo „Heulen und Zähneklappern“ sein wird. Oder auch beim schamlosen Treiben auf der Love-Parade mit Sex, Drogen, Alkohol und anderen Exzessen an Sodom und Gomorrha zu denken.Es steht uns aber nicht zu, vorschnell Spekulationen anzustellen, dass bei der Love-Parade „andere Mächte“ eingegriffen hätten, „um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen“, wie es Eva Herman tut. Denn die Katastrophe ist zu allererst das Ergebnis mannigfacher menschlicher Unvernunft.

Die Aussage, dass einem Menschen bestimmte Dinge „nicht zustehen“, ist ein beliebtes sprachliches Mittel, seinen Gegenüber ohne echte – z.B. biblische – Argumente mundtot zu machen. Ob einem Menschen etwas zusteht oder nicht hängt zudem ganz entscheidend davon ab, wer uns eigentlich etwas zugestehen darf (und wer nicht).

Wir fragen uns, welches Weltbild hat idea? Bestimmen wir unsere Zukunft selbst? Können wir, wenn wir „alles richtig“ machen, dem zukünftigen Gericht Gottes entkommen? Oder, im konkreten Fall der Love-Parade, hätte die Katastrophe verhindert werden können, wenn alle „alles richtig“ bzw. „vernünftig“ gemacht hätten? Trotz des Treibens, das dem Allmächtigen ein Greuel ist und das deswegen auch Seinem Gericht unterliegt?

Haben wir unser Leben selbst in der Hand oder sind wir noch auf Gnade angewiesen? Bestimmen wir unser Gericht selbst durch unsere „menschliche Unvernunft“ oder handelt Gott noch souverän?

 

Love-Parade: Beten um Gottes Beistand

Nach der Katastrophe auf der Love-Parade am 24. Juli in Duisburg mit 19 Toten und 340 zum Teil schwer Verletzten herrscht Erschütterung. Doch während der amtierende EKD-Ratsvorsitzende, der rheinische Präses Nikolaus Schneider (Düsseldorf), und Papst Benedikt XVI. in ihren Stellungnahmen der Opfer und ihrer Angehörigen gedenken, zieht die Buchautorin und Fernsehmoderatorin Eva Herman (Hamburg) eine Parallele zwischen der Love-Parade und der alttestamentlichen Geschichte von Sodom und Gomorrha (1. Mose 19).

Danach ließ Gott die beiden Städte wegen des sündigen Treibens ihrer Bewohner untergehen; nur Lot und seine Töchter wurden gerettet. Schneider zeigte sich erschüttert über die Katastrophe bei der Love-Parade und vom Schicksal derer, „die ein fröhliches Fest feiern wollten und ihr Leben auf so tragische Weise verloren haben“. Weiter meint er: „Unsere Fürbitte gilt den Menschen, die um die Opfer trauern, den Verletzten und Geschockten sowie den Einsätzkräften aus Polizei und Rettungsdiensten, die unter den Eindrücken dieser Tragödie leiden. Wir vertrauen auf die biblische Zusage Gottes, dass er denen nahe sein wird, die zerbrochenen Herzens sind.“ Wie die rheinische Kirche mitteilt, sei in vielen Gottesdiensten im Rheinland der Opfer und ihrer Angehörigen in Gebeten gedacht worden. Der Papst bat beim Mittagsgebet in der Sommerresidenz Castel Gandolfo für die trauernden Angehörigen und Freunde sowie die Verletzten „um den Trost und Beistand des Heiligen Geistes“.

Ist Drogen-, Alkohol- und Sexorgie Kultur?

Herman übte in einem Kommentar auf der Internetseite ihres Verlages scharfe Kritik an der Love-Parade. Die vielfach als „friedliches Fest fröhlicher junger Menschen“ bezeichnete Veranstaltung sei in Wahrheit „eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie“. Wer sich die Bilder aus früheren Jahren ansehe, glaube, „in der Verfilmung der letzten Tage gelandet zu sein, wie sie in der Bibel beschrieben werden“. Auch in diesem Jahr hätten viele Raver bereits vor dem Unglück „wie ferngesteuert“ gewirkt: „Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie im Trance“. Die 1,4 Millionen Partygäste hätten gewusst, was sie erwartet, und seien gerade deshalb gekommen. Herman: „Begriffe wie Sittlichkeit und Anstand haben sich in den abgrundtiefen Bassschlägen in Nichts aufgelöst.“ Scharf kritisiert sie auch die Stadt Duisburg und das Land Nordrhein-Westfalen. Sie hätten im Vorfeld den Eindruck erweckt, als handele es sich bei der Love-Parade um eine Kulturveranstaltung auf höchstem Niveau. Dabei stehe die „geilste Party der Welt“ mit ihren Auswüchsen „symbolisch doch nur für den kulturellen und geistigen Absturz einer ganzen Gesellschaft“. Dass jetzt das Aus für die Love-Parade gekommen sei, begrüßt Herman: „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen.“ Allerdings sei es „grauenhaft, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste“.

Vaterunser am Unglücksort

In der Nähe des Unglücksorts haben inzwischen viele Trauernde Blumen abgelegt und Kerzen entzündet. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie Menschen dort spontan das Vaterunser beteten. Weit über 100 evangelische, katholische und freikirchliche Notfallseelsorger kümmerten sich vor Ort um die Betroffenen. Der Landespfarrer für Notfallseelsorge, Joachim Müller-Lange, kritisierte, dass die Party auch nach der Katastrophe fortgesetzt wurde: „Wir hätten uns gewünscht, dass es auf dem Fest eine vernünftige Ansage über die Katastrophe gäbe.“ Mit seinen Kollegen habe er sich vor allem um Augenzeugen kümmern müssen, die dem Unglück entkamen und andere sterben sahen. Viele verzweifeln daran, dass sie sich vom eigenen Überlebenswillen leiten ließen, über Sterbende hinwegtraten, anstatt zu helfen, berichtete Müller-Lange. In solchen Fällen sei es wichtig, die Schuld als zusätzliche Belastung anzuerkennen und nicht zu bagatellisieren. Der leitende Notfallseelsorger und Baptistenpastor André Carouge (Kamp-Lintfort) war ursprünglich eingeteilt, um sich um kleinere Probleme der Raver zu kümmern – verlorene Schlüssel, durstige Tänzer oder Kinder, die von ihren Eltern gesucht werden, sagte er gegenüber idea. Doch dann habe er mit zwei Kollegen im Unglückstunnel, wo die Toten noch gelegen hätten, „ein absolutes Chaos“ vorgefunden. Die Frage, wer dafür letztlich verantwortlich sei, habe er sich bisher nicht stellen können. Bis Mitternacht sei er vor Ort gewesen, um zu helfen.

Love-Parade-Erfinder: Veranstaltern ging es um Profit

Unterdessen hat der Gründer der Love-Parade, Matthias Roeingh (Berlin), – alias „Dr. Motte“ – die Veranstalter scharf kritisiert. Sie seien schuld an der Katastrophe. Er warf ihnen „reine Profitgier“ vor: „Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt.“ Es sei ein Skandal gewesen, die Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Gelände zu lassen, sagte er dem „Berliner Kurier“. In seinem Blog im Internet kritisiert er die Fortsetzung der Feier nach dem Unglück als „ekelhaft“.

Kirchliche Bedenken gegen Love-Parade

Gegen die Massenveranstaltung hatte es schon im Vorfeld kirchliche Bedenken gegeben. Bereits Anfang des Jahres hatte der Evangelische Kirchenkreis Duisburg die Stadt aufgefordert, auf die Durchführung zu verzichten. Das dafür benötigte Geld sollte besser in eine nachhaltige Jugendarbeit fließen, sagte der Duisburger Superintendent, Pfarrer Armin Schneider, am 9. Februar gegenüber idea. Damals rechnete Duisburg mit Kosten von rund 840.000 Euro; in Medienberichten beliefen sich die Schätzungen auf bis zu zwei Millionen. Im vergangenen Jahr war das Spektakel in Bochum abgesagt worden; ein Hauptgrund war die mangelnde Kapazität des Hauptbahnhofs. Die Love-Parade wurde zwischen 1989 und 2006 16 Mal in Berlin ausgetragen. 2007 fand sie in Essen mit 1,2 Millionen, 2008 in Dortmund mit 1,6 Millionen Besuchern statt. Nach der Tragödie von Duisburg soll es keine Love-Parade mehr geben.

– Quelle: idea // Bild oben: kaʁstn/Wikipedia (CC BY-SA 3.0 DE)