Die Freude des Hiob

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In einer Situation des völligen Scheiterns, der pechschwarzen Hoffnungslosigkeit, hadert Hiob mit Gott. Und Gott antwortet. Das Buch Hiob erzählt die Geschichte vom gegenwärtigen Gott.

Hiobs Lebenszeugnis der ersten Jahre wäre erstklassiges Beweismaterial für eine Art alttestamentliche Wohlstandstheologie gewesen: Diene Gott und es geht dir gut. Gib deine Wunschliste am göttlichen Postfach ab und Gesundheit, Komfort, Familienglück wird geliefert, S-Klasse-Mercedes inklusive. Das ist die Geschichte von Hiob, wie sie in den ersten beiden Absätzen von Kapitel eins berichtet wird: Hiob «war rechtschaffen und redlich und gottesfürchtig und mied das Böse» – und ihm gelangen alle Dinge. Hiob war vermögend, lebte in Sicherheit, war mit einer intakten Familie gesegnet. Aber das ist nicht die Art von Botschaft, die wir mit dem Namen Hiob verbinden.

Die eigentliche Geschichte des Hiob fängt da an, wo jede Theologie Konkurs macht – nicht nur die Wohlstandstheologie. Wie viel lieber hätte Hiob, als er in Kapitel 19, Vers 23, danach verlangt, «dass doch meine Worte aufgeschrieben werden», über die Segnungen Gottes in seinem Leben berichtet, dass Gott mit ihm ist und dass es sich lohnt, für ihn und mit ihm zu leben! Aber von einer geistlichen Rendite seiner Gottgefälligkeit kann er nichts berichten. Diese Freude blieb Hiob 40 Kapitel lang auf herzzerreissende Weise vorenthalten. Der geistliche «Mehrwert», den er zu melden hatte, wird lediglich in Nebenklauseln, in Fussnoten, in einem Teil­kapitel am Anfang und einem Kapitel am Ende vermerkt.

Die restlichen Kapitel ergeben ein Tag-für-Tag-, Schlag-um-Schlag-Protokoll der dunkelsten Stunden seines Lebens. Es sind Abgründe. Hilflos muss Hiob zuschauen, wie alles, was sein Lebensglück ausmacht, vernichtet wird – Wohlstand, Gesundheit, Familie, guter Ruf, sogar die Achtung seiner Frau, und Freunde. Alle seine Kinder sterben. Wie hätte die Bild-Zeitung das berichtet? «Luxus-Hiob: Absturz ins Bodenlose!» Die Schadenfreude einer sensationsgierigen Öffentlichkeit wäre ihm sicher gewesen.

Hiobs Bericht wirkt stellenweise unbeholfen, ungeordnet, mühsam. Eine aufgewühlte Seele ringt zwischen Tränenausbrüchen um Erklärungen. Aber gerade diese Kapitel bilden eines der Kernstücke des Alten Testamentes, um das der ernsthafte Christ keinen Bogen ziehen darf. Zeugnis zu geben aus der Finsternis, aus der Demütigung und der vermeintlichen Niederlage heraus, hat Kraft.

Als ich mich einmal in einer ausweglosen Situation befand, bis zur Erschöpfung zum Herrn geschrien, ja, den Glauben daran, jemals einen Ausweg zu finden, verloren hatte, las ich das Buch Hiob mit ganz neuen Augen. Danach schrieb ich das folgende Gebet auf: «Herr, falls ich jemals doch rauskomme, falls gute Zeiten mich wieder einholen, lass mich dieses erdrückende Gefühl der Schwere nie vergessen, das mich schier um den Verstand bringt – auf dass ich Dankbarkeit und Abhängigkeit lerne.»

Hiob erlaubt es uns nicht, zu vergessen. In zermürbendem Detail zeichnet er die Anatomie eines gebrochenen Herzens. Er findet für uns die Worte, die wir in unserem Schmerz oft nicht finden. Er ahnt nicht, dass seine Aufschriebe in die Geschichte eingehen und sich für unzählige suchende Menschen über Jahrhunderte hinweg als Quelle von Trost und Hoffnung erweisen werden.

– Quelle: factum // Bild: Hiob und seine Freunde (Hercules Seghers; ca. 1590-1638)