Jörg Zink: Alle Religionen beten zum gleichen Gott

joerg_zinkChristen, Juden und Muslime beten zum gleichen Gott, wie auch alle anderen Religionen. Davon ist Jörg Zink überzeugt. Der evangelische Pfarrer und Bestsellerautor (88) meint sogar, an dieser Gemeinsamkeit könne sich das Überleben der Menschheit entscheiden. In seinem Buch „Vom Geist des frühen Christentums“ ruft er die Christen zu mehr Zusammenarbeit mit den anderen Religionen auf.

Der 1922 geborene Zink, dessen rund 200 Bücher eine Gesamtauflage von 18 Millionen Exemplaren erreicht haben, kritisiert die Ahnungslosigkeit des modernen westlichen Menschen im Blick auf Gott und Religion. Die Religion des Abendländers sei „entschieden primitiver als die vermeintlich primitiven Stammesreligionen von Naturvölkern“. Seiner Ansicht nach hat selbst die Strenge der islamischen Botschaft und die religiöse Disziplin der Muslime „vermutlich mit Wahrheit mehr zu tun als die christliche, vor allem protestantische Schlamperei in Sachen des Glaubens“, fügte Zink hinzu.

Seine Aussagen bestätigt Jörg Zink in einem Interview:

Sie sind auch in der Friedensbewegung und der ökologischen Bewegung aktiv gewesen. Hat sich dieses Engagement im Nachhinein ausgezahlt?

Jörg Zink: Diese drei Aufträge der Kirche waren bislang Friede, Gerechtigkeit unter den Menschen und die Ökologie. Jetzt kommt die Diskussion mit fremden Religionen dazu. Das würde ich an die Stelle der Friedensdiskussion in den 80er Jahren rücken. Jetzt wird es darauf ankommen, dass man Veranstaltungen mit Christen und Muslimen und Hindus und Zen-Meistern macht. Auch die Naturreligionen gehören dazu, die bisher eher abgewertet wurden. In diesem Bereich gibt es viel zu tun. Da liegt meines Erachtens die momentane Hauptaufgabe der Kirchen. Die Kirchen werden aber viel von ihrer Missionstätigkeit aufgeben müssen und mit Angehörigen von Naturreligionen ein Gespräch auf Augenhöhe führen müssen. Davon hängt auch wiederum ab, ob die Kirchen am Ende mit ihrer Friedensarbeit Erfolg haben. Denn das schaffen wir nicht alleine. Dazu sind wir als Christen ein viel zu geringer Bestandteil der Menschheit. Wir werden da viel Neues in unserer Theologie entdecken.

Bisher ist ja vor allem der Dialog mit dem Islam im Blick. Die Naturreligionen sind ja eher kein Thema.

Jörg Zink: Ich habe mich mit den afrikanischen und mit den indianischen Naturreligionen beschäftigt. Jedes Mal habe ich gestaunt, was wir Christen von ihnen lernen können. Dass es zum Beispiel an Wahrheit kaum eine Differenz gibt zwischen den einfachen Religionen und den Hochreligionen. Dass die Afrikaner heute an vielen Stellen das Christentum übersetzen ins Afrikanische, das heißt in die Naturreligionen. Jetzt müssen wir auf dieser Ebene miteinander reden.

Wie stellen Sie sich einen solchen Dialog vor?

Jörg Zink: Das setzt voraus, dass wir von unserem hohen Ross herunterkommen müssen und nicht mehr glauben, wir seien die einzige Religion, die die Wahrheit hat. Mit Ehrfurcht und Hingabe müssen wir das wahrnehmen, was in den anderen ­Religionen gewachsen ist.

– Quelle: evangelisch.de // mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de