Was geht uns der Karneval an?

Karneval

»Wie schön, zuweilen närrisch zu sein – Dulce est desipere in loco«. Dieser aus den Oden des antiken Dichters Horaz (65-8 v. Chr.) stammende Satz ist das Leitmotiv allen karnevalistischen Treibens, das sich jährlich wiederholt. Ist denn das etwas so Schlimmes oder gar Sündhaftes, »zuweilen närrisch zu sein«? Bei den Kindern finden wir es doch ganz natürlich, wenn sie auch mal ein bißchen Unfug treiben, nur zu toll darf es natürlich nicht sein. Spricht nicht sogar Jesus von Kindern, die auf öffentlichem Platz mit ihren Genossen etwas Komödie spielen? (Matthäus 11, 17). Sein Wort enthält keinen Tadel gegen das Spiel der Kinder. Ob wir Großen nicht auch beim Spiel den Kindern gleich sein sollen? Gehört es dann nicht aber zur Miesmacherei und zu der berüchtigten Muckerei der »Frommen«, wenn sie sich »alle Jahre wieder« über die karnevalistische Narretei aufregen?

Gewiß wird kein vernünftiger Mensch und Christ etwas gegen den Ausdruck natürlicher Lebensfreude haben, selbst wenn sie sich zuweilen etwas närrisch äußern sollte. Wenn wir dem Karneval gegenüber aber dennoch unsere Bedenken anmelden, dann muß es schon tiefere Gründe haben, als nur die einer allgemeinen Verketzerung aller närrischen Lebensfreude.

1. Vom Ursprung des Karnevals

Die Wurzeln des Karnevals reichen weit zurück, bis in die vorchristliche Zeit heidnischer Götterfeste, so auf die römischen Saturnalien, zu Ehren des Gottes Saturn. Dabei wurden alle Standesunterschiede aufgehoben, man beschenkte sich gegenseitig und erging sich in allen erdenklichen Lustbarkeiten und Orgien. Im germanischen Raum waren es die religiösen Frühlingsfeste, zu Ehren der Erdmutter Frija, die in den 12 heiligen Nächten der Winterzeit mit ihrem Gefolge durch die Fluren, Dörfer und Heime zog, um die Fruchtbarkeit der Erde, Menschen und Tiere zu segnen. Das alles in Verbindung mit entsprechenden rauschenden Götterfesten.

Ihre Götter haben die christianisierten Heiden verhältnismäßig leicht und schnell fahren lassen, aber an den mit dem Götterkult verbundenen Lustbarkeiten haben sie in verbissener Zähigkeit festgehalten. Bis ins 11. Jahrhundert hat die Kirche gegen diesen, aus dem heidnischen Wesen stammenden Unfug mit allem Ernst gekämpft, um ihn auszumerzen, jedoch vergeblich. Sie hat sich damit abgefunden und begnügt, das karnevalistische Treiben aus den heidnischen Religions­beziehungen heraus zu lösen, und mit der eigenen, christlichen Religion in Beziehung zu bringen. So hat sie allmählich dem Karneval seine rechtliche Stellung innerhalb der Festordnung des Kirchenjahres angewiesen und ihn, gewissermaßen als den Hofnarren Gottes, religiös hoffähig gemacht. Sein Datum steht heute in unsern Kalendern ebenso rot vermerkt, wie das von Karfreitag und Ostern. Ist das nicht eine erstaunlich rührende Vernunftlösung, in der beide, Kirche und Welt, zu ihrem Recht kommen?

2. Von der Wortbedeutung des Karnevals

Höhepunkt und Ende des Karnevals ist die sogenannte Fastnacht. Der Begriff der Fastnacht ist erst im 18. Jahrhundert geprägt worden. In der älteren Zeit sprach man dagegen von der »Fasennacht« oder dem »Fastelabend«. Das Fasten oder Fastein hatte mit dem Fasten aber ebensoviel zu tun, wie das Eisen mit dem Eis. Es entspricht nämlich unserem heutigen Begriff des Faseins oder der Faselei und bedeutet soviel wie Possen reißen, Dummheiten und Verrücktheiten auszusprechen und anzustellen. Dieser ursprüngliche Begriff wurde allmählich verdrängt, spiegelt sich aber noch im »Fasching« wieder. Man brauchte auch nicht allzuviel Phantasie, um das etwas anrüchige, aber durchaus sinnbezogene Wort durch geringe Buchstabenänderung christlich zu frisieren und aus dem Faseln ein Fasten zu machen. So erscheint nun das ganze karnevalistische Treiben in einem Zwielicht weltlich-religiöser Betätigung. Mit dem Fasten hat die Fastnacht nur insofern etwas zu tun, als sie anzeigt, daß mit dem folgenden Tag, dem sogenannten Aschermittwoch, die Fastenzeit auf Grund der Passion Jesu Christi beginnt, in der Fleischgenuß und Lustbarkeiten verboten waren. Darauf bereitet man sich in der »Fast«-Nacht »würdig« vor.

Der Ursprung des Begriffs »Karneval« kann nicht einwandfrei ermittelt werden. Einige meinen, er sei dem »carrus navalis« entlehnt, einem auf ‚einem Karren transportierten Schiff bei Prozessionen, aus Anlaß der Wiedereröffnung der Schiffahrt, sonderlich im Rheinland, in Holland und Belgien, was mit kamevalistischem Treiben verbunden war und zum Teil noch ist.

Allgemein besteht aber die Auffassung, daß dem Begriff des Karnevals das italienische .carne vale = Fleisch, lebe wohl!‘ oder ,carne levale = Wegräumen des Fleisches‘ zugrunde liege, also auch ein religiöses, auf das Fasten bezogenes Motiv. Wie weit auch hier die Phantasie aus religiösen Zweckgründen aus dem ,carrus navalis‘ ein ,carne vale‘ gemacht hat, kann nicht erwiesen werden.

3. Karneval und Passion

Wie wir bereits wiederholt festgestellt haben, steht der Karneval zur Passion Jesu in einer bestimmten Beziehung, und darin liegt das Bedenkliche, das wir eingangs angemeldet haben. Denn hier geht es nicht mehr darum, »zuweilen närrisch zu sein«, sondern das zu einer bestimmten Zeit und aus einem ganz bestimmten Grunde zu tun, nämlich, närrisch zu sein um der Passion Jesu willen. Das ist aber kein Ausdruck natürlicher Lebensfreude mehr, sondern eine Verhöhnung und Verlästerung des Heiligen. Wer sein Leben nach der heidnisch-epikureischen Lebensphilosophie gestalten will: »Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!«, der soll doch tun, was er nicht lassen kann. Nur nach dem Karfreitag sollte er sich dabei nicht richten, denn dann ist er kein Philosoph mehr, sondern ein Frevler. Was würden wir zum Beispiel von einem Manne sagen, der Nachricht erhalten hat, daß sein nächster Angehöriger sterbenskrank darniederliege, und er darauf alle seine Freunde und Bekannten zu einem Festgelage mit Maskenball einladen würde, mit der Begründung, daß er in den nächsten Tagen wird trauern müssen, darum wolle er dem Ereignis noch schnell zuvorkommen und die Lebensfreude der Trauerzeit vorwegnehmen. Käme das nicht einer Verhöhnung des Sterbenden gleich? Genau das tun aber die Karnevalisten im Blick auf das Leiden und Sterben Jesu.

4. Karneval und katholische Kirche

Welche Stellung die katholische Kirche (nur die katholische?) heute allgemein dem Karneval gegenüber einnimmt, geht aus einem Artikel der »Kirchenzeitung für das Erzbistum Essen« sehr deutlich hervor, einer Antwort auf den Artikel eines evangelischen Pastors gegen den Karneval. Darin heißt es: »Ist nicht die Freude eine charakteristische Eigenschaft gerade des Christenmenschen? Wird nicht gerade darin, daß der Karneval am Aschermittwoch endet deutlich, wie sehr er sogar religiös war, wenn er es heute auch vielfach nicht mehr ist? War nicht der Wille, ernst zu machen mit der Fastenzeit, der Grund für die besondere Freude vorher? Sicher sind viele Bräuche aus der Fastnachtszeit zurückzuverfolgen bis in die Zeit heidnischer Feste, aber dann wurde durch die Anlehnung an die Fastenzeit doch die christliche Bindung deutlich. Gerade in den katholischen Gebieten des Rheinlandes und Bayern hat sich der Karneval ausgebildet. Wenn echte Freude den Menschen erhebt, kann damit doch keine Gotteslästerung verbunden sein. Die Kirche weiß wohl um die Schwächen der Menschen, um die Gefahr, daß sie gerade in diesen Tagen über das erlaubte Maß hinausschießen. Deshalb hält sie allenthalben gerade in diesen Tagen besondere Sühnegottesdienste für die Sünden, die da geschehen, und verbindet für die Gläubigen, die an diesen Tagen den Gottesdienst besuchen, damit besondere Ablässe. So ist beides, Karneval und Fastenzeit, sehr wohl miteinander zu vereinen. Es kommt eben nur auf das ,Wie‘ an.«

5. Karneval und Bibel

Den Karneval als Begriff kennt die Bibel selbstverständlich nicht, aber als Sache kommt er darin wiederholt vor. So lesen wir von einem Karneval in Israel: »Aaron sprach: Morgen ist des Herrn Fest. Und sie standen des morgens früh auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer. Darnach setzte sich das Volk, zu essen und zu trinken, und standen auf, zu spielen« (2. Mose 32, 5-6). Das war echter Karneval mit religiösen Beziehungen, sowohl zu Israels Gottglauben wie zum heidnischen Götterkult; denn das »goldene Kalb« war ein Stierbild, als Zeichen der Sinnenlust, das man nach feierlichem Gottesdienst umtanzte. Der Oberpriester hatte vor dem Begehren des Volkes kapituliert und es schließlich gesegnet, indem er den frommen Rummel als ein »Fest des Herrn« erklärte. Vor Gott aber war das ein Greuel, das er mit seinem ernstesten Strafgericht belegte. Der Apostel Paulus warnt alle Christen vor ähnlichem Treiben: »Werdet auch nicht Abgöttische, gleichwie jener etliche wurden, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken, und stand auf, zu spielen« (1. Korinther 10, 7).

Karneval war auch König Belsazars Gastmahl, das er seinen tausend Gewaltigen mit ihren Weibern veranstaltete (Daniel 5). » … und soff sich voll mit ihnen«, heißt es drastisch. Darauf ließ er alle heiligen Gefäße, die sein Vater Nebukadnezar aus dem Tempel zu Jerusalem entwendet hatte, wohl auch solche aus ändern Göttertempeln bringen, um dem Fest eine religiöse Beziehung zu geben, denn es heißt: »Und da sie soffen, lobten sie die Götter.« Was sagte aber Gott dazu? Er antwortete mit seinem »Mene Tekel«!

Die Bibel weiß auch um die natürliche Lebensfreude und wehrt sie nicht, aber sie muß aus reinen Quellen fließen. Darum ermuntert und warnt sie zugleich: »So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und laß dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, daß dich Gott um dies alles wird zur Rechenschaft ziehen« (Prediger 11, 9).

Der Apostel Paulus ist ehrlich genug, zu bekennen: »Denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes« (Römer 7, 18); »Aber ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn« (1. Korinther 9, 27). Darum kann er auch den jungen Timotheus mahnen: »Fliehe die Lüste der Jugend« (2. Timotheus 2, 22). Das ist »Carne vale«, dem Fleisch Abschied geben, sich selbst besiegen. »Alle aber, welche Jesus Christus angehören, kreuzigen ihr Fleisch samt den Leidenschaften und Begierden« (Galater 5, 24).

Die Bibel kennt nur einen Karneval: Nicht im Austoben, sondern im Bekämpfen und Besiegen des Fleisches. »Dem Narren gefällt seine Weise wohl; wer aber auf Rat hört, der ist weise« (Sprüche 12, 15).

– Otto Grellert, Sto. Angela, Brasilien, Wort und Tat, April 1962 // Bild: ©pixelio/Verena-N