Krieg in Syrien – Erfahrungsberichte

Aleppo Selimian 05

„Es tut gut von euch zu hören. Vielen Dank für euer Anteilnehmen und eure Gebete. Nach zwei Monaten ohne Internet funktioniert es jetzt wieder uns wir können kommunizieren. Dank sei Gott, dass wir als Familie und Gemeinde bisher sicher sind. Es gibt hier eine Menge an Herausforderungen und eine Menge an Fragen, aber unser tägliches Gebet als Familie ist Psalm 91.

Die letzten paar Tage waren hart und der Höhepunkt war Samstag-Nacht, mit einer Menge an Bombardierungen und Zusammenstößen von Rebellen und Soldaten vor unserem Kirchengebäude … Und am Sonntag Morgen sahen wir zwei Leichen vor unserer Kirche. Um 9 Uhr haben sie sie weggeschaft und um 10 Uhr hatten wir Gottesdienst mit 56 Leuten – die meisten kamen zu Fuß. Vorher war der Besuch an jedem Sonntag bei 210-220. Die meisten Leute können wegen der Situation nicht kommen. Es gibt keine Sicherheit mehr. Wir haben einen Mangel an Benzin, deshalb sind die Taxis extrem teuer.

Wirtschaftlich geht es sehr schlecht. Es gibt überhaupt keine Arbeit. Die jungen Leute gehen weg und als Gemeinde verteilen wir Lebensmittel für die Bedürftigen. Das haben wir jetzt zum vierten Mal mit Lebensmittel-Paketen gemacht, sie enthalten Zucker, Reis, Öl zum Kochen, Waschmittel, Milch für Kinder, Thunfisch-Dosen …

Während der Woche haben wir keinerlei Gottesdienste mehr. Auf eine Art ist das Gemeindeleben gelähmt und die einzige Veranstaltung ist der Sonntag-Morgen-Gottesdienst und das Verteilen von Lebensmitteln. Und natürlich auch ganz allgemein, dass wir versuchen den Menschen zu helfen, so weit wir können.

Eure Anteilnahme und Gebete ermutigen uns. Bitte betet weiter! Und vielen Dank von mir auch auch alle Brüder und Schwestern, die für uns beten.

Gott ist groß. Der HERR ist unser Schutz, unsere Hoffnung und Zuflucht.

 

Am 01.10.12 erreichte uns folgendes Mail eines der Pastoren in Aleppo:

„…Was unsere Situation und die finanziellen Bedürfnisse unserer Gemeinschaft angeht, muss ich sagen, dass das ganze Land unter dem Mangel an Benzin, Essensknappheit und Heimatlosigkeit zu leiden hat. Die Kranken finden kaum noch Behandlung für ihre Beschwerden. Tausende – auch Leute aus der Gemeinde – sind aus dem Land geflohen, und viele haben mit ihren Familien und Freunden ihr Zuhause verlassen und Zuflucht gesucht innerhalb der Stadt hier. Lebensmittel und Benzinpreise sind gestiegen und wirtschaftlich geht alles bergab. Unsere Gemeinschaft muss sich mit einer sehr ernsten finanziellen Krise auseinandersetzen, es fehlt einfach das Geld.

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Die Situation hier wird klarer und was am wichtigsten ist, wir erleben Gottes Schutz und seine Gegenwart mit uns allen. Wir, Christen, und Muslime, Bürger des gleichen geliebten Landes, Syrien, sind gleichermaßen betroffen und wir erleiden das eine gleiche Schicksal. Deshalb bauen wir auf unser Vertrauen, unsere brüderliche Liebe und den Respekt, den wir über viele Jahre zueinander aufgebaut haben.

Bitte betet weiter für uns. Gott erfülle alle unsere Bedürfnisse zur rechten Zeit. …“

 

Brief eines unserer Brüder aus Aleppo (am 9.September geschrieben und weitergeleitet)

„Ich hoffe, dass ich ein paar Antworten finden kann auf die Fragen, die meine Kinder mir jeden Abend stellen, wenn sie nicht schlafen können …“

Liebe Schwestern und Brüder,

Wir hoffen, dass es euch gut geht.

Unglücklicherweise haben wir seit mehr als einem Monat (seit den ersten August-Tagen) kein Internet. Und auch kein Telefon. Das Festnetz fängt gerade wieder an zu funktionieren. Wir können Telefonate von außerhalb der Stadt erhalten, aber können nicht aus der Stadt heraus anrufen.

Als Familie und Gemeinde geht es uns gut, Gott sei Dank! Aber seit Ende Juli sind es harte Zeiten. Die wirtschaftliche Situation ist sehr, sehr schlecht. Wir haben Verknappung von Brot, Essen, Medizin, Milch für Kinder …

Außerdem kein Benzin für Autos, kein Gas zum Kochen. Mit der Elektrizität ist es etwas besser. Der Preis für Lebensmittel beträgt jetzt das Fünffache.

Im Moment haben wir seit zwei Tagen kein Wasser. Wir hoffen, dass das Problem gelöst wird, sonst kommt ein Desaster auf uns zu. Die meisten Leute … wissen nicht, was sie tun sollen. Aber für die meisten jungen Menschen ist es leider wohl eine endgültige Entscheidung das Land für immer zu verlassen.

Trotz der unsicheren Situation versuchen wir unseren Sonntags-Gottesdienst weiterzuführen. Aber die Zahl der Besucher ist rückläufig. Anfang Juli kamen noch etwa 180-220 Leute zum Gottedienst. Seit August sind es nur noch zwischen 45 und 65. Die meisten kommen zu Fuß und müssen 30-45 Minuten zum Gottesdienst laufen. Taxis sind jetzt extrem teuer.

Für diejenigen von euch, die wissen, wo wir wohnen …: Nach 5 Uhr ist das hier jetzt Niemandsland. Die Läden sind geschlossen und es gibt keine Arbeit. Tagsüber haben sie noch auf, so etwa ab 11:30 Uhr.

Wir wissen nicht, wohin das alles führt. Aber sicherlich ist die Stadt jetzt um mehr als 50 Jahre zurückgeworfen. Inzwischen hoffe ich, dass ich eine Definition für Demokratie und Freiheit finden kann – oder zumindest, dass ich ein paar Antworten finden kann auf die Fragen, die meine Kinder mir jeden Abend stellen, wenn sie nicht schlafen können und mehr im Innern des Hauses Zuflucht suchen, wegen der Geräusche der Bombardierungen und Schüsse …

Danke für eure Anteilnahme und eure Gebete . Betet weiter! Gott ist groß – unser tägliches Gebet ist Psalm 91!

Mit den besten Wünschen und Gebeten

 

Quelle/Bild: syrien.webnode.com

 

Battle_of_Aleppo_map
Stadtviertel kontrolliert von:

ROT: Regierung / Syrische Armee
GRÜN: Rebellen / Freie Syrische Armee u. andere Gruppen
GELB: Kurdisch kontrolliert
SCHWARZ: ISIS (Islamischer Staat in Syrien und Irak)
BRAUN: Umkämpft oder unklar

– Quelle: Wikipedia, Battle_of_Aleppo_(2012)