Kubsch, Im Zweifel für den Zweifel?

ZweifelMit dem zehnten Band der Schriftenreihe „Jahrbuch des Martin Bucer Seminars“ gibt Ron Kubsch einen Sammelband mit Beiträgen zur christlichen Apologetik heraus. Unter dem Titel Im Zweifel für den Zweifel? äußern sich sechs Autoren zu der Frage, ob und wie der christliche Glaube in Zeiten, in denen alles in Frage gestellt und bezweifelt wird, noch gelebt und vertreten werden kann.

Einleitend zeichnet der Herausgeber vor allem anhand von Descartes und Nitzsche eine kurze Geschichte des Zweifels bis in unsere Zeit nach. Eine Zeit, die von Skepsis und einer alles in Frage stellenden Haltung geprägt ist. Doch wenn die unumstößliche Wahrheit unserer Tage besagt, dass alles in Zweifel gezogen werden muss, wäre es dann nicht jetzt an der Zeit, auch den Zweifel in Zweifel zu ziehen? Von dieser Frage ausgehend ruft Ron Kubsch zu einem konstruktiven Umgang mit dem Zweifel auf.

Unter dem Titel „Schlechte, aber einflußreiche Argumente gegen die Existenz Gottes“ beleuchtet der Philosoph Professor Daniel von Wachter allgemeinverständlich oft vorgebrachte Einwände gegen den Gottesglauben. Dabei zeigt er scharfsinnig, wie irrational diese Einwände und Argumente oft sind und dass sie keinen wirklichen Grund bieten, an Gott zu zweifeln. Im Zuge dessen verweist er auch die Naturwissenschaften – und insbesondere die Evolutionstheorie – in ihre Grenzen. Abschließend beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Existenz des Bösen in dieser Welt gegen die Existenz Gottes spricht. Bei alldem ermutigt von Wachter den Leser zur gründlichen Prüfung und zu einem gelassenen, rationalen Umgang mit Argumenten gegen Gottes Existenz, denn schließlich „versucht ein rationaler Mensch, Gott wahrzunehmen“.

Professor Harald Seubert stellt mit seinem sprachlich recht anspruchsvollen Aufsatz „Glaube, Zweifel und die Gottesfrage“ einige Überlegungen zum „neuen Atheismus“ an. Auch er stellt fest, dass die Argumente gegen Gott, die im Namen des Zweifels hochgehalten werden, weder neu sind noch vor Überzeugungskraft strotzen. Er kommt zu dem interessanten Schluss, dass der Zweifel am Zweifel unweigerlich zur Gottesfrage führen muss. Von da aus setzt er sich mit den führenden Atheisten unserer Tage, „The Brights“ und insbesondere Richard Dawkins, auseinander und stellt nicht nur dar, was sie sagen, sondern auch besonders wie sie es sagen. Seubert macht dabei darauf aufmerksam, dass man diesen neuen Atheismus ernst nehmen und ihn aus christlicher Perspektive beantworten muss – wozu er weitere Ratschläge gibt.

Professor Thomas Schirrmacher hat für das Jahrbuch seinen bereits 1990 erschienen Aufsatz über Galileo Galilei überarbeitet und erweitert. Dieser Aufsatz ist ein wertvoller Beleg gegen die weit verbreitete These, dass Christentum und Kirche ein Feind von Wissenschaft und Forschung seien, wofür der Fall Galilei bis heute immer wieder gern als Zeuge aufgerufen wird. Demgegenüber stellt Schirrmacher fest: „Das Bild vom Prozess des Vatikan gegen Galileo Galilei, […], hält der historischen Forschung nicht stand. Zu viele Legenden müssen das Bild vom Kampf zwischen der ach so engstirnigen christlichen Kirche und dem ach so genialen und rationalen Naturwissenschaftler stützen.“ (S. 76). Diese Legenden betrachtet Schirrmacher in 28 Thesen und macht damit Mut, das, was heute als Selbstverständlichkeit gilt, ruhig einmal in Zweifel zu ziehen.

Mit Zweifeln an der Existenz Gottes beschäftigt sich auch der Artikel von Wim Rietkerk – insbesondere mit der Frage: „Ist Gott eine Projektion?“ Rietkerk fragt in der Auseinandersetzung mit Hegel, Feuerbach, Freud u. a. zunächst nach den Ursprüngen der Projektionstheorie, um diese dann von mehreren Seiten zu beurteilen und einzuordnen.

Mit einem speziellen Gebiet des Zweifels, dem Gefühlszweifel, setzt sich ein weiterer, eher seelsorgerlicher Aufsatz von Wim Rietkerk auseinander. Unter dem Titel „Ich fühle ganz anders!“ differenziert der Verfasser zunächst verschiedene Formen des Zweifels, zeichnet die Beispiele zweifelnder Glaubenshelden in der Bibel nach und geht schließlich intensiver auf die Ursache von Gefühlszweifeln und deren Bewältigung ein.

Der Film ist ein ganz entscheidendes Medium unserer Tage. Grundlegende Lebensfragen werden nicht selten im Kino thematisiert und so einem breiten Publikum präsentiert. Wie Filme geistliches Wachstum anstoßen können, will Robb Ludwick in seinem Aufsatz „Gott im Kino“ erörtern. Darin berichtet er ganz persönlich und anhand konkreter Beispiele über seine Vorliebe für Filme und wie Gott uns über dieses Medium ansprechen kann.

Den Abschluss des Jahrbuches macht der Herausgeber mit dem Vortrag „Evangelium in der Postmoderne“. Die Denkvoraussetzung unserer Zeit sind eine große Herausforderung für die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Ron Kubsch skizziert zunächst die Grundzüge der Postmoderne und zeigt dann anhand des Beispiels von Francis Schaeffer, wie wir ihr begegnen und das Evangelium verkündigen können. Dabei spielt vor allem das Liebesgebot eine tragende Rolle: Fest verankert in Gott und seinem Wort können wir uns kritisch, zuhörend und einfühlsam auf unsere zweifelnden Zeitgenossen einlassen und ihnen das Evangelium von der Gnade Gottes bringen.

Das vorliegende Jahrbuch stellt auf erfrischende und vielfältige Art und Weise die Frage, ob wir uns im Zweifel für den Zweifel entscheiden müssen. Die Antwort ist eindeutig. Nicht nur wird dem Zweifel seine scheinbare Attraktivität genommen, sondern auch dazu ermutigt, den Zweifel einmal gründlich zu hinterfragen. Mir ist bei der Lektüre dieses Buches deutlich geworden, dass der Zweifel als eine Lebenshaltung letztlich nichts anderes ist, als eine Flucht vor der Verantwortung vor Gott – vor dem Gott, dessen Existenz sich gar nicht so leicht bezweifeln lässt, wie die Autoren dieses empfehlenswerten Buches aufzeigen.

– Rezension von Johannes Otto // Bonner Querschnitte