Lebenszeugnis: Mein Weg in der Kirche

KircheSeit ich denken kann habe ich eine Verbindung zur Kirche. Ich wurde als Baby getauft und besuchte neben den Kinderangeboten der LKG (Sonntagsschule, Kinderbibelkreis) auch die Christenlehre. Nach 2 Jahren Konfi-Unterricht wurde ich im Mai 1995 in Lugau konfirmiert. Den Tag meiner Bekehrung kann ich nicht nennen, aber in dieser Zeit sagte ich bewusst JA zu Jesus.

Neben unseren Jugendkreis, den ich seit 1994 besuchte, ging ich auch in die Junge Gemeinde der Kirche. Ich brachte mich auch dort mit ein, indem ich z.B. Artikel für die JG-Zeitung schrieb. Ich nahm an Sportveranstaltungen der Ephorie teil, sang viele Jahre im Kirchenchor, versah ehrenamtliche Aufgaben und ging regelmäßig in den Gottesdienst. Sogar ein 2- Wochen-Praktikum im Pfarramt absolvierte ich.

Als wir in der LKG ein Gemeinschaftsblatt begannen und ich dieses mit einem Freund aus der Jugend zusammenstellte, war es mir wichtig, dass auf der Veranstaltungsliste der sonntägliche Gottesdienst stehen solle. Damit war der Gemeinschaftsleiter erstmal gar nicht so einverstanden, aber schließlich machten wir es so. Ich konnte nicht verstehen, wie man auf der einen Seite zur Kirche gehört, aber in der Praxis nur wenig davon wahrnimmt. Mir war es wichtig, dass die Innerkirchlichkeit nicht nur auf dem Blatt steht, sondern dass man sie lebt. Es lag mir viel an einer engeren Zusammenarbeit zwischen Kirche und Gemeinschaft.

In all den Jahren lernte ich die Kirche wirklich kennen. Wenn ich sie heute so stark kritisiere, dann kann man mir nicht vorwerfen, ich hätte keine Ahnung davon. Wie kam es eigentlich zu meiner jetzigen Sicht?

Auch wenn ich wie oben beschrieben viel mitarbeitete, gab es bereits in der Christenlehrezeit einige Dinge, die mir auffielen. Ein Diakon, der unterrichtete, betete plötzlich nicht mehr in der Christenlehre. Das war für mich als Sonntagsschüler befremdend.

In der Jugendzeit erkannte ich, dass es in der Kirche sehr viele Namenschristen gibt. Es fiel mir schwer das zu verstehen. Als mir dann in vielen Gesprächen mit verschiedenen Hauptamtlichen (Pfarrer, Diakone, Kantoren usw.) immer wieder Kritik an der Bibel begegnete, wurde ich langsam kritischer. Man sagte mir, dass Homosexualität in Ordnung wäre, dass Paulus ein Frauenfeind gewesen sei oder dass die Bibel Fehler enthalte. Das schockierte mich.

Am Anfang dachte ich, dass es sich bei derartigen Aussagen um Ausnahmen handelte. Heute weiß ich, dass das Problem viel tiefer liegt. Mir wurde immer mehr klar, dass die universitäre Theologenausbildung die Bibel wie jedes andere Buch untersucht. Auch in diesem Punkt nahm ich zuerst an, dass es nur wenige Professoren gibt, die Gottes Wort infrage stellen. Heute weiß ich, dass es kaum einen deutschen Theologieprofessor gibt, der an die irrtumslose Inspiration der Schrift glaubt.

In den folgenden Jahren habe ich Dinge erlebt und untersucht, die mich innerlich immer weiter von der „Institution Kirche“ weggebracht haben. Man könnte Bücher darüber schreiben. Ein Pfarrer wurde gefragt, ob Nichtchristen in den Himmel kommen. Er bejahte das. Er sagte auch, dass man mehr buddhistische Elemente in den Gottesdienst einbauen sollte. Eine Pfarrerin verstand nicht, warum im Alten Testament geopfert wurde. Ein anderer Pfarrer kritisierte mich und einen Freund, da wir Homosexualität als Sünde bezeichneten.

In einer Kirchgemeinde in der Nähe von Zwickau leugnete ein Pfarrer die Himmelfahrt. In eine JG-Stunde lud ich mal einen Bekannten ein. Dieser machte sich oft lustig über den Glauben. Nach dieser Stunde war es mir peinlich, ihn eingeladen zu haben. Der Pfarrer, der die Predigt hielt, praktizierte eigenartige Dinge. Wir sollten die Augen schließen und auf Eingebungen warten. Der Pfarrer legte diese Visionen dann aus und band die jungen Seelen an sich. Mir sind einige Pfarrer in Sachsen bekannt, die solche und ähnliche Dinge treiben. Ein klar stehender Jugendwart erzählte mir, dass sich in einer Veranstaltung die jungen Leute auf dem Boden wälzten. Der verantwortliche Pfarrer trieb es soweit, dass die Eltern der Kinder die Polizei riefen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass die Vorgesetzten dieser Pfarrer hier jemals eingegriffen haben. Man kann mir nicht erzählen, von all dem nichts gewusst zu haben.

All diese Erfahrungen fanden nicht etwa weit weg statt, sondern direkt vor unserer Haustür. Diese Aufzählungen könnte man weiter fortführen. Es handelt sich auch nicht nur um Erkenntnisfragen und Nebensächlichkeiten. Es geht mir auch nicht um die perfekte Gemeinde, wie mir manchmal vorgeworfen wird.

Umso wichtiger mir Gott und sein Wort wurde, desto klarer trat die Diskrepanz zur Kirche zu Tage. Vor etwa 6 Jahren war ich so frustriert über das, was in dieser Kirche alles möglich ist, dass mir die katholische Kirche sympathisch wurde. Dort sah ich wenigstens in der Frauenfrage oder in ethischen Dingen (Abtreibung, Homosexualität) noch eine klarere Linie. Ich las viele Bücher von Ratzinger und anderen. Natürlich ist der Katholizismus mit der Bibel unvereinbar, das war mir damals schon klar, aber eine Zeit lang hatte ich doch eine gewisse Sympathie für ihn. Ich gebe aber zu, dass ich es hier übertrieben habe und distanziere mich in aller Deutlichkeit vom Katholizismus und allen ökumenischen Bestrebungen.

In den kommenden Jahren bestätigte sich meine Sicht immer mehr. Viele Meldungen aus der EKD waren so unbiblisch, dass man sie nicht mehr kommentieren muss. Es werden Grundlagen des christlichen Glaubens und der Bekenntnisse relativiert oder geleugnet. Auf dem Kirchentag gibt es nichts, was nicht möglich ist. Welches Bild bekommen da Ungläubige?

Im Jahr 2009 war dann ein Punkt erreicht, wo ich die Reißleine ziehen musste. Die Hauptgründe für den Kirchenaustritt waren:

1. Mit einem Bleiben in einer Institution, die auf breiter Front Irrlehren duldet und sogar fördert, mache ich mich schuldig. Durch meine Kirchensteuer werden Dinge finanziert, die abzulehnen sind.
2. Die Evangelische Kirche sehe ich nicht mehr als reformierbar an.
3. Alles Auftreten und Kämpfen wird im Keim erstickt.
4. Die Universitätstheologie hat sich der Bibelkritik so stark geöffnet, dass das Gift des Infragestellens der Schrift, nicht spurlos an den Studenten vorüber geht.

 

Sebastian Gruner (Erlbach-Kirchberg) // BILD: ©pixelio/Dieter Schütz