Die Lehre vom Heiligen Geist

Hl_Geist

Eine kurze Einführung in die biblische Lehre vom Heiligen Geist

1.) Der Heilige Geist ist eine Person

Nach dem biblischen Zeugnis ist der Heilige Geist eine göttliche Person und lebt zusammen mit Gott dem Vater und Gott dem Sohn in unlösbarer Gemeinschaft. Obwohl einige biblische Hinweise die Vorstellung einer unpersönlichen Kraft nahezulegen scheinen (Joh. 20,22: „er blies sie an“; Ag. 1,8 und 1. Kor. 2,4: „Kraft“; Eph. 5,18b: „laßt euch erfüllen“), trägt der Heilige Geist eindeutig personale Wesenszüge. Er lehrt und erinnert (Joh. 14,26), er spricht, er offenbart (Ag. 8,29; 10,15; 13,2; 16,6ff; 1.Kor. 2,10), er liebt (Röm. 15,30), er ist schöpferisch (1.Mose 1,2; Luk. 1,35; Röm. 8,11), er kann betrübt werden (Eph. 4,30).

2.) Der Heilige Geist im Alten Testament

Der Geist Gottes ist als göttliche Person bei der Schöpfung beteiligt (1. Mose 1,26; 2,7; Hiob 33,4). Er wird einzelnen Personen für besondere Aufgaben erteilt (4. Mose 11,25; Ri. 6,34; 1. Sam. 10,9; Micha 3,8). Er kann wieder entzogen werden (1. Sam. 16,14; vgl. Ps. 51,13). Das Volk Israel als Ganzes hatte ihn nicht (vgl. Jes. 63,10). Es gibt im Alten Testament drei Verheißungslinien für den dauerhaften Empfang des Heiligen Geistes:

2.1 Für den Messias (Jes. 11,2; Jes. 42,1-9). Diese Verheißungen haben sich in Jesus Christus erfüllt (Luk. 4,10 ff.).

2.2 Für das Volk Israel (Jes. 32,15-17; Hes. 11,17-20;36,26 f.; Sach. 12,10). Diese Verheißungen haben sich zu Pfingsten zunächst an den Jüngern Jesu erfüllt (Ag. 2,16), und sie werden sich endgültig bei Jesu Wiederkunft erfüllen (vgl. Röm. 11,26).

2.3 Für die ganze Menschheit (Joel 3,1-5, insbesondere 3,1 „Ich will meinen Geist ausgießen über alles Fleisch“). Diese Verheißungen haben sich zu Pfingsten an denjenigen nichtjüdischen Zuhörern der Predigt des Petrus erfüllt, die gläubig wurden. Sie erfüllen sich immer wieder dort, wo Menschen aus den nichtjüdischen Völkern gläubig werden.

3.) Der Heilige Geist zu Pfingsten

Dem Pfingstfest kommt in Gottes Heilsgeschichte eine außerordentliche Bedeutung zu. Es war das jüdische Fest der Erstlingsgaben aus der Ernte. Dementsprechend sind die Jünger die „Erstlinge“ aus dem Volk Israel, die den Heiligen Geist empfangen. Er wird ihnen gegeben, damit sie Gottes Heilspläne verstehen und das Evangelium unter den Völkern bezeugen können. Stellvertretend für das ganze Volk Israel lösen die Apostel und insbesondere Paulus die alte Abrahams- und Sinaiberufung Israels ein (1. Mose 12,1-3; 2. Mose 19,6) und tragen Gottes Erlösungsbotschaft zu den Völkern.

Einige der beim Pfingstgeschehen anwesenden Juden und der an den biblischen Gott gläubigen Heiden verstehen aufgrund eines besonderen Hörwunders das Reden der Apostel in neuen Zungen als Anbetung und Lob Gottes. Damit macht der Heilige Geist der jungen Gemeinde Jesu klar, daß ihre erste und ihre ewige Aufgabe in der Anbetung Gottes liegt. Gemäß der Anweisung Jesu (Ag. 1,8) empfangen zunächst gläubig gewordene Juden und Heiden in Jerusalem, dann Menschen in Samarien und schließlich aus der Völkerwelt den Heiligen Geist (Ag. 2,1ff; 8,14-17; 10,44ff). Diese einmaligen geschichtlichen Ereignisse werden „Taufe mit dem Geist“ genannt.

4.) Der Empfang des Heiligen Geistes

Zu Jesu Lebzeiten war der Heilige Geist „noch nicht da“ (Joh. 7,39). Demzufolge hatten die Jünger den Heiligen Geist vor Pfingsten nicht (Joh. 20,22 bereitet sie auf den Geistempfang zu Pfingsten vor). Seit Pfingsten kann der Heilige Geist von allen Menschen empfangen werden, und zwar durch Hören auf das Evangelium (Röm. 10,27) bzw. durch Gehorsam dem Evangelium gegenüber (Ag. 5,32). Wer das Evangelium hört und ihm gehorcht, wird durch den Heiligen Geist „neu geboren“ (Joh. 3,5) und empfängt göttliches Leben (Joh. 6,63; 2. Kor. 3,6). Nur wer den Geist empfangen hat, vermag Jesus Christus seinen Herrn zu nennen (1. Kor. 12,3).

5.) Die Erfüllung mit dem Heiligen Geist

Da der Heilige Geist eine Person ist, kann man nicht mehr oder weniger Geist haben. Vielmehr besteht die Erfüllung mit dem Geist seitens des Menschen darin, daß er sich Gott zur Verfügung stellt und seitens Gottes, daß er seine Herrschaft über den Menschen ausübt. Paulus nennt in Eph. 5,18b-20 drei Kennzeichen des vom Geist erfüllten Lebens: eine geistliche, von Gottes Liebe geleitete Kommunikation mit anderen Menschen, persönliches Gotteslob und tägliche Danksagung für alles im Namen Jesu Christi. Die Erfüllung mit dem Geist setzt die Bereitschaft voraus, alle persönlichen Lebensbereiche unter den Gehorsam des Glaubens zu stellen.

6.) Die Wirksamkeit des Heiligen Geistes

Es ist das große Ziel des Heiligen Geistes, Jesus Christus zu verherrlichen, d.h. groß und wichtig zu machen (Joh. 16,14). Deswegen tritt er völlig hinter Jesus zurück. Aus diesem Grund gibt es in der ganzen Bibel kein Gebet zum Heiligen Geist. Das Ziel der Verherrlichung Jesu erreicht der Heilige Geist dadurch, daß er die Menschen von ihrer Sünde überführt (Joh. 16,8), sie heilsbedürftig macht und ihnen dadurch den Blick auf den Sünderheiland Jesus Christus öffnet. Wenn wir uns unseres eigenen Elends, unserer Sünde, unserer Unfähigkeit zum Guten und unserer vielfältigen Mängel bewußt sind, suchen wir unser Heil bei Jesus. Gleichzeitig schenkt der Heilige Geist all denen, die bei Jesus Vergebung und Heil suchen, göttlichen Frieden und göttliche Freude (Röm. 14,17).

7.) Der Heilige Geist als Seelsorger

Seit der Erschaffung des ersten Menschen hat Gott das Ziel, den Menschen zu einem Ebenbild des göttlichen Wesens zu erneuern (1. Mose 1,26; Röm. 8,29). Da Gottes Wesen Liebe ist (1. Joh. 4,16), besteht die Ebenbildlichkeit vor allem darin, daß der Mensch durch Gottes Liebe erneuert wird zu einem Leben aus der Kraft der Gottesliebe (1. Kor.13,4-8a). In der Seelsorge des Heiligen Geistes wird der Christ in einem ganz individuellen Prozeß zu einem liebesfähigen Menschen umgestaltet. Der Geist gießt Gottes Liebe in sein Herz (Röm. 5,5), offenbart ihm die Liebe Gottes in Jesus Christus, lenkt seinen Blick auf ihn und verändert ihn auf diese Weise „von einer Herrlichkeit zur anderen“ (2. Kor. 3,18). Das Gestaltwerden der Liebe und das Gefestigtwerden in ihr vergleicht Paulus in Gal. 5,22 mit dem langsamen Reifen einer Frucht.

8.) Geistliches Reifwerden

Die geistliche Neugeburt eines Menschen ist der Anfang seines geistlichen Lebens. Nun muß ein geistliches Wachstum einsetzen, eine Festigung im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe, damit der Christ eine reife geistliche Persönlichkeit wird. Jesus ermahnt in der Bergpredigt seine Nachfolger, „vollkommen“ zu werden wie es der Vater im Himmel ist (Mt. 5,48), und er zeigt ihnen in den sog. „Antithesen“ (Mt. 5,21-47), worin geistliche Reife besteht. Sie gipfeln in der Aufforderung, auch die Feinde zu lieben. Paulus versteht seinen Dienst im wesentlichen als seelsorgerliche Bemühung, „einen jeden Menschen in Christus vollkommen zu machen“ (Kol. 1,28f.). Geistliche „Vollkommenheit“ hat nach dem biblischen Zeugnis nichts mit einem perfektionistischen Heiligungsstreben zu tun, sondern meint eine in der Liebe Gottes gefestigte Wesensart.

Jesus hat die gemeindlichen Leitungsdienste dazu eingesetzt, daß die Gemeinde zu dieser geistlichen Reife geführt wird (Eph. 4,11-15). Alle gemeindliche Arbeit muß also ihre Zielsetzung darin haben, daß Christen im Glauben und in der Liebe gefestigt werden, so schärft es Paulus seinem Mitarbeiter Timotheus ein (1. Tim. 1,5). Der „vollkommene“, also der durch Gottes Liebe gereifte Christ ist geistlich stabil angesichts von Verführungen (Eph. 4,14), er erstrebt die Heimat im Himmel (Phil. 3,15), er erkennt durch den Heiligen Geist Gottes tiefstes Wesen (1. Kor. 2,10) und er vermag seine Feinde zu lieben (Mt. 5,48):

9.) Die Fülle in Christus

In Joh. 10,10 verheißt Jesus allen, die an ihn glauben, Leben und volle Genüge. Paulus bezeugt in Eph. 1,3, daß der Glaubende in Christus den vollen Segen des Himmels empfängt. Petrus nennt die Erkenntnis Gottes in Christus die Quelle aller irdischen und himmlischen Güter, die der Christ zum Leben und zur Frömmigkeit braucht (2. Petr. 1,3). Der geistlich reife Christ findet demnach in Christus Zugang zu allen himmlischen und irdischen Gütern.

10.) Die Wirkungen des Geistes in der Gemeinde

Der Heilige Geist wirkt durch einzelne Christen in übernatürlicher Weise Worte und Taten, die der ganzen Gemeinde zugute kommen (1. Kor. 12,7). Paulus unterscheidet „Gnadenwirkungen“, die sog. „Charismen“ (z.B. Heilungen, die Anbetung Gottes mit neuen Zungen, prophetisches Reden, praktische Hilfe, Hilfe bei Leitungsentscheidungen), „Dienstämter“ (Apostel, Propheten, Lehrer, Evangelisten, Hirten) und „Kraftwirkungen“ (z.B. Wunder). Wann und wo und durch wen der Heilige Geist auf diese übernatürliche Weise die Gemeinde stärkt, steht ganz allein bei ihm. Neid und Hochmut sind unangebracht. Wenn es keine übernatürlichen Geistwirkungen gibt, droht die Verdorrung der Gemeinde. Insbesondere ist heute geistgewirkte prophetische Rede für Verkündigung und Seelsorge wichtig.

– Dr. Joachim Cochlovius // gemeindenetzwerk.org // Bild: ©CreationSwap/Gary Buchanan