Lewis, Die Abschaffung des Menschen (II)

die-abschaffung-des-menschenColeridge betrachtet einen Wasserfall, zwei Touristen unterhalten sich über den Anblick. Der eine bezeichnet ihn als «erhaben», der andere als «hübsch». Coleridge schließt sich dem ersten an und weist «hübsch» zurück. Was sagen Sie zu einem Wasserfall? Wem schließen Sie sich an? Oder sind die Aussagen der Touristen tatsächlich «nur» als jeweiliger Ausdruck ihrer eigenen Gefühle zu verstehen? Bejahen wir, so Lewis, betreten wir den Weg zur Abschaffung des Menschen.

Ausgangspunkt seiner (Literatur-)Kritik ist ein Schulbuch, in dem gelehrt wird: „Wir scheinen sehr Wichtiges zu sagen, während wir in Wirklichkeit nur etwas über unsre eigenen Gefühle äußern.“ Damit stellt das Schulbuch die Vernunft über das Gefühl und trennt beides voneinander. Die Vernunft wird gepriesen, das Gefühl als minderwertig heruntergestuft: Es sind «nur» Gefühle.

Lewis verurteilt diese Trennung. Bestimmte Dinge verdienen bestimmte Urteile. Ein Wasserfall verdient das Prädikat «erhaben». Coleridge, in Zustimmung mit dem ersten Touristen, äußert nicht bloß eigene Empfindungen, sondern hält seine (Gefühls-)Reaktion auch für angemessen (und «hübscher» Wasserfall für unangemessen). Das Gefühl ist also stets Ergebnis der Beurteilung durch die Vernunft bzw. Unvernunft, d.h. das eine folgt dem anderen:

„Eine Empfindung ist an sich noch kein Urteil; insofern sind Empfindungen und Gefühle immer alogisch. Aber sie können vernünftig oder unvernünftig werden, je nachdem sie der Vernunft entsprechen oder nicht. Das Herz kann nie an die Stelle des Kopfes treten; aber es kann und sollte ihm gehorchen.“ (S.28)

Fünf Seiten später lehrt Lewis: „Der Kopf regiert den Bauch durch die Brust.“ (S.33) Seinem Verstand nach ist der Mensch bloß Geist, seinen Trieben nach bloß Tier, erst das Gefühl macht ihn zu einem Menschen. Das Schulbuch aber produziert „Menschen ohne Brust“.

Dass selbst die Autoren des Schulbuchs nicht völlig ohne Werte auskommen, zeigt Lewis im zweiten Kapitel „Der Weg“ und hinterfragt: Wo kommen diese Werte her, wenn nicht aus einem absoluten, allgemein gültigen Wertesystem? Dieses Naturgesetz, die überlieferte Moral, das „Erste Prinzip der Praktischen Vernunft“, die «Menschlichkeit», das Gewissen…

„…ist die einzige Quelle aller Werturteile. Wird es abgelehnt, wird jeglicher Wert verworfen. Wird irgendein Wert beibehalten, wird es auch beibehalten. Der Versuch, es abzulehnen und ein neues Wertesystem an seine Stelle zu setzen, ist ein Widerspruch in sich.“ (S.49)

Den in die Praxis umgesetzten Widerspruch behandelt Kapitel 3. Damals wie heute wird fortschreitend versucht, (natur-)wissenschaftlich „Macht über die Natur“ auszuüben und schließlich auch die Menschheit zu „erobern“. Wer aber Macht über die Natur des Menschen – und sein Wertesystem – ausübt, der hat ihn letztlich abgeschafft. Wenige «Konditionierer» formen dann eine neue Generation Mensch nach ihren eigenen, willkürlichen (Wert-)Vorstellungen.

Das vorliegende Buch ist im Kontext des zweiten Weltkriegs und der Eugenik der Nazis zu lesen. Aber Lewis hat auch weniger Offensichtliches wie sprachliche Konstrukte («liquidieren» statt «töten») oder die Degradierung tugendhafter Sparsamkeit zum «Umsatzhemmer» im Blick. Ob er eine Vorahnung von Gender, sexuelle Vielfalt, Gentechnik und Abtreibung hatte? Das Buch ist brandaktuell. In vielen Bereichen hat sich der Mensch bereits abgeschafft.

Hier eine weitere Rezension zum Buch.