Menschenhandel – die Rückkehr der Sklaverei

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Im Rahmen der ersten öffentlichen Veranstaltung von MISSION FREEDOM sprach Prof. Dr. Thomas Schirrmacher zum Thema „Menschenhandel – die Rückkehr der Sklaverei“. Dabei wurde auch das neu erschienene, gleichnamige Buch vorgestellt.

Drei Dinge gelten „ganz unmittelbar als Verbrechen“, nämlich Vergewaltigung, Folter und Entführung. Kämen alle drei zusammen, „dann nennt man das Zwangsprostitution – und keinen interessiert es mehr“, so Schirrmacher. Es gebe keinen ertragreicheren Wirtschaftszweig der Welt als den Menschenhandel. Er zeichne sich aus durch „geringe Startkosten, unglaublich hohe Profite, starke und ständig wachsende Nachfrage, sehr geringes Risiko“ und anderes mehr. Menschenhandel sei einer der Hauptmotoren der Korruption weltweit, ja er sei die „Haupteinnahmequelle von Bürgerkriegsarmeen“.

Verschiedene Experten schätzten die Zahl derjenigen, die versklavt sind, um unmittelbar mit ihnen Gewinn zu erzielen, auf 27-30 Millionen Menschen. In dieser Zahl sei allerdings noch nicht die Kinderarbeit berücksichtigt, die nach UN-Angaben bei noch dramatischeren 215 Millionen läge. Der unmittelbare Gewinn, nicht der Umsatz, werde von Experten auf jährlich 153 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Frage man nach der Verbreitung von Menschenhandel zur Ausbeutung der Arbeitskraft, stehe Europa nicht im Mittelpunkt. Anders sähe es in Bezug auf Prostitution aus. „Menschenhandel zur Ausbeutung der Sexualität ist nirgendwo verbreiteter als in Kerneuropa, also auch bei uns“, so der Soziologe. Nach Angaben von Europol gehöre Deutschland diesbezüglich zu den Top fünf Ländern weltweit. Hauptmotor für die Ausbreitung von Zwangsprostitution sei der seit Jahren weltweit anhaltende Preisverfall, so dass sich immer mehr Männer einen Besuch bei einer Prostituierten leisten könnten. Daneben spiele natürlich auch der permanente Verfall von Moral und Ethik eine wichtige Rolle.

Da die konkrete Lage der betroffenen Frauen in vieler Hinsicht sehr kompliziert und dabei zudem sehr persönlich sei, könnten staatliche Stellen allein diese Problematik nicht lösen. Sie seien vielmehr auf Hilfe von privaten Initiativen angewiesen. Gerade Christen hätten schon immer nicht nur einen hohen ethischen Anspruch gehabt, sondern seien auch immer bereit gewesen, Menschen zu helfen, die in große Schwierigkeiten gekommen seien. Insofern Reihe sich MISSION FREEDOM ein in eine lange Reihe christlicher Initiativen.

Hintergrundinformationen zum Thema von Mission Freedom

Zwangsprostituierte „bedienen“ in der Regel 20 bis 30 Kunden am Tag bei 12 bis 14 Stunden Arbeitszeit ohne freie Tage oder Urlaub. Es sind aber auch viele Fälle mit längeren Arbeitszeiten und 60 bis 70 Kunden am Tag dokumentiert. Auch bei Krankheit, Menstruation oder Schwangerschaft gibt es keine Pause. Dazu kommen die Folgen von Schlägen und Nahrungsentzug sowie von Geschlechtskrankheiten wie Aids – Folge fehlender Kondomnutzung.

Wer sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzt, nicht aber den weltweiten Handel von Frauen und Mädchen zur Prostitution anprangert, macht sich unglaubwürdig. Denn nirgends werden Frauen mehr entwürdigt und der Macht von Männern ausgeliefert, und das auch mitten in freien, demokratischen Ländern. Eigentlich müsste die Gleichberechtigungsklausel im deutschen Grundgesetz allein Anlass dafür sein, den Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution in Deutschland enorm aufzustocken und zu einem der primären Ziele für Innen-, Arbeits- und Familienministerium zu machen.

Wie hoch der Anteil der Zwangsprostituierten unter den Prostituierten in Deutschland ist, ist ein Politikum und schwer umstritten. Aber dass es wenigstens die Hälfte sein dürfte, ist offensichtlich. Das bedeutet: Jeder Freier, der eine Prostituierte aufsucht, hat eine Chance von 50 zu 50, dass er es mit einer Sklavin zu tun hat!

Erkenntnisse aus Deutschland

In Deutschland werden nur sehr wenige Fälle von Menschenhandel aufgedeckt, geschweige denn tatsächlich verurteilt. Dennoch ist die statistische Erfassung des deutschen Bundeskriminalamtes von Interesse. Allerdings ist hier die Arbeitsausbeutung nicht mit erfasst: „Im Jahr 2009 wurden in Deutschland 534 Ermittlungsverfahren wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung abgeschlossen. (…) Entsprechend der Entwicklung in den vergangenen Jahren stammte auch 2009 der Großteil der Opfer (86 %) aus dem europäischen Raum. Bei den ausländischen Opfern dominierten erneut rumänische und bulgarische Staatsangehörige; die Zahl nigerianischer Opfer stieg auf 34 (2008: 25). Rund 20 % der Opfer waren minderjährig; die Zahl der unter 14-Jährigen ist auf 41 gestiegen und hat sich damit gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt (2008: 20)

Das organisierte Verbrechen unterscheidet sich vor allem in drei Bereichen von normalen Wirtschaftszweigen: Erstens durch illegales Wirtschaftsgut, zweitens durch den unabdingbaren Einsatz von Gewalt und drittens durch großflächige Korruption. Außerdem gehören immer folgende Elemente dazu, die aber auch bei legalen Geschäften vorkommen können: Überdurchschnittlich hohe Gewinne und Verschleierung der wahren Sachverhalte und Besitzverhältnisse. In Hamburg stehen Mitglieder einer slowakischen Großfamilie wegen Menschenhandels vor Gericht. Sie sollen auch Schwangere auf den Straßenstrich geschickt haben. Wie ein altes Mütterchen sitzt die 64 Jahre alte Frau mit dem geblümten Kopftuch und der grauen Strickjacke im Sitzungssaal des Hamburger Landgerichts. Ihr Gesicht ist zerfurcht, die grauen Haare lugen unter dem Tuch hervor. Unsicher blickt sie in den Raum – ihre drei Söhne sitzen dort auf den übrigen Anklagebänken, kurz darauf wird auch ihre Schwiegertochter in den Saal geführt. Fünf Mitglieder einer Großfamilie aus der Slowakei müssen sich wegen schweren Menschenhandels vor Gericht verantworten. Laut Staatsanwaltschaft sollen sie von 2002 bis 2010 bis zu 20 junge Frauen in die Hansestadt gelockt und dort zur Prostitution gezwungen haben.

Menschenhandel in Europa

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) schreibt: „Die am stärksten vom Menschenhandel betroffenen Regionen sind Zentral- und Südostasien, das subsaharische Afrika und einige südamerikanische Staaten. Die wichtigsten Zielregionen sind die zentral- und westeuropäischen Staaten sowie die USA.“ Laut der UN Office on Drugs and Crime standen 2006 fünf Länder an der Spitze Westeuropas, was Drehscheibe und Empfang von Menschenhandel betrifft: Belgien, Deutschland, Griechenland, Italien und die Niederlande.

 

MISSION FREEDOM e.V. wurde am 01.01.2011 in Hamburg gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution gegründet und plant, neben der Aufklärungsarbeit, künftig Opfer in ein neues Leben in Freiheit zu begleiten. // Bild oben: Vietnamesische Kampagne.