Misstrauen und Ablehnung unter Christen

Gesichter

»Die Sache, um die es in dem Beitrag geht …, sehe ich wie gesagt auch kritisch, ja zu Teilen mit Bedauern. … Mein Hauptanliegen ist ein anderes: Es ist die Art der Berichterstattung und der Beurteilung, wie ich sie nicht nur in diesem Fall sehe, sondern vor allem im konservativeren Teil der Evangelikalen insgesamt. Dort ist es sehr häufig – wenngleich natürlich nicht immer und auch nicht nur dort. Es wäre zuviel, die genaueren Charakteristika hier aufzuzählen, aber im Groben will ich es versuchen:

Es findet recht oft eine zwar ausführliche Auseinandersetzung mit den kritisierten Positionen statt, aber keine präzise. Ein Beispiel: „Autor X schreibt: Katholischer Autor Y hat schon vielen Menschen Schrifttexte gut ausgelegt.“ Das Fazit daraus: „Autor X liest lieber Autor Y anstatt die Bibel.“ Das ist eine Entkontextualisierung, Verallgemeinerung und Verkehrung des Inhalts, die sich schlicht von der Sachlage entfernt. … In der Summe verfälschen solche Ungenauigkeiten völlig die kritisierte Position.

Woher aber kommt diese Art des Umgangs mit Autoren, Medien und anderen Phänomenen? Nun, zum einen haben wir Menschen einfach nicht die Zeit und Fähigkeit, Texten und anderem bis ins Detail gerecht zu werden, und machen deshalb Fehler. Dagegen sage ich auch nichts, und das Recht auf ernsthafte Kritik sollte trotz des Risikos erhalten bleiben, dass man aus Zeitmangel oder sonstiger Unzulänglichkeit auch einmal zu Unrecht kritisiert. (Denn sonst könnte es gar keine Kritik und Ermahnung mehr geben. Das wäre ein Extrem, das schlichtweg nicht gangbar wäre und nicht nur das Christentum, sondern die gesamte Gesellschaft lahmlegen würde.)

Zeit und Unzulänglichkeit sind das eine. Dagegen kann man als Mensch nichts sagen. Etwas anderes sind aber Misstrauen, Unmut und sonstige negative Voreingenommenheit – bis hin zu Hass, das gibt es auch. Unter solchen Einstellungen ist es nicht möglich, sachlich, nüchtern und verständig an einen Text oder Menschen heranzugehen. Und damit rede ich auch aus eigener Erfahrung! Wenn man beim anderen von vorneherein vermutet, dass etwas nicht ganz koscher sein kann, wird man es zum einen auch finden, und zum anderen all das, was hingegen in Ordnung ist, übergehen. Dieses Symptom stellte ich nicht nur in dem Text, sondern wie gesagt gerade bei Evangelikalen insgesamt sehr gehäuft fest. Und dagegen wende ich mich mit Überzeugung.

Es scheinen einzelne Stichworte wie „katholisch“, „meine persönliche Erfahrung“ oder „Gott ist größer“ bzw. die Namen bestimmter Personen auszureichen, um bei solchen Berichterstattern eine Haltung der grundsätzlichen Ablehnung hervorzurufen. Danach kann in einem Beitrag stehen, was da wolle, letztlich spielt das gar keine Rolle mehr, man sieht nur noch das Schlechte, das Gute wird meist übergangen. Keine Frage: Vielen Lesern gefällt das, denn der Mensch hat in der heutigen, über die Maßen komplexen Welt gerne Schwarz und Weiß klar getrennt auf dem Tisch – Graustufen sollte es nicht geben. Doch das ändert nichts daran, dass es sie gibt. Und zwar zuhauf.

Es gibt Kinder Gottes, und es gibt solche, die sind nicht Kinder Gottes, und dazwischen gibt es nichts – das stimmt. Das ist einer der wenigen Fälle, wo man wirklich von Schwarz und Weiß reden kann. Aber selbst hier gilt: Wir haben nicht die Einsicht und Urteilskraft, Gott diese Entscheidung abzunehmen. Wir können und müssen nach unseren Fähigkeiten Entscheidungen darüber (etwa in der Gemeindezucht) fällen – aber wir können das Risiko nicht ausschließen, dass wir dabei einen Fehler machen. Und was ist nun in einem Zweifelsfall das Bessere: Wohlwollen oder Misstrauen? Barmherzigkeit oder Herzenskälte? Liebe oder Hass? Ich denke, dass Jesus uns nicht nur in seinem Wesen, sondern auch in seinen eindeutigen Aussagen eine klare Antwort gibt: Die Liebe.

Eine positive (wohlwollende, liebevolle) Grundhaltung anderen Menschen gegenüber ist zwar eine sehr schwierige Herausforderung, der wir Menschen nie voll gerecht werden können, aber es ist allemal die bessere und biblischere Einstellung. Eine solche Haltung fördert auch Verstehen und Kommunikation überhaupt. Das heißt nicht, dass man über Kritikwürdiges einfach hinweggeht, nein. Es heißt aber, das Schlechte in und an einem Menschen nicht zu verabsolutieren und ihn damit abzustempeln. Es ist unnötig zu sagen, dass das nicht nur für das Verhalten und die Worte eines Menschen gilt, sondern auch für dessen schriftliche und wie auch immer gearteten Zeugnisse.

Dass es oft gerade strenge Evangelikale (Christen!) sind, die so schreiben als ob ihre Grundhaltung gegenüber Brüdern und Schwestern eher Misstrauen wäre, ist betrüblich. Diesen Zustand zu beheben finde ich persönlich sehr wichtig, und deshalb habe ich Ihnen als Einzelfall geschrieben. Gelingt es dem Einzelnen, seine Geschwister im Herrn trotz ihrer Fehler mit mehr Wohlwollen zu sehen, werden sowohl fairere und konstruktivere Kritiken als auch ausgewogenere und sachlichere Berichte möglich sein.«

– Kritischer Leserbrief zu einem kritischen Beitrag in allgemeiner Lesart.

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