Mit Gott in der Hölle des ruandischen Völkermords

RuandaIch bin in einer christlichen Familie geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren von Ruanda nach Burundi und danach in den Kongo geflohen. Schon in den sechziger Jahren gab es politische Unruhen zwischen den sogenannten ethnischen Gruppen in meinem Land Ruanda. Tutsi wurden nach 1959 zu Tausenden von Hutu getötet und als Kakerlake oder Schlangen bezeichnet. Viele Tutsikinder durften nicht zur Schule gehen. So war ich in Burundi geboren, im Kongo aufgewachsen und habe in Ruanda im Dezember 1987 geheiratet.

Im Jahr 1990 begann für mich eine harte Zeit wegen der Ideologie des Völkermords gegen alle Tutsi in Ruanda. Bald nach meiner Hochzeit wurde mein Mann Charles mit anderen Intellektuellen ins Gefängnis geworfen. Nach fünfeinhalb Monaten wurde er befreit, aber er verlor seine Stelle, weil die so genannten extremistischen Hutu keine Tutsi mehr in der Fabrik haben wollten. Er musste fliehen, wir konnten uns nur manchmal heimlich treffen und 1994 wurde er ermordet – ich weiß nicht, wie.

Ich fühlte den Hass meiner feindlichen Hutu Nachbarn: Niemand durfte mich zu Hause besuchen. Da ich im christlichen Glauben aufgewachsen war, habe ich meine Zuflucht zu Gott genommen und ihn in meinen Gebeten herausgefordert. Gott sprach mehrfach zu mir, manchmal durch Bibelverse, manchmal durch Träume oder durch Menschen – einmal durch einen Hutu Kollegen: „Du wirst noch viele Probleme bekommen, aber ich werde dich beschützen. Und was kein Mensch für dich tun kann, werde ich, Gott, für dich tun.“

Am Abend des 6. April 1994 wurde das Flugzeug mit dem Präsidenten abgeschossen – aber dies war das Signal und der Vorwand für den lange geplanten Völkermord an allen Tutsi. Eine Million Tutsi und einige gemäßigte Hutu wurden in nur 100 Tagen umgebracht.

Am 16. April kam eine christliche Hutu Frau vom Markt und sagte mir: „Ich habe deine Tante, ihre 2 Söhne und ihren Schwiegervater gesehen, wie sie schon tot auf der Straße lagen.“ Sie sagte auch: Die Interahamwe, die Milizen, seien nun auf dem Weg zu meinem Haus. Sie wollten mich, meine Familie und alle Tutsi in der Gegend töten. Zu der Zeit war ich hochschwanger und wartete auf die Geburt, und mein Mann war nicht zu Hause. Wir waren 10 Leute in meinem Haus, wir begannen zu beten, einander und Gott um Vergebung zu bitten. Ich sagte ihnen: „Ich fühle, dass einige von uns sterben und dass einige überleben werden. Aber für die, die sterben werden, sage ich: Wir werden uns alle im Himmel treffen.“

Die Milizen kamen von hinten ins Haus mit Macheten, Gewehren, Äxten, Schwertern. Als sie die Hintertür zerstörten, floh ich in das Badezimmer mit meinem zweiten Sohn Christian, der eineinhalb Jahre alt war.

Während dieser Zeit im Badezimmer war ich innerlich verwundet und sprach zu Gott, mit dem ich ständig verbunden war: „Du hast mich enttäuscht Gott, warum hast du mir nicht vorher gesagt, dass ich sterben muss und deine Braut sein werde, so dass ich mich auf meinen Tod vorbereiten kann?“

Fünf Leute waren in meinem Schlafzimmer versteckt. Ich hörte meine Cousine Thérèse schreien, danach die Mörder reden vor dem Badezimmer. Als sie die Holztür aufgebrochen hatten, stand ich so da mit verschränkten Armen, schwanger, meinen Sohn Christian auf meinem Rücken. Ich wusste: Das ist das Ende. Aber anstatt mich gleich zu töten, begannen sie einen Dialog. Sie forderten Geld von mir, sie verteilten es an alle und jemand sagte: „Warum willst du diese Tutsi Frau nicht umbringen?“ Und er erhob sein Schwert. Ein anderer hielt seine Hand zurück: „Lass sie, sie ist nicht gefährlich.“

Dann verließen sie mich, um andere Tutsi umzubringen. Viele Leute haben viel Geld bezahlt, um nicht durch eine Machete zu sterben sondern durch eine Kugel.

Um mich herum lagen einige meiner Verwandten im Todeskampf. Mein Geist konnte nicht fassen, was geschah. Mein Hausjunge sagte mir, sie würden zurückkommen, um mich zu töten. So gab ich ihnen Christian und versteckte mich unter dem Bett, ich lag im Blut meiner Cousins. Die ganze Nacht hörte ich meine Cousine Thérèse wimmern: „Jesus von Nazareth, hilf mir.“ Dann war sie ruhig und starb.

Ich konnte mich unter dem Bett nicht bewegen und litt sehr – mitten in der Nacht spürte ich, dass es Zeit war, zu gebären. Ich ging zu einer Nachbarin, die in einer Klinik arbeitete. Sie hatte große Angst, auch getötet zu werden, wenn sie mir öffnete, aber sie ließ mich herein. Kurz darauf kamen andere Interahamwe. Die Frau forderte mich auf, mich unter dem Dach zu verstecken, aber das war so kurz vor der Geburt natürlich nicht möglich.

Sie rannte weg und als sie wiederkam, kam mein kleiner Sohn schon auf die Welt – es war am frühen Morgen des 17. April. Besonders die Tutsi-Jungen waren Todeskandidaten, aber es war der Plan Gottes, mir einen lebendigen Sohn zu schenken. Die Frau hatte natürlich keine sterilisierten Geräte, so nahm sie ein klebriges Messer aus der Küche, und schnitt meine Nabelschnur durch. Dann drängte sie mich, ihr Haus schnell zu verlassen. Aber das war nicht möglich, denn ich blutete, war sehr schwach und schwindelig.

Dann kam mir eine Idee: Ich wollte mich im Vorratsraum hinter der Tür verstecken, die Tür offenlassen, so dass die Killer dachten, dass niemand dort drin sei. Ich stillte mein Baby, damit es nicht schrie.

Die Milizen kamen in das Haus, aber kamen nicht auf die Idee, dass jemand hinter der offenen Tür wäre. Sie warfen zwei Granaten ins Haus aber sie explodierten nicht.

In meinem eigenen Haus waren zehn Leute: Fünf wurden getötet, fünf haben überlebt, einschließlich meiner Kinder.

100 Tage lang war ich immer in Lebensgefahr, voller Furcht und Schrecken. Oft habe ich mit Gott gekämpft und ihn gefragt: „Welche Sünden haben die Tutsi begangen, dass sie wie Fliegen getötet werden, gefressen von Hunden, andere in Flüsse oder Massengräber geworfen. Wie wirst du ihnen das erklären am Jüngsten Gericht?“ Mein vierjähriger erster Sohn fragte mich: „Mama, ist das das Ende der Welt?“

In meinen Gebeten habe ich seine Worte auf die Probe gestellt. Ich habe viele Psalmen gelesen und gesprochen. Ich habe gezweifelt und ich war von meinen Pastoren und von den Leitern meiner Gemeinde und Christen enttäuscht, weil viele von ihnen an diesem Völkermord direkt oder indirekt beteiligt waren.

Ich versprach Gott immer: „Wenn ich überlebe, werde ich allen Menschen erzählen, dass du ein großer und mächtiger Gott bist. Ich werde alle ermutigen, dir treu zu sein.“

Die Verheißungen Gottes sind wahr geworden. Gott schützte mich wunderbar. Ich weiß nicht, warum ich überlebt habe, aber wozu! Ich bin noch am Leben, nicht weil ich besser als andere war oder mehr gebetet habe, sondern weil Gott einen Zweck damit verband.

Meine Wut , mein Hass, meine Bitterkeit

Nach dem Völkermord war ich sehr tief traumatisiert und sauer auf Gott, weil er nicht auf die Tutsi aufgepasst hatte. Die Hutu waren stolz darauf, uns ausgelöscht zu haben. Mein lieber Mann Charles, sein Papa, seine sechs Brüder, mein Opa, meine Oma, meine Tanten, meine Onkel, Cousins und Cousinen, viele meiner lieben Freunde und Nachbarn sind nicht mehr am Leben. Es gibt nur Witwen, die traumatisiert sind, viele sind durch die Verletzungen behindert geworden. Viele Waisen haben keine Eltern mehr, viele Witwen haben ihre Männer und Kinder verloren und sind vergewaltigt worden. Man hört nur traurige Geschichten, wie Mütter gezwungen wurden, ihre kleinen Kinder den Mördern auszuliefern und ihnen vor den Augen ihrer Mütter auf einem Baumstamm die Köpfe abgeschlagen wurden…. Mit wem soll ich noch leben? Mit wem kann ich sprechen? Wem kann ich vertrauen? Ich war sauer auf meine Pfingstgemeinde, weil sie mich im Stich gelassen hatte. Warum haben mich die Pastoren und Gemeindemitglieder nicht besucht? Das Essen bekam ich von unerwarteten Personen, die selber arm waren.

Ich kannte einige von denen, die meine Verwandten getötet haben oder wer direkt oder indirekt beteiligt war. Ich war sehr wütend, bitter, sauer auf Gott, weil er die Tutsi nicht beschützt hatte. Ich hasste die Hutu Milizen. Auf der Straße traf ich die UNO Soldaten, die nach dem Völkermord Sicherheitsdienst in meiner Umgebung gemacht hatten. Aber wir sind schon tot, was machen sie jetzt hier?, wo wart ihr?, sagte ich in meinem Herzen voller Wut. Und Tutsis wurden auch noch nach dem Völkermord von Hutu Milizen getötet.

Es war eine große Frage für mich, wie ich noch mit solchen Menschen leben kann, die das Herz von Raubtieren haben. Wir sagen, dass im Völkermord die wilden Tiere freundlicher zu uns waren als die Hutu Milizen.

In meinem Haushalt war alles geplündert und aus den Müllbergen rettete ich nur mein kostbares Tagesbuch. Einige Leute sind zu mir gekommen, und sie konnten mir sagen, wer meine Möbel und alle Sachen aus meinem Haus an sich genommen hatte. Auf der Straße traf ich Frauen, die meine Kleidung tragen, fand meinen Kühlschrank im Lebensmittelgeschäft, ich wollte sie nicht wieder zurückbekommen, alle Sachen waren für mich schon verunreinigt. In meinen Feldern wurde die gesamte Ernte weggenommen. Die Tutsi hatten kein Recht mehr auf ihr Eigentum. Ich habe im Haushalt wieder mit Null angefangen. Durch Gottes Wunder konnte ich wieder in meiner alten Firma arbeiten.

Der Kampf mit der Vergebung

Dann kniete ich vor dem Bett und habe zu Gott gerufen: Warum hast du das erlaubt, dass eine Million Tutsi ausgelöscht wurden? Wie sollen wir jemals wieder eine Nation sein? Es hat mich gewundert, dass genau diese Hutu Nachbarn zu mir kamen und um Hilfe baten. Einige von ihnen kamen nach ihrer Flucht aus den Nachbarländern Kongo oder Burundi zurück, und sie hatten nichts. Ich konnte es nicht fassen. Ich dachte in meinem Herzen: „Sie sind verrückt“, vergessen sie, was sie uns angetan haben? Dann sagte mir die Stimme Gottes: „Bitte vergelte nicht Böses mit Bösem, du bist am Leben nur aus Gnade. Du warst nicht ein besserer Mensch als andere, die getötet wurden. Ich habe dir das Essen gegeben, ich habe meine Verheißungen, mein Worte an Dich gehalten.“ Dann habe ich auf die Stimme Gottes gehört. Ich habe im Laufe der Zeit jeden Tag Gott für meine Wut und meinen Hass um Vergebung gebeten, bis Er mich von Wut und Hass geheilt hat. Ich habe meinen Feinden Essen und Kleidung gegeben und sie im Krankenhaus besucht.

Gott sagte mir deutlich: „Gib ihnen die Chance, ihre Schuld zu bekennen“. Im Gebet antwortete ich: „Ich kann es nicht, sie sind ein Gräuel für uns, sie sind keine Menschen mehr“. So habe ich Gott meine Schwäche gezeigt. Ich habe in meinen Gebeten mit Fasten alle möglichen Gedanken oder Worte der Bibel mit Gott ausgetauscht. Ich habe auch Gespräche mit einigen Hutu geführt, um meine Angst zu verlieren. Manchmal verbrachte ich Zeit im Gebet mit anderen Witwen, in dem wir unsere Enttäuschungen, Klagen, Angst vor der Zukunft vor Gott ausgesprochen hatten. Manchmal überraschte mich Gott durch einen Besuch von Hutu-Christen.

Aufgabe in meiner Gemeinde

In meiner Gemeinde war ich im Gemeindechor, und ich liebte es sehr zu singen und war Diakonisse. So musste ich, die Bedürftige, Christen zu Hause oder im Krankenhaus besuchen. Dort hatte ich gern meinen Dienst gemacht aber ich habe auch viel Widerspruch erfahren: „Warum besucht Denise die Feinde zu Hause? Warum hatte sie Beziehungen zu Interahamwe?“ Aber in Wahrheit waren nicht alle Hutu Interahamwe oder Milizen. Aber weil wir schon viele Jahre diese böse Macht der Ideologie gegen Tutsi in Ruanda vom damaligen Regime erlebt hatten, konnte man verstehen, warum die Überlebenden alle Hutu so genannt hatten.

Kraft der Vergebung

Ich bin Gottes Stimme gefolgt: Bitte hilf ihnen, ihre Schuld zu bekennen. Gott hat mich besonders durch das Wort aus Apostelgeschichte 26,16-18 angesprochen:

„…Doch steh auf, denn ich bin dir erschienen, um dich in meinen Dienst zu stellen. Du sollst bezeugen, was du heute gesehen hast und was ich dir noch zeigen werde. Ich werde dich beschützen vor den Juden und auch vor den Nichtjuden, zu denen ich dich sende. Gerade ihnen sollst du die Augen öffnen, damit sie aus der Finsternis ins Licht kommen, aus der Gewalt des Satans zu Gott. Denn wenn sie auf mich vertrauen, wird ihnen ihre Schuld vergeben und sie erhalten ihren Platz unter denen, die Gott zu seinem heiligen Volk gemacht hat…“

Durch diese Botschaft hat Gott mir die Kraft gegeben, meinen Feinden zu vergeben. Ein Leiter des Dorfbezirks hatte diese Menschen für mich eingeladen, um mit mir ein Gespräch zu führen. Ich fragte sie: Was wolltet ihr von mir? Sie antworteten: „Bitte vergib uns.“ Ich habe ihnen öffentlich gesagt, dass ich ihnen vergebe. Eine Frau schrie darauf mit großer Emotion: „Oooh, Denise vergibt uns wie Jesus Christus am Kreuz!“ Gott gab mir viel später die Gelegenheit, in die USA zu fliegen, das UNO-Gebäude zu besuchen und ihnen zu vergeben.

Meine Freundin Beata bekam einen Brief aus dem Gefängnis von einem jungen Mann, der ihre Kinder getötet hatte. Er bittet um Vergebung und seine Mutter brachte den Brief zu Beata nach Hause. Die Bekannten von Beata sagten ihr: „Gut, das ist die Chance, Rache zu üben. Du hast deine Kinder und deinen Mann verloren. Sie bereiteten das Messer und die Plastiktüte vor, sie wollten die Frau töten. Beata aber überlegte und antwortete: „Nein, ich habe Jesus Christus erkannt. Ich vergebe ihm.“ Preist den Herrn!

Weil Jesus Christus in dieser Welt schrecklich gelitten hat, kann er uns in unserem Leid in jeder Situation verstehen und uns ein neues heiles Leben und neu Zukunft schenken. Durch das Blut am Kreuz, durch die Kraft der Auferstehung, durch die Liebe Gottes, ermöglicht er uns zu tun, was für uns unmöglich ist. Er gibt uns die Kraft, in allen Situationen zu vergeben.

Heute spricht man in Ruanda im Blick auf die Gegenwart und Zukunft nicht mehr von „Hutu“ und „Tutsi“, wir sind alle „Ruander“ und wir haben eine Regierung der Einheit und Versöhnung. Anders als vor dem Völkermord spielen heute die Kirchen und Christen eine große Rolle für die Heilung der Seele und der Nation. Sie predigen über Vergebung unter diesem Motto „Nutanga imbabazi urabona amahoro“, d. h. „wenn du vergibst, bekommst du Frieden“.

Im Juli 2008 habe ich meinen zweiten Mann, Wolfgang Reinhardt, in Ruanda geheiratet. Ich lebe seit 2008 in Kassel mit meinen 3 Söhnen. Mein Mann und ich machen unseren freiwilligen Dienst in Zusammenarbeit mit dem Missionswerk Frohe Botschaft (MFB e.V.) für die vielen noch traumatisierten Witwen und Waisen. Manchmal laden wir Ruander nach Deutschland ein, damit sie ihr Zeugnis geben. Oder wir organisieren Gruppenreisen nach Ruanda, um den Ruandern zu zeigen, dass sie nicht mehr allein sind, um ihnen mit unseren Gaben zu helfen und selber beschenkt zu werden. Wir lassen uns auch gern in verschiedene Gruppen, Gemeinden, Vereine einladen, um dieses wahre Zeugnis weiterzugeben und Menschen zu ermutigen, Gott zu vertrauen.

Wir unterstützen viele Selbsthilfeprojekte für die Überlebenden und suchen Sponsoren für drei Arten von Patenschaften: 1. für Mütter und Kinder, 2. für alte Menschen, die Schreckliches erlebt und Angehörige verloren haben, und 3. für die Berufsausbildung junger Waisen. Manche aus diesen Gruppen wurden im Völkermord vergewaltigt und HIV-infiziert. Diese Patenschaften und die Partnerschaft überhaupt sind ein Zeichen, dass der liebende Gott die Witwen und Waisen nicht vergessen hat. Sie erhalten dort so eine alternative und erweiterte Familie, weil die meisten von ihnen keine natürliche Familie mehr haben.

Gott segne euch!

Denise Uwimana Reinhardt

 

Persönliches Zeugnis vom Kongress des Gemeindehilfsbundes “Die Kraft der Vergebung – Persönlicher und gesellschaftlicher Frieden durch den christlichen Glauben” in Bad Gandersheim am 16.3.2013.