Primitivste Propaganda

Stern_Propaganda

Wie viel Propaganda ist in seriösen Medien erlaubt? In seinem aktuellen Beitrag „Der Krieg geht nie zu Ende“ hat das Magazin „Stern“ auf jeden Fall eine Grenze überschritten: In einer Bilderserie zeigt es verstümmelte Palästinenser aus dem Gazastreifen.

Zu Politik gehört auch Propaganda, so wie Werbung zu einer erfolgreichen Verkaufskampagne gehört. Niemand hat je von der Werbung gefordert oder gar von ihr erwartet, dass sie nichts als die reine Wahrheit verkündet. Per Gesetz darf die Werbung nichts Falsches behaupten, also lügen. Aber gewiss doch darf sie alle emotionalen und psychologischen Register ziehen mit blonden lockigen Kindern, zufriedenen Kühen auf der Weide und sexy Frauen, um die Kunden mit allen ihren Sinnen zum Kauf zu verführen. Genauso funktioniert die Politik.

Die beste Politik nützt nichts, wenn der Politiker sie nicht richtig erklären kann. Informationsarbeit einer Regierung, eines Politikers oder eines Vereins ist deshalb genauso wie kommerzielle Werbung auch eine Form von Propaganda. Da wird die eigene Position beschönigt. Schwächen werden unter den Teppich gekehrt. Zahlen werden manipuliert und diplomatische Formulierungen dienen als Besen, um unangenehme Dinge unter den Teppich zu kehren.

Die Grenzen zwischen subtiler und plumper Propaganda sind fließend. Doch dann gibt es auch noch eine weitere Kategorie, die schon jenseits von legitimer Propaganda eine geradezu böswillige Hetze und Diffamierung darstellt. Gemeint sind nicht die verbreiteten Geschichtsklitterungen, Falschinformationen und Verdrehungen, denen man täglich etwa in der Nahost-Berichterstattung in den Medien begegnen kann. Vielmehr geht es um die Masche, mit Fotos und Texten von Opfern einer Seite neben Mitleid auch Hass gegen die so genannten Täter zu erzeugen. Das hat jetzt die Zeitschrift „Stern“ mit einer mehrseitigen Fotoserie von palästinensischen Opfern der Operation „Gegossenes Blei“, also des letzten Gazakrieges, getan.

Die Kinder mit den amputierten Gliedern, die Frauen mit zerschossenen Gesichtern und die junge Frau, der eine Rakete die Nase und ein Auge zerstört hat, erregen nicht nur menschliches Mitgefühl. Sie sind durch die einseitige Darstellung auch eine kaum versteckte Anklageschrift gegen Israel, dessen Waffen diese Menschen zu Krüppeln machten.

Keine vergleichbare Fotoserie über Israelis

Diese Methode der Propaganda ist deshalb problematisch, weil es auch auf der „anderen“ Seite, in diesem Fall in Israel, tausende Opfer palästinensischer Kriegsführung gibt, also Menschen ohne Beine oder Arme, ohne Augen und Nasen und mit Narben am ganzen Körper. Genauso plump wäre es gewesen, im „Stern“ eine Bilderserie über israelische Opfer zu veröffentlichen.

Doch derartige vergleichbare Fotoserien gibt es nicht, weil es in westlichen Ländern, in den USA, in Israel und selbstverständlich auch in Deutschland, als pietätslos gilt, auf solche Weise in die Privatsphäre der Menschen einzudringen und ihr Leid öffentlich zu exponieren. Und hätte man Bilder von Toten oder Verletzten beider Seiten gegenübergestellt, hätte sich der verwirrte Leser gefragt: „Was soll das?“

Denn Tote und Verletzte sehen sich sehr ähnlich. Ihre Identität ist oft nur an den Kleiderfetzen zu erkennen. Ohne den deutlichen Hinweis der „Stern“-Redaktion im Vorspann kämen die Leser übrigens nicht auf die Idee, Israel für das Leiden der abgebildeten Menschen verantwortlich zu machen. Denn die im Artikel zitierten Palästinenser kommen zu dem Schluss, dass die Hamas den Krieg verschuldet habe.

Schlimm ist diese Masche, mit Blut und Leid Parteilichkeit für oder gegen eine Seite zu erhaschen, weil nichts erklärt wird und pauschal der „Feind“ zum Bösewicht gemacht wird.

Um es ganz deutlich auszudrücken, politisch vielleicht inkorrekt, könnte man in die Mottenkiste der deutschen Vergangenheit greifen. Da streichelte Hitler kleinen blonden Mädchen über den Lockenschopf und präsentierte sich so als Menschenfreund. Und Bilder von Tod, Leid und Blut gab es gewiss zur Genüge nach den Bombennächten auf deutsche Städte. Doch wenn man nur solche Bilder sieht, fragt keiner mehr, welches verbrecherische System jenen Krieg ausgelöst hat und dass die Opfer durch „eigene Schuld“ zustande kamen.

Auch die palästinensischen Opfer im Gazastreifen müssen in Kauf nehmen, fürs Leben gestraft worden zu sein, weil sie vielleicht eine Terrorgruppe unterstützten oder gar gewählt haben, wie etwa die Hamas in Gaza. Hätte die Hamas keine Raketen auf Israel abgeschossen, wäre es wohl kaum zu dem Krieg und in der Folge zu diesen Opfern gekommen.

– Von: Ulrich W. Sahm (Jerusalem) / Foto: Israelnetz