Radikal zu Ende gedacht – C.S. Lewis

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Unbequem und radikal in seiner Frage nach der Wahrheit ist Lewis etwa, wenn er im Oktober 1939 vor Studenten die Frage untersucht, ob der Krieg das größte aller Übel ist. Im Laufe der Untersuchung, „Was wir Menschen im Krieg fürchten“, spricht er auch über die Angst des Menschen vor dem Krieg:

„Krieg bedroht uns mit Tod und Schmerzen. Welchen Einfluß hat der Krieg auf den Tod? Sicher kann er ihn nicht vermehren. Hundert Prozent der Menschen sterben, und diese Prozentzahl kann nicht vermehrt werden. Der Krieg verlegt den Tod in manchen Fällen vor, aber ich kann mir kaum vorstellen, daß uns das Angst macht. Wenn der Augenblick unseres Todes kommt, wird es keinen großen Unterschied bedeuten, wie viele Jahre wir hinter uns haben.

Verringert der Krieg unsere Aussicht, im Frieden mit Gott zu sterben? Das kann ich nicht glauben. Wen der Kriegsdienst nicht davon überzeugt, daß er sich auf den Tod vorbereiten muß, was könnte den dazu bringen? Und doch macht der Krieg etwas aus für den Tod. Er zwingt uns, daran zu denken. Der Krebs mit 60 oder die Lähmung mit 75 schrecken uns nicht, weil wir nicht daran denken.

Der Krieg macht den Tod für uns wirklich, und das hätten die meisten bedeutenden Christen der Vergangenheit für eine seiner Wohltaten angesehen. Sie dachten, es sei gut für uns, ständig unsere Sterblichkeit vor Augen zu haben. Alles triebhafte Leben in uns, alles Streben nach dem Glück, das in dieser Welt sein Zentrum hat, führt letztlich immer zu einer Enttäuschung. In gewöhnlichen Zeiten sieht das nur ein Weiser ein. Jetzt weiß es auch der Dümmste von uns. Wenn wir dachten, wir könnten einen Himmel auf Erden errichten, Ausschau nach etwas hielten, was die gegenwärtige Welt aus einer Pilgerstätte in eine bleibende Stadt verwandeln könnte, in der des Menschen Seele zur Ruhe kommt, dann sind wir jetzt aus unserem Traum erwacht, und dazu war es höchste Zeit.“

In dieser Argumentation tritt ein weiteres Element Lewis’schen Denkens deutlich hervor: Wer wahr denkt, muß auch radikal zu Ende denken. Lewis weiß darum, daß wir hier auf Erden keine bleibende Stadt haben. Er beginnt das letzte Kapitel seines Buches „Über den Schmerz“ mit einem Zitat von Paulus: „Ich halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird“ (Römer 8,18).

Nach diesem Zitat wendet sich Lewis gleich dem gängigen und zu erwartenden Einwand zu: „Christsein bedeutet Jenseitsvertröstung“ und stellt auch hier wieder die Frage nach der Wahrheit: „Wir sind heutigentags sehr schüchtern, den Himmel auch nur zu erwähnen. Wir fürchten uns vor dem Spott über ,die Kuchen im Himmel‘. Wir hören sehr ungern den Vorwurf, wir suchten uns zu drücken vor der Pflicht, hier und jetzt eine bessere Welt zu schaffen, und träumten stattdessen von einer glücklichen Welt anderswo. Aber entweder gibt es die Kuchen im Himmel oder nicht. Wenn nein, dann ist der christliche Glaube falsch, denn sein ganzes Gefüge ist von dieser Lehre durchwirkt. Wenn aber ja, dann muß ich mich dieser Wahrheit stellen — mag das nun in politischen Versammlungen zweckmäßig sein oder nicht. “

– „Nach der Wahrheit fragen“, Dr. Jürgen Spieß im Vorwort // Bild Wikipedia (CC BY-SA 3.0)