Hardmeier, Zukunft – Hoffnung – Bibel

Hardmeier Zukunft Hoffnung Bibel„Zukunft. Hoffnung. Bibel. – Endzeitmodelle im biblischen Vergleich“ ist der neutral gewählte Titel für das vorliegende Buch von Roland Hardmeier über biblische Prophetie bzw. Zukunftslehre. Auch der Verlagstext lässt offen, zu welcher Auslegungsrichtung der Autor letztlich tendiert. Angekündigt wird stattdessen ein „Standardwerk“, welches die heute gängigen Modelle vorstellt und bewertet. Versprochen werden „richtige Hermeneutik“ und „verlässliche Grundlagen“ zur Überprüfung der eigenen Ansichten. Formuliert ist damit ein hoher Anspruch, der intensive Auseinandersetzung mit dem Thema auf mehr als 500 Seiten verlangt. Entsprechend vielschichtig und komplex sind auch die Aussagen des Autors.

Um es vorweg zu nehmen: Das Buch enthält viel Gutes und ist ein Gewinn für jeden aufgeschlossenen Christen. Andere Punkte werfen wiederum Fragen auf, insbesondere gemessen an den eigenen Ansprüchen. Eine Rezension wird nur dann hilfreich sein, wenn sie relativ ausführlich und differenziert den 11 Kapiteln des Buches folgt. Es werden hier die jeweils positiven Aspekte hervorgehoben aber auch die Fragen gestellt. In einer Schlussbemerkung stimmen wir dem Autor in seinem generellen Anliegen ausdrücklich zu.

1. Optimismus oder Pessimismus? Eschatologische Modelle im Vergleich

Vorgestellt werden Amillenialismus, Prämillenialismus, Postmillenialismus, Dispensationalismus und Präterismus, z.T. mit Unterkategorien. Die übliche Klassifizierung orientiert sich an der jeweiligen Deutung des Tausendjährigen Reiches in Offenbarung 20 (lat. mille = tausend). Hier der Überblick über die verschiedenen Positionen (S.17):

a. Amillenialisten glauben, dass die 1000 Jahre symbolisch für die gegenwärtige himmlische Herrschaft Christi und für das aktuelle Gemeindezeitalter stehen.

b. Prämillenialisten glauben, dass die 1000 Jahre für eine bestimmte Epoche zwischen dem zweiten Kommen von Jesus Christus bis zur Vollendung stehen.

c. Dispensationalisten glauben zusätzlich zu (b), dass sich im Millenium die an Israel ergangenen Prophezeiungen (aus dem AT) in vollem Maß erfüllen werden.

d. Postmillenialisten glauben, dass sich die 1000 Jahre im Laufe der Geschichte erfüllen, sich der Großteil der Menschen bekehren wird und dann erst Jesus wiederkommt.

e. Präteristen beziehen die Prophetien des NT auf die Zeit im ersten Jahrhundert nach Christus und erachten sie als erfüllt. Für die Zukunft tendieren sie zu (d).

Aus praktischen Gründen muss Hardmeier kategorisieren und darf sich nicht zu sehr in Details verlieren. Zusätzlich zu dem gegebenen Überblick zitiert er immer wieder einzelne Quellen der jeweiligen Lager, auch das ist notwendig. Was aber zum einen dem Diskurs dient, fördert auf der anderen Seite ein Schubladendenken. Es lässt sich leicht erahnen, dass zwischen (a), (d) und (e) sowie zwischen (b) und (c) durchaus Gemeinsamkeiten liegen. Der Leser sollte die gezogenen Gräben hier nicht tiefer ziehen als sie tatsächlich sind.

Das Kapitel ist überschrieben mit der Frage nach Optimismus und Pessimismus. Für Hardmeier sind (a), (d) und (e) Optimisten, die anderen eher Pessimisten mit einem Hang zur Weltflucht. Nicht alle Vertreter von (b) und (c) werden ihm hier zustimmen. Ungeachtet dessen vertritt der Bibelleser nicht allein deshalb die richtige Lehre, weil er Optimismus aus ihr gewinnen kann.

Das Kapitel endet mit einer historischen Einordnung der eschatologischen Modelle vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und kultureller Einflüsse auf die jeweilige Hermeneutik und fordert den Leser (wie auch den Autor) heraus, sich der kulturellen Brille seiner Zeit bewusst zu werden.

2. Spekulation oder Hoffnung? Die Prophetie des Alten Testamentes

„Wir müssen das Wesen der Prophetie verstehen, um Eschatologie (Zukunftslehre) zu verstehen.“ (S.54) Der Autor weist auf den Auftrag und das Anliegen der Propheten hin, gibt einen Einblick in ihren damaligen Dienst und erinnert an den geschichtlichen Kontext und die Bundesbeziehung Israels, auf dessen Grundlage die Propheten geredet haben. Prophetie ist vor allem als Botschaft und Appell zu verstehen. Ihre Sprache enthält Symbole und Typen, ihre Erfüllung zeigt sich im Neuen Testament oft prozesshaft und im erweiterten Sinn. Der Autor mahnt deshalb zurecht zur Vorsicht und warnt vor bloßer Spekulation, welche kein Prophet gewollt hätte.

Hardmeier stellt auch im zweiten Kapitel die Frage nach der Wirkung. Wir stimmen zu, dass Prophetie auch Hoffnung vermitteln soll. Doch kann Hoffnung in dieser Welt nur dann vermittelt werden, wenn sie tatsächlich auf eine bessere, zukünftige Realität hinausblickt. Und das wiederum erfordert trotz aller Bilder und Symbole eine konkrete Erfüllung in dieser oder in der nächsten Welt. Wir fragen uns hier, ob die konsequente Lesart „das soll nur Hoffnung vermitteln“ im Extremfall nicht zu einer Degradierung der prophetischen Texte auf Märchenebene führt.

3. Erfüllt oder unerfüllt? Die Bündnisse mit Israel

Der Autor stellt die fünf Bündnisse (Noah, Abraham, Sinai, David, Neuer Bund) vor und behandelt dann die Frage, inwieweit diese Erfüllung finden und ob dazu ein 1000jähriges Reich nötig ist. Ihre Beantwortung hat Auswirkungen auf unsere Einstellung gegenüber Israel und die entsprechende Zukunftslehre. Hardmeier adressiert hier die Dispensationalisten die glauben, „dass sich im Millenium die an Israel ergangenen Prophezeiungen in vollem Maß erfüllen werden.“ (s.o.)

Zusammenfassend hält er fest:

„Die Bündnisse finden ihre Erfüllung in Jesus Christus. Der Abrahambund erfüllt sich gegenwärtig in der Ausbreitung des Evangeliums über die ganze Welt. Der Bund mit David erfüllt sich in der himmlischen Herrschaft Christi … Der Bund vom Sinai wurde durch den neuen Bund abgelöst. Der neue Bund ist der Bund im Blut Jesu und gilt allen, die an ihn glauben. Da sich die Bündnisse in der Gegenwart erfüllen, kann nicht von einer theologischen Notwendigkeit des Tausendjährigen Reiches … die Rede sein.“ (S.147)

Offen bleibt, inwieweit nicht vielleicht dennoch prozesshafte und erweiterte Erfüllung von Bündnissen z.B. im Blick auf Land und Herrschaft weiterhin möglich ist. Auch bleiben die Prophetien über das Ende der Tage rund um Israel unberührt. (Jes 2, Mi 4, Dan 12, Röm 11)

4. Verschoben oder verwirklicht? Das Reich Gottes

Hardmeier zitiert einleitend Autoren, welche das Reich Gottes in die Zukunft verschieben und demzufolge für die Gegenwart keine positiven Veränderungen mehr erwarten. Dem stellt er die biblische Lehre gegenüber, dass mit Jesus Christus das Reich Gottes bereits da ist, auch wenn es noch nicht vollendet ist. Das wiederum ebnet den Weg für Mission, Hoffnung und Optimismus.

Die Auslegungen über die Reich-Gottes-Gleichnisse sind ein echter Gewinn. Interessant hierbei, dass sich Hardmeier in diesem Kapitel im wesentlichen auf Ladd stützt – ein Prämillenialist.

5. Erfüllt oder noch zukünftig? Die Endzeitrede Jesu

Die Endzeitrede Jesu in Matthäus 24-25 sieht der Autor als Angelpunkt in der Diskussion, alle weiteren Prophetien als „Entfaltung und Erweiterung der Eschatologie Jesu“. (S.179)

Auch diese Bibelauslegung ist ein großer Gewinn für den Leser. Das Buch gibt einen Überblick über die verschiedenen Interpretationen und begründet die Position, eine „moderate präteristische“ Auslegung zu befürworten. Demnach sind die Gerichts-Ankündigungen im wesentlichen durch den Fall Jerusalems 70 n.Chr. bereits erfüllt, eine prozesshafte Erweiterung aber möglich.

Auf einzelne Punkte der Endzeitrede wie „diese Generation“, die „große Trübsal“, die weltweite Verbreitung des Evangeliums, der „Anfang der Wehen“, die Warnungen, der „unheilvolle Greuel“ und anliegende relevante Bibeltexte geht Hardmeier auf überzeugende Weise ein. Dazu betont er, dass die Endzeitrede insbesondere auch ein Ruf zu verantwortlichem Handeln sein soll.

Der Autor mahnt wiederum zurecht, aus der Endzeitrede nicht mehr abzuleiten als sie tatsächlich hergibt. Gerade bei präteristischer Auslegung stellt sich aber auch die Frage, ob dem Text in seiner Funktion als eschatologischer „Angelpunkt“ nicht ebenso zuviel aufgetragen wird.

6. Negativ oder positiv? Die Endzeit

Kapitel sechs behandelt auf 60 Seiten die Endzeit im allgemeinen und Themen wie die „letzten Tage“, die „große Trübsal“, der „Antichrist“ und die 70 Jahrwochen Daniels im besonderen. Es überrascht nicht mehr, wenn der Dispensationalismus auch hier konfrontiert und zu Nüchternheit und Realismus gemahnt wird. Die „letzten Tage“ sind seit Pfingsten angebrochen, die „große Trübsal“ ist fortlaufend erlittene Wirklichkeit, der „Antichrist“ mehr eine Irrlehre, und die Daniel-Prophetie eine letztlich offene Frage entsprechend dem Wesen der Prophetie.

Die negative Sicht auf die Endzeit konzentriert sich auf die Trübsal im Sinne einer steten Abwärtsentwicklung. Die positive Sicht auf die Endzeit erinnert an die Herrschaft Christi und die missionarischen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Nach Matthäus 13:47-50 reifen beide Kräfte, Gut und Böse, nebeneinander aus bis zur Wiederkunft. Ein wertvoller Gedanke.

7. Demnächst oder in ferner Zukunft? Die Wiederkunft Christi

Hier geht Hardmeier auf die griechischen Begriffe zur Wiederkunft ein, auf die relevanten Bibeltexte mit ihren Hauptaussagen, auf die Frage nach der Entrückung, der Trübsal, der Auferstehung (und ob bzw. inwieweit es zwei oder mehr gibt), und – wie gewohnt – auf die Bedeutung dieser Lehren für unser Leben in der Praxis. Zur Warnung vor Berechnungen dient auch sein Verweis auf das „schmerzliche, aber notwendige“ Buch von Stuhlhofer, „Das Ende naht!“

8. Verworfen oder verherrlicht? Israels Zukunft im Neuen Testament

Kapitel 9-11 des Römerbriefs behandeln die heilsgeschichtliche Zukunft Israels und ihr Verhältnis zur Gemeinde. Hardmeier betont, dass es außerhalb des Glaubens an Jesus Christus kein Heil gibt, auch für Israel nicht. Für eine besondere Zukunft des jüdischen Volkes im Sinne einer besonderen Zuwendung Gottes findet Hardmeier auf Grundlage von Römer 11 aber ein deutliches Ja. Das überrascht, auch weil der Autor einleitend schreibt,

„Das Alte Testament enthält viele Aussagen über die Wiederherstellung Israels, die nicht ausser Acht gelassen werden dürfen.“ (S.333) Werden diese wie gefordert nun „im Licht des Neuen Testaments“ (hier: Römer 11) gelesen, welche Bedeutung haben sie?

9. Fahrplan oder Trostbuch? Die Offenbarung des Johannes

…ist natürlich kein Fahrplan, sondern eher Trostbuch. Und doch enthält auch die Offenbarung prophetische Inhalte, die nicht bloß Moralgeschichten sind. Auch wenn Hardmeier wertvolle Lehre z.B. über Literaturformen, Auslegungsrichtungen und Struktur der Offenbarung bietet, scheint er letztlich am eigenen Anspruch zu scheitern wenn er anfangs betont:

„Oft wird übersehen, dass man die Offenbarung im Rahmen seines eigenen theologischen Vorverständnisses liest. Viele Bibelleser möchten im letzten Buch der Bibel das bestätigt sehen, was sie über die Zukunft bereits glauben.“

Glaubt der Autor bereits in Kapitel 2 mehr an Symbole denn an Inhalte, so auch in diesem Kapitel.

10. Gegenwärtig oder zukünftig? Das Tausendjährige Reich

Was für Kapitel 9 gilt, gilt umso mehr für Kapitel 10. Hardmeier vertritt in seinen Bewertungen der einzelnen Modelle im wesentlichen die Thesen des Amillenialisten, formuliert zuvor aber auch:

„Die Tatsache, dass die tausend Jahre ‚vollendet‘ werden, weist darauf hin, dass es sich um eine wirkliche Zeitspanne handelt.“ (S.442) Und auf S.444 schreibt er, „Die chronologische Abfolge der Prämillenialisten und Dispensationalisten ist eine ernst zu nehmende Möglichkeit.“

Gerade in seiner Analyse der anderen neutestamentlichen Texte kommt Hardmeier jedoch zu anderen Schlüssen. In seiner Folgerung am Ende des Kapitels betont er, „weder Jesus noch die Apostel haben ein Tausendjähriges Reich gelehrt. … Überhaupt finden wir im ganzen Neuen Testament keine gesonderte Zukunftserwartung für die Juden, denn den Gläubigen ist ‚eine gemeinsame Hoffnung gegeben.’“ (S.502) Das steht zumindest im Widerspruch zu Kapitel 8.

11. Neu oder erneuert? Der neue Himmel und die neue Erde

Auf die Frage geht der Autor nur im ersten Teil des Kapitels ein und stellt die biblischen Texte der Kontinuität (‚erneuert‘) denen der Diskontinuität (’neu‘) gegenüber. Er überzeugt in seiner Meinung, die Erde werde erneuert und Offenbarung 21-22 beinhaltet wegen der „Fülle der Rückbezüge zum Alten Testament“ die „Erfüllung der noch ausstehenden Verheißungen.“ (S.530) Inwieweit zuvor nicht vielleicht doch prozesshafte Erfüllung zumindest möglich ist, lässt er dabei offen.

Schlussbemerkung

Mit den richtigen Augen gelesen, dient das Buch tatsächlich zu einem besseren gegenseitigen Verständnis zwischen den Vertretern der jeweiligen eschatologischen Modelle. Schauen wir genau hin, sind die Unterschiede zwischen den Positionen nicht so groß wie an einigen Stellen im Buch anklingen mag. Wird der Dispensationalismus auch scharf kritisiert, wird eine besondere Zukunft Israels auf Grundlage von Römer 11 durchaus für möglich gehalten. Dem Autor liegt vielmehr auf dem Herzen, unnötigen Spekulationen entgegenzutreten. Auch sein Fazit macht das deutlich:

„Abschließend kann gesagt werden, dass der Amillenialismus und der historische Prämillenialismus dem Wesen der biblischen Eschatologie am ehesten entsprechen. Sie zeichnen sich durch Realismus und Ausgewogenheit aus.“ (S.539)

Hardmeier gelingt es, eine schlüssige Argumentation für den Amillenialismus zu präsentieren. Gleichzeitig anerkennt er, dass es auch Gründe für den Glauben an ein Tausendjähriges Reich gibt. Bleibt zu wünschen, dass sich Christen beider Lager zukünftig entsprechend respektieren.