Kettling, Was kann der menschliche Wille leisten?

Kettling WilleDas vorliegende Buch ist eine redaktionell gekürzte Ausgabe des dritten Kapitels „Vom unfreien Willen“ aus dem Buch „Typisch evangelisch“ von Siegfried Kettling, TVG Brunnen / Brockhaus 1992.

Aus theologischer und kirchengeschichtlicher Sicht gab es bisher nicht viele Themen mit ähnlich großem Gewicht wie die Frage nach dem „(un)freien Willen“ des Menschen:

„Wo es um die Grundfrage der Reformation geht – nämlich um die Rechtfertigung des Sünders vor Gott – da sind Ablass oder Papsttum nichts als „Lappalien“, „unnützes Zeug“; die Frage nach dem unfreien Willen dagegen ist der Angelpunkt! Hier ist das Zentrum, alles andere bloß Peripherie.“ (S.7)

Auch Luther selbst hebt die Bedeutung der Lehre hervor wenn er sagt: „Ich wünschte, daß sie (meine Schriften) alle verschlungen würden. Denn ich erkenne keins als mein rechtes Werk an, außer etwa das ‚Vom unfreien Willen‘ und den Katechismus.“ (LD X, 262)

Die Doktrin hat an Gewicht nicht verloren. Sie scheidet auch heute noch zwischen „Typisch evangelisch“ und „Typisch katholisch“, legt die Grundlage für eine Entscheidung zu reformatorischer Absonderung oder Allianz und Ökumene. Gerade vor diesem Hintergrund ist das Buch brandaktuell!

Redet der Mensch heute über die Lehre vom unfreien Willen, sind die in der Geschichte definierten Begrifflichkeiten zunächst nicht immer jedem eindeutig bekannt und der Weg zur Erkenntnis bleibt schon zu Lehrbeginn vielen verschlossen. Hier sind nicht die niedrigen Gedanken der Anthropologen im Blickpunkt [wie zuletzt in der Zeitschrift idea (Nr. 36, Sept 2008): „Gibt es keinen freien Willen? Forscher bestreiten die Möglichkeit der Sünde“], sondern die Superiora, „die Frage nach unserem Gottesverhältnis, nach Seligkeit und Verdammnis.“ (S.16)

Grundlegend zum Verständnis der reformatorischen Lehre ist also der geschichtliche Hintergrund, die Streitschriften zwischen Erasmus und Luther in ihrem Verhältnis zueinander. Luther erklärt Erasmus die elementare Bedeutung der reformatorischen Soli, des Allein Christus, Allein die Gnade und Allein die Schrift, was nur auf dieser Linie auch einmündet in das große Allein Gott die Ehre.

Interessant zu lesen sind die Argumente des Erasmus, die wir auch heute wiederfinden. Das Gesetz Gottes redet im Imperativ „Du sollst!“, womit das Können des Menschen (seinem freien Willen folgend) vorausgesetzt wird. [Einen ähnlichen Weg – auf den Glauben bezogen – geht Streitenberger heute in seiner Schrift „Die Fünf Punkte des Calvinismus – Eine Antwort.“]

Luther versteht den Imperativ als Mittel Gottes hin zum menschlichen Bekenntnis: „Ich kann’s nicht!“ Bestätigt finden wir das im Römerbrief und in Luthers eigener Biographie.

Am Ende erreicht der Leser die spaltende Frage nach dem Unfreien Willen und der Erwählung. Die Kluft zwischen den Lagern ist groß geworden und scheint kaum mehr überwindbar. Vielen mag es hilfreich sein, dass Luther sich hier vorsichtiger äußert als Calvin.

Nicht falsch verstandene Toleranz, sondern gründliche Auseinandersetzung mit dem Lehrmaterial führt zu der einen biblischen Einheit, die Gott allein die Ehre gibt.

Fazit: Das Buch ist nicht nur empfehlenswert, sondern grundlegend.