Rosaria Butterfield – Lesbische Linke wurde Christin

Rosario

Als überzeugte Linke und lesbische Professorin verachtete ich Christen total. Und dann wurde ich selbst eine Christin. Der Name “Jesus” blieb mir immer in der Kehle stecken, ja er schnürte mir irgendwie die Kehle zu. Ganz gleich wie hartnäckig ich versuchte ihn irgendwie zu verstehen. Diejenigen die sich zu diesem Namen bekannten, erregten meinen Zorn und gleichzeitig auch mein Mitleid.

Als Universitätsprofessorin wurde ich auch den Studenten gegenüber ärgerlich, die sich gedrängt fühlten, mich immer wieder auf Jesus anzusprechen. Diese nervigen Christen schienen nach Möglichkeiten zu suchen, Bibelverse in unsere Gespräche einzustreuen. Leider mit dem traurigen Ergebnis, dass diese somit beendet waren. Dumm. Sinnlos. Bedrohlich. So dachte ich über Christen und ihren Gott Jesus.

Als Professorin für Englisch und Frauenforschung war ich auf bestem Weg, richtig radikal darin zu werden, Moral, Gerechtigkeit und Mitgefühl zu fordern. Dabei war ich auch noch eine glühende Anhängerin der Philososphien von Freud, Hegel, Marx und Darwin. Außerdem hatte ich noch den tiefen Wunsch im Herzen, den Schwachen dieser Welt beizustehen. Moral war mir eben wichtig. Wahrscheinlich hätte ich (die Lehre) Jesus und (die) seine(r) Mitstreiter besser packen können, wenn sie nicht so von den christlichen Konservativen in unserem Land unterstützt worden wären.

Einer dieser Moralapostel und seine geistreiche Bemerkung im Jahr 1992 auf dem Republikanischen Parteitag brachte mich auf „hundertachtzig“. „Der Feminismus“, spöttelte er, „ermutigt Frauen ihre Männer zu verlassen, ihre Kinder umzubringen, Zauberei zu praktizieren, den Kapitalismus zu zerstören, und lesbisch zu werden.“ In der Tat. Der Gesamtumschlag von christlichen Glaubenssätzen, vermengt mit der republikanischen Politik, forderte meine volle Aufmerksamkeit.

Nachdem mein Buch veröffentlicht wurde, habe ich meine Stellung dazu benutzt, den Zielen der linksgerichteten lesbischen Professorinnen (ich war auch eine), näher zu kommen. Mein Leben schien glücklich und sinnerfüllt. Meine Partnerin und ich hatten viele wichtige gemeinsame Interessen: Aids-Aktivismus, die Gesundheit von Kindern und deren Alphabetisierung, Golden Retriever Rescue (eine Tierschutzorganisation), oder unsere Unitarierkirche, um nur einige zu nennen. Selbst wenn du den Gespenstergeschichten, die dieser Moralprediger und seinesgleichen veröffentlicht haben, Glauben schenken solltest, wird es schwer zu bestreiten sein, dass meine Partnerin und ich keine hilfsbereiten Bürgerinnen waren.

Die GLBT-Community (Organisation für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle) legt viel Wert auf Gastfreundschaft und setzt sich mit Geschick, Opferbereitschaft und Integrität auch dafür ein. Ich fing an die „Politik des Hasses“ der religiösen Rechten gegen Homosexuelle wie mich zu erforschen. Um dies tun zu können, musste ich das eine Buch lesen, das meiner Meinung nach so viele Menschen aus der Bahn geworfen hatte: die Bibel. Auf der Suche nach einem Bibelgelehrten, der mich bei meinen Recherchen unterstützen könnte, startete ich meinen ersten Angriff auf die unheilige Dreifaltigkeit: Jesus, republikanische Politik und die Patriarchie (Gesellschaftsform, in der Väter / Männer das Sagen haben), in Form von einem Artikel in der Lokalzeitung über die „Promise Keepers“. Das war im Jahr 1997.

Es gab viele Leserbriefe als Reaktion auf meinen Artikel. So viele, dass ich je einen Behälter auf beiden Seiten meines Schreibtisches anbrachte: einen für Hass-Briefe, einen für Fanpost. Aber ein Brief, den ich erhielt, hebelte mein Ablagesystem aus. Er kam vom Pfarrer der Reformierten Syracuse Presbyterian Church. Es war ein gütiger und zugleich herausfordernder Brief. Ken Smith ermutigte mich, durch seine Art mir Fragen zu stellen: Wie sind Sie zu Ihrer Sichtweise gekommen? Woher wissen Sie, dass Sie Recht haben? Glauben Sie an Gott? Er kommentierte meinen Artikel nicht, sondern er bat mich, die Theorien, die ich verteidigte, zu hinterfragen und zu belegen.

Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte und warf seinen Brief weg. Später an dem Abend fischte ich ihn aber dann wieder aus dem Papierkorb und legte ihn wieder auf meinem Schreibtisch, von wo aus er mich eine Woche angestarrt hat. Er konfrontierte mich mit der Kluft zwischen den beiden Weltanschauungen und verlangte eine Antwort darauf. Als postmoderne Intellektuelle argumentierte ich gewöhnlich aus einer historisch-materialistischen Perspektive – aber das Christentum ist eine andere, übernatürliche Weltsicht! Ken‘s Brief hatte – ohne sein Wissen – die Integrität meiner Recherche ramponiert. Mit seinem Brief leitete Ken einen Prozess ein, mir, einer Heidin, den Glauben näher zu bringen.

Ich hatte vorher schon viele Bibelverse auf Plakaten während der Märsche der „Gay Pride“ gesehen! Es war mir klar, dass die Christen, die mich verspotteten, gerne gesehen hätten, wie ich und Menschen die ich liebte, in der Hölle schmorrten. Ken war aber anders: er spottete nicht, er setzte sich ein. Als er mir dann eine Einladung zum Abendessen zuschickte, nahm ich sie an. Meine Beweggründe zu diesem Zeitpunkt waren klar: sicherlich sollte dieses Treffen für meine weiteren Recherchen hilfreich sein.

Etwas völlig Anderes passierte jedoch. Ken, seine Frau Floy und ich wurden Freunde. Sie betraten meine Welt. Sie trafen sich mit meinen Freunden. Wir empfahlen uns gegenseitig Bücher. Wir sprachen ganz offen über Sexualität und Politik. Sie reagierten nicht so, als wenn solche Gesprächsthemen sie verschmutzen würden. Sie behandelten mich nicht wie eine Außenseiterin. Wenn wir zusammen aßen, betete Ken in einer Art und Weise, die ich davor nie gehört hatte. Seine Gebete waren innig und vertraut. Geradezu verletzlich. Er bereute seine Sünden in meiner Gegenwart. Er dankte Gott für alle Dinge. Ken‘s Gott war heilig und unerschütterlich, dennoch voller Gnade. Und weil Ken und Floy mich nicht zur Kirche eingeladen haben, wusste ich, dass wir Freunde bleiben konnten.

Ich fing an die Bibel zu lesen. Ich las ungefähr so, wie ein Vielfraß frisst. Während dieses Jahres las ich sie einige Male, in mehreren Übersetzungen. Bei einem Abendessen trieb mich meine geschlechtsumgewandelte Partnerin in die Enge. Sie legte ihre große Hand auf meine. „Das Lesen der Bibel verändert dich, Rosaria“, warnte sie mich. Zitternd, flüsterte ich, „J., was ist, wenn dies alles wahr ist? Was ist, wenn Jesus wiklich der auferstandene Herr ist? Was ist, wenn wir alle in der Klemme sitzen?“ J. atmete tief aus. „Rosaria“, sagte sie, „15 Jahre lang war ich eine presbyterianische Geistliche. Ich habe gebetet, dass Gott mich heilen würde, aber er tat es nicht. Wenn du willst, werde ich für dich beten.“ Ich fuhr fort in der Bibel zu lesen. Die ganze Zeit kämpfte ich gegen die Idee, dass sie inspiriert und wahr sein könnte.

Aber die Bibel wurde immer größer in mir, bis sie meine Welt ganz überströmte. Ich kämpfte mit aller Kraft dagegen an. An einem Sonntagmorgen stieg ich aus dem Bett meiner lesbischen Geliebten und saß eine Stunde später in einer Kirchenbank der Syracuse-reformierten Presbyterianischen Gemeinde. Ich fiel auf durch meinen maskulinen Haarschnitt, erinnerte mich aber daran, dass ich dort war, um Gott zu begegnen, nicht um dort hineinzupassen. Die Vorstellung, die mich wellenartig ergriff, dass ich und alle Menschen, die ich liebte, in der Hölle leiden würden, brach in mein Bewusstsein hinein und liess mich nicht mehr los. Ich kämpfte mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung standen. Ich wollte dies nicht, hatte darum auch nicht gebeten. Der Preis war höher als mir lieb war.

Aber Gottes Verheißungen rollten wie große Wellen in meine Welt hinein. An einem Sonntag predigte (Pastor) Ken über den Text aus Johannes 7:17: „Wenn jemand Gottes Willen tun will, wird er erkennen, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob ich aus mir selbst rede.“ Dieser Vers stellte den Treibsand bloß, auf dem meine Füße standen. Ich war eine Denkerin. Ich wurde ja bezahlt, Bücher zu lesen und Kritiken darüber zu schreiben. Ich ging davon aus, dass in allen Bereichen des Lebens, die Erkenntnis vor dem Gehorsam stehen musste. Und ich wollte, dass Gott mir – zu meinen Bedingungen – zeigen sollte, weshalb die Homosexualität eine Sünde ist. Ich wollte eben die Richterin sein, nicht diejenige, die beurteilt wird.

Dieser Vers versprach Erkenntnis nach dem Gehorsam. Ich rang mit der Frage: wollte ich die Homosexualität wirklich aus Gottes Sicht verstehen – oder lediglich mit ihm streiten? An diesem Abend betete ich, dass Gott mir die Bereitschaft gebe, zu gehorchen, bevor ich verstand. Ich betete lange bis in den Morgengrauen. Als ich in den Spiegel schaute, sah ich genauso aus wie davor. Aber als ich aus der Perspektive der Bibel in mein Herz hineinschaute, fragte ich mich ehrlich: bin ich tatsächlich eine Lesbin, oder habe ich nur eine falsche Identität? Wenn Jesus die Welt entzwei spalten kann und Knochenmark von der Seele trennen kann (Anspielung auf Hebräer 4:12) wäre er dann nicht auch imstande, meine wahre Identität ans Licht zu bringen? Wer bin ich? Wer soll ich in Gottes Augen sein?

Dann später an einem der folgenden Tage, kam ich mit offenen Händen und offenem Herzen zu Jesus. Ganz offen. In all diesen Auseinandersetzungen zwischen den krass verschiedenen Weltanschauungen standen mir Ken und Floy stets bei. Ebenso auch die Gemeinde, die seit Jahren für mich gebetet hatte. Jesus triumphierte. Und ich war zerbrochen. Meine Bekehrung glich einem Zugunglück. In all meiner Schwachheit glaubte ich, dass, wenn Jesus den Tod besiegen konnte, er auch mein Leben in Ordnung bringen konnte.

Ich steckte total tief im Schlamassel. Ich wollte nicht alles verlieren, was mir lieb und teuer war. Es war jedoch, als würde die Stimme Gottes ein hoffnungsfreudiges Liebeslied zwischen den Trümmern meiner zerbrochenen Welt singen. Ich nahm, zunächst zaghaft, dann leidenschaftlich, den Trost des Heiligen Geistes an. Heute genieße ich den inneren Frieden und die Gemeinschaft mit meinem Ehemann. Ich vergesse das Blut nicht, das Jesus für mein Leben vergossen hat. Mein früheres Leben lauert aber immer noch in den Ecken meines Herzens.

Rosaria Champagne Butterfield ist die Autorin des Buches “The Secret Thoughts of an Unlikely Convert” (Crown & Covenant). Sie wohnt mit ihrer Familie in Durham, North Carolina, wo ihr Ehemann Pastor der „First Reformed Presbyterian Church“ ist.

– Bild: Jimmy Williams/Christianity Today