Seelsorge: „Dir sind deine Sünden vergeben.“

Vergebung SündenPsychotherapeutische Aspekte des Vergebungszuspruchs

Vergebung ist das große Thema in der Seelsorge. Jeder Christ braucht einen Seelsorger. Manchmal ist es der Mensch, der bei der Bekehrung den „Hebammendienst“ geleistet hat und mit dem der neue Christ dann verbunden bleibt während seines wachsenden Lebens mit Jesus. Der Seelsorger erklärt ihm den Glauben, ist ihm Vorbild im Leben und im Glauben und beantwortet alle Fragen. Immer wieder bekennt der Christ vor seinem Seelsorger Gott seine Sünden und bekommt die Vergebung zugesprochen. Das sind heilige Stunden, in denen man die eigenen Sünden deutlich sieht und schonungslos beim Namen nennt. Erlöst, befreit und gereinigt geht man von seinem Seelsorger nach Hause. Die göttliche Vergebung hat man handgreiflich erlebt. Manchmal merken das die Lieben, wenn man nach Hause zurückkommt.

Ich bin froh, seit vielen Jahren meine Seelsorgerin zu haben. Wir kennen uns inzwischen sehr gut, sind Freundinnen. Aber immer kann ich sie anrufen oder besuchen, wenn ich eine Not habe. Sie hört meiner Beichte zu und sagt mir im Namen Jesu Vergebung zu. Wohl den Pfarrern und anderen Mitarbeitern in der Gemeinde, die gewohnt sind, Beichten anzuhören und im Namen Gottes Vergebung zuzusprechen.

Beichte und Vergebung in der Psychotherapie

Hier suchen Menschen Hilfe, die seelisch krank sind im Sinne der „Internationalen Klassifikation der Diagnosen“. Auch sie wissen von Schuld und wünschen sich Vergebung. Aber ihre seelische Störung muss zuerst genau diagnostiziert und behandelt werden, ehe geistliche Aspekte an die Reihe kommen. Diese erkrankten Menschen haben oft ein falsches Bild von Schuld. Sie leiden permanent unter schlechtem Gewissen, halten sich selbst – krankhaft – für schlecht und unwürdig. Da gelten andere Maßstäbe für die Gespräche als in der Seelsorge.

1. Vermeintliche Schuld

Viele Patienten kennen es von Kindheit an nicht anders, als dass sie schuld sind an etwas, z.B.:

  • Du bist schuld daran, dass ich geheiratet habe. Wenn du nicht unterwegs gewesen wärst, hätte ich den Mann nicht genommen.
  • Du hast mein Leben ruiniert, deinetwegen konnte ich nicht den gewünschten Beruf erlernen.
  • Deinetwegen haben wir weniger Geld gehabt, immer.
  • Bei deiner Geburt ist deine Mutter gestorben. Du bist schuld, dass wir sie verloren haben.
  • Wir konnten dich nicht gebrauchen, waren noch in der Ausbildung, das musst du doch verstehen. Deshalb bist du bei Opa und Oma groß geworden.
  • Ich stand ganz allein da mit dir, dein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, was sollte ich tun? Ich musste dich in die Krippe geben.
  • Du bist selber schuld daran, dass du nicht zu den Familienfesten eingeladen wirst – du warst damals nicht erwünscht.
  • Stell nur keine Ansprüche, Wünsche brauchst du nicht zu haben. Abgelegte Kleidungsstücke und billige Geschenke reichen für dich.
  • Dass deine Leistungen gut sind, ist selbstverständlich. Wozu sollte man dich noch extra loben?

So lernt ein Mensch von klein an, dass er schuld ist am Unglück seiner Eltern. Kinder glauben das, was die Eltern ihnen sagen, auch wenn sie es nicht verstehen. Und da sie es in ihrem jungen Leben immer wieder hören, prägt der Satz sich ihnen ein: „Du bist schuld“.

Dagegen will das Kind etwas tun, sozusagen, um die Schuld abzuarbeiten. Es liebt ja seine Eltern und möchte von ihnen geliebt werden. Das Kind strengt sich an, den Eltern zu gefallen.

  • Es ist in der Schule und im Haushalt fleißig.
  • Es muckt sich nicht, auch wenn es Schmerzen hat.
  • Es sieht sehnsüchtig zu, wie andere Kinder von ihren Eltern geliebt werden, aber es fühlt, dass ihm Zärtlichkeiten nicht zustehen.
  • Es ist besonders still und liebevoll, versorgt die süchtige Mutter oder die sterbende Oma.

Mädchen, die von ihren Vätern oder anderen Verwandten sexuell missbraucht werden, lernen, dass sie selbst schuld daran sind. Wie oft sagen die Missbraucher: „Du wolltest es doch auch!“ Oder die Verwandten schauen geringschätzig auf das verschüchterte Kind und nennen es „Die kleine Hure“.

Eine Frau, verheiratet, mit zwei erwachsenen Kindern, ist als Kind jahrelang von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Zur Zeit lebt sie wieder einmal wegen furchtbarer Selbstverletzungen in der Psychiatrie. Sie schreibt mir: „Ich bin ja selbst schuld daran, habe meiner Mutter den Mann weggenommen!“ Das sagt ihr die Mutter heute noch. Ich habe manchmal fast keine Hoffnung mehr, dass diese Patientin noch umlernen kann.

Eine Pubertät kommt bei diesen Kindern nicht infrage. Eigene Wünsche und selbstständige Gedanken sind nicht vorgesehen. Lebenslang bleiben das Mädchen, der junge Mann gedrückt, sie haben kein Selbstwertgefühl und keine Selbstsicherheit. In der Ehe fühlt die Frau sich schuldig, wenn ihr Mann mal nicht redet und sich zurückzieht. Am Arbeitsplatz fühlt die Patientin sich schuldig, wenn eine gereizte Kollegin sie runtermacht. Das erzählte gestern eine Frau mit Depression. Ich schlug ihr vor, folgendes zu sich selbst zu sagen, wenn die Kollegin mal wieder die Grenze überschreite: „Was geht mich das an, wenn die heute einen schlechten Tag hat!?“ Meine Patientin lachte bei dem Vorschlag überrascht. „So einfach kann man das machen?“ Ja, das kann man. Aber für sie wird es schwere Arbeit, das zu lernen!

Ich bin schuld, so lautet das Lebensmotto dieser Menschen. Sie wünschen sich so sehr, anerkannt, freundlich behandelt und aufgenommen zu sein in den Kreis der anderen. Aber sie werden die Last nicht los, dass sie schuld sind an ihrer eigenen aussichtslosen Lebenslage. Außer Anstrengung liegt nichts vor ihnen.

  • Sie wollen es allen recht machen,
  • können nicht Nein sagen,
  • nennen sich selbst harmoniebedürftig,
  • sind sehr empfindlich und kränkbar,
  • werden übereifrig,
  • perfektionistisch,
  • zwanghaft.
  • Sie sind voller Angst,
  • bekommen Panikattacken,
  • brennen aus und
  • erleiden Depressionen
  • und sind, das versteht sich, die idealen Mobbing-Opfer.

Im psychotherapeutischen Gespräch geht es hier nicht darum, Schuld zu vergeben. Es geht darum, dass der Patient immer wieder hört, glaubt, lernt und begreift: „Ich bin nicht schuld“. Denn welches Kind auf dieser Welt hat Schuld daran,

  • dass es zu unpassender Zeit gezeugt wird
  • oder außerhalb der Ehe
  • oder von einander unbekannten Menschen, die es nachher nicht miteinander aushalten können,
  • oder im Rausch einer Nacht, die die Eltern gern ungeschehen machen möchten,
  • oder dass seine Geburt die Mutter das Leben gekostet hat?

Welches Kind kann daran schuld haben?

Im einzelnen besprechen wir während der Psychotherapie, was dem Patienten in der Kindheit aufgebürdet oder vorenthalten wurde. Er lernt sehen, welche frühkindliche Mitgift ihm fehlt: die bedingungslose Liebe seiner Eltern, auf die jeder Mensch am Anfang seines Lebens ein Recht hat. Er merkt, wie die Schatten dieses frühkindlichen Mangels sein Leben durchdringen und schädigen wollen, z. B.:

Ein Mann sucht bei seiner Ehefrau Mütterlichkeit für sich selbst, die ihm zuhause so sehr gefehlt hat. Eine Frau sucht einen viel älteren Mann, unbewusst, als Vaterersatz, und möchte von ihm getragen und behütet werden, wie sie es von ihrem Vater ersehnt hat. Beide sind nicht reif für die Ehe und wissen es nicht. Urvertrauen konnten sie nicht lernen. In der Therapie kann der Patient allmählich begreifen: Ich bin nicht schuld. Gott wollte mich so, wie ich bin. Luther hat gesagt: „Meine Eltern wollten ein Kind. Gott wollte mich.“ Der Gedanke tröstet die Patienten immer wieder. Auch das Wort nach Röm 8,1: „Wenn Gott für dich ist, wie kannst du gegen dich sein?“ Oder auch die schöne Karte von den Marburger Medien, auf denen die Geschichte von der Perle geschrieben und dargestellt ist.

Einige Patienten erfassen es ganz tief: Ich bin von Gott hindurchgeliebt zu einer wundervollen Persönlichkeit, die sich jetzt entwickeln kann.

  • Ich bin Gott alles wert, deshalb darf ich mir selbst etwas wert sein.
  • Ich gönne mir Gutes.
  • Ich überlege genau, ob ich Ja oder Nein sagen will.
  • Ich komme heraus aus diesem grundlegenden Schuldgefühl jedem und allem gegenüber.
  • Ich muss mich nicht entschuldigen dafür, dass ich da bin.

Nein, um Gottes Willen habe ich ein Recht zu leben. Ich habe ein Recht, eigene Ideen zu äußern und Fehler zu machen. Und nun kann ich auch daran denken, Menschen zu vergeben, die mir geschadet haben, und das hängt so zusammen:

2. Zuerst Heilung, dann kann ich vergeben – so sieht es unsere Seele

Die Heilung geht deswegen schwer, weil der Patient die neuen Sätze „Ich bin Gott alles wert, deshalb darf ich mir selbst etwas wert sein“ und andere nicht dadurch lernt, dass er sie sich vorsagt. Nein, er darf und muss neu fühlen lernen. Die Menge und die Wucht unserer Gefühle sind uns nur zum Teil bekannt. An Kindern können wir sie studieren.

  • Kinder geben und holen sich Liebe: Lächeln, Aufmerksamkeit, Zuwendung, ohne aufzuhören. Sie können nicht genug kuscheln und schmusen. Sie überbieten sich in Liebestaten für Mama und Papa, kommen mit immer neuen Geschenken an.
  • Sie können traurig und untröstlich sein, dass es die Eltern jammert.
  • Sie sind aggressiv in einem Maße, dass wir staunen. Ein junger Vater sagte: „Meine Kleine wirft sich auf den Boden, strampelt mit den Füßen und schreit, von wem hat sie das? Ich habe es ihr nicht vorgemacht!“
  • Die Eifersucht unter Geschwistern kann stark sein wie der Tod. Eine Großmutter beobachtete, wie der zweijährige Enkel mit dem Staubsauger ans Bett des Schwesterchens schlich, um das Kleine „wegzusaugen“.
  • Kinder möchten wichtig sein, im Mittelpunkt stehen, immer gewinnen, groß sein, der erste sein.
  • Wir alle wissen um Kinderängste. Kinder wollen nicht weg von der Mutti, nicht im Dunklen einschlafen, nicht allein sein.

Gefühle sind stark.

Unsere Erziehung hat den Zweck, die spontanen Seelenäußerungen unserer Kinder in ein sozial verträgliches Maß einzuebnen. Aber Vorsicht, verbieten und unterdrücken lassen sich Gefühle nicht! Wenn wir sie auch in uns „hineinfressen“ (müssen) – sie bleiben im Untergrund lebendig an einem Ort, der uns nicht bewusst ist. In Träumen oder anlässlich neuer, beängstigender oder fordernder Lebenssituationen tauchen die Gefühle mit einem mal wieder auf. Man erlebt

  • angstmachende Alpträume bei Patienten, die von Mutter und Großmutter überängstlich aufgezogen wurden,
  • Panikattacken bei Menschen, die sich ihr Leben lang unerwünscht, abgelehnt und überfordert erlebt haben,
  • Männersucht bei missbrauchten Mädchen und Aggressionen bei vaterlosen Jungen,
  • feurige Liebe bei Mann und Frau, die sich unversehens wieder treffen, nachdem sie sich in ihrer Jugend liebten und sich nicht bekommen konnten.

In der Psychotherapie spielen die Entdeckung und das Wahrnehmen von Gefühlen eine große Rolle. Einige Patienten glauben, überhaupt keine Gefühle zu haben. Das sind oft Menschen, die sich nicht an ihre Kindheit erinnern können. Oft leiden sie an körperlichen Symptomen, für die es keine objektiven Arztbefunde gibt. Wenn der Patient dies wünscht, graben wir mühsam nach. Manchmal kommen Gefühle zum Vorschein, gemeinsam mit Kindheitserinnerungen. Die neuen, alten Gefühle überwältigen den Menschen. Jetzt müssen und dürfen sie beachtet, durchlebt und befriedigt werden. Nicht selten wird zum ersten Mal nach vielen langen Jahren geweint.

  • Der Mensch darf traurig sein und muss jetzt getröstet werden.
  • Der Mensch darf wütend sein und jetzt seinen Zorn herauslassen.
  • Der Mensch darf anklagen. Er darf aussprechen, dass Menschen an ihm gesündigt haben, dass sie schuldig geworden sind, dass sie sein Leben ruiniert haben.

Beim Therapeuten darf er schimpfen, darf Briefe schreiben, die diejenige Person nicht unbedingt bekommen muss, in denen er sich aber frei schreiben kann. Er darf jetzt Verbindungen lösen, von denen er immer wieder merkt, dass sie ihm nicht gut tun.

Beispiel: Vielleicht bekommt er Herzklopfen, wenn er eine bestimmte Telefonnummer auf dem Display sieht. Oder ihm wird übel, wenn er sich einem bestimmten Ort, einem bestimmten Haus nähert. Er „lernt“ in der Therapie, dass seine Gefühle wahrhaftig, bedeutungsvoll und berechtigt sind. Seine Seele spricht sozusagen zu ihm. Er muss diese Stimme in sich nicht mehr unterdrücken. Er darf jetzt auf diese Stimme hören. Er muss nicht mehr auf die hören, die ihm, obwohl er über 18 Jahre alt ist, immer noch weiterhin sagen wollen, wie er leben muss.

Gleichzeitig darf er neue, starke Seiten an sich wahrnehmen. Er merkt, dass er etwas gut kann und dass er ein Kompliment dafür annehmen darf. Wie schwer tun sich manche Leute mit dem Annehmen von Komplimenten! Er begreift allmählich, dass Gott ihn als eine wunderbare Persönlichkeit geschaffen hat. Er braucht den Vergleich mit anderen Menschen nicht mehr zu scheuen. Er ist etwas Besonderes, Einzigartiges auf dieser Welt! Die Freude über die neue Stärke und das Staunen über eigene Erfolge machen ihn gesund und stark.

Eine Studentin, die mir am Anfang der Stunde jedes Mal sagt: „Ich habe es wieder nicht hinbekommen, aus dem Bett aufzustehen“, mailt mir später: “Heute bin ich 12 km Ski gelaufen, meine Familie hat vielleicht gestaunt!“

Die neue Selbsteinschätzung, die neu entdeckten eigenen Kräfte machen den Patienten nun fähig, denen zu vergeben, die ihm geschadet haben. Jetzt ist er ruhig geworden. Er kann an bestimmte Menschen in seinem Lebenslauf denken, ohne weiterhin schlechte Gefühle zu haben. Er kann, als Krönung seiner Heilung, seinem himmlischen Vater aus tiefstem Herzen ehrlich sagen: „Vater, ich vergebe diesem Menschen ein für allemal. Ich will Groll, Bitterkeit und Anklagen gegen ihn nicht weiter mit mir herumtragen. Er gehört jetzt ganz und gar dir und beschäftigt mich nicht mehr. Ich bin frei von ihm.“

Eine ehemalige Patientin, die wegen Mobbing im Rathaus schwer depressiv geworden war, erzählte folgendes: Während der psychotherapeutischen Kur sei sie mitgenommen worden zu einem Gottesdienst. Dort sei das „Vater Unser“ Bitte für Bitte ausgelegt worden. Bei „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“ habe der Pfarrer ermutigt, die Namen der Schuldiger auf einen Zettel zu schreiben und im Altarraum an das Kreuz zu heften. Da habe sie, innerlich heftig angetrieben, die vollen Namen und Adressen ihrer beiden Peinigerinnen aufgeschrieben. Sie, gewöhnlich schüchtern und ängstlich, sei ohne weiteres nach vorn gegangen und habe die Zettel Jesus abgegeben. Danach habe sie sich so frei gefühlt wie noch nie im Leben. Beim Frühstück am anderen Morgen habe sie gelöst und vergnügt erzählt. Die anderen hätten gesagt, sie blühe auf wie eine Blume, die lange vertrocknet war!

Das ist ein anderes Vergeben, als es gemeinhin verstanden wird, denn der Schuldige hat in diesem Fall nicht um Vergebung gebeten. Indem der Geschädigte aber in seinem Herzen und vor Zeugen vergibt, wird er selbst frei von Rachewünschen, Zorn und Bitterkeit. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Geschädigte etwa die Beziehung zum Täter wieder aufnimmt, als wenn nichts gewesen wäre. Es bedeutet nur, dass der Patient Ärger und Trauer über diesen Menschen an Jesus abgegeben hat und in seinem Herzen Ruhe eingekehrt ist.

Damit wird nach meiner Erfahrung die Heilung komplett, das ist die Krönung. Das Vergeben-Können zeigt, dass alte, tiefe und jahrelang schmerzende Verletzungen heil geworden sind. Sozusagen kreatürlich und geistlich sind Ruhe und etwas Neues eingekehrt. Dieser Heilungsprozess ist sehr langwierig und riskant. Ein vorschnelles „Vergib, und du wirst gesund“ halte ich für unfachmännisch. Viele seelisch kranke Menschen sind dadurch über die Maßen belastet und bedrückt worden, ohne dass ihre Seele Ruhe gefunden hätte.

3. Ich bin schuld – endlich wird es ausgesprochen.

Unsere Schuld vor einem anderen Menschen auszusprechen, ist unglaublich schwer. Reife Christen sind gewöhnt, ihre Schuld Gott zu sagen. Das Bekenntnis einen anderen Menschen hören zu lassen, ist peinlich und demütigend. Die katholische Beichte erfolgt ja, ohne dass man sich anschaut. Der Priester sitzt durch ein Gitterfenster getrennt von seinem Beichtkind. Da ist es leichter zu sprechen, auch wenn beide sich kennen. Aber eine schwere, peinliche Sünde aussprechen und dem anderen dabei voll ins Gesicht sehen? Das ist unbeschreiblich schwer.

Ich sehe diesen Kampf manchmal auf dem Gesicht meines Patienten und denke dann, ob seine Not so groß ist oder die Schuld so peinlich? Aber dann bricht es aus dem Mann heraus: „Ich bin pornosüchtig. Seit meiner Pubertät beschäftige ich mich damit.“ Oder: „Die letzten beiden Male bin ich von ihnen weggegangen, ohne es zu sagen, aber heute will ich es loswerden: Ich beschäftige mich viel mit Pornografie.“ Oder: „Sie haben gestern in der Gemeinde über Pornografie gesprochen. Das betrifft mich auch. Und dabei bin ich in der Gemeindeleitung!“

  • Endlich ist es heraus.
  • Endlich ist diese Sünde nicht mehr versteckt im Herzen eines Menschen.
  • Endlich hat er einen Mitwisser, dem er sich verantwortlich fühlen möchte.
  • Endlich ist Gottes helles Licht auf Satans dunkle Machenschaften gefallen.

Wenn das heraus ist, ist Ermutigung angesagt: „Wie gut, dass es endlich gesagt ist, nicht wahr?“ Und ich finde wirklich, dass das ein großer Grund zur Freude ist, wenn der Mensch die Wahrheit eingesteht und aufhört, sie zu verschleiern. Er will sich nicht mehr länger allein erfolglos anstrengen, er traut seinen eigenen guten Vorsätzen nicht mehr. Er spricht es aus: Ich weiß, dass ich schuldig bin und ich bekenne mich dazu.

Da kann Sündenvergebung zugesprochen werden. Denn wir können auf Erden losmachen von Sünden. Gott vergibt, wenn wir unsere Sünden bekennen (1 Joh 1,9: „So wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.“ Mt 16,19: „Was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“).

Wie scheußlich auch die dunklen Bilder, Begierden und Handlungen sind: Gott vergibt, dafür ist Jesus gestorben. Das darf ich meinem Mitmenschen zusprechen. Da kommt Freude auf! Viele trauen sich nicht zu glauben, dass Gott wirklich nicht mehr an das denkt, was sie nachts am PC gesehen und getan haben. Aber es ist so: Er vergibt! Er macht los und ledig! Ich beobachte immer wieder, dass bei der Pornosucht das Bekennen und der Vergebungszuspruch einen Riesenschritt weiter bringen.

  • Aus der Befreiung der Vergebung heraus können dann praktische Schritte in ein neues Leben getan werden.
  • Aus der erlebten Vergebung heraus kann die Heilung der Sucht beginnen. Es kann in ein suchtfreies, alternatives Leben gehen. Kleine, geduldige Schritte, oft über lange Zeit, sind nötig. Dazu gehören auch Vereinbarungen.

Zum Beispiel wünscht der Mann sogenannte Kontrolltermine, bei denen er über eventuelle Rückfälle Rechenschaft geben kann und muss. Oder ein Ehepaar, bei dem die Frau um die Sucht des Mannes weiß, vereinbart rückhaltlose Offenlegung, falls ein Rückfall stattgefunden hat.

Manchmal taucht während einer Psychotherapie auch „zufällig“ ungesühnte Schuld auf. Eine alte Patientin kam wegen Angstzuständen und schwer gestörten Schlafes. Sie hatte jede Nacht Alpträume, aus denen sie nass geschwitzt und in Panik aufwachte. Eines Tages sagte sie, sie habe nach der letzten Gesprächsstunde keine Alpträume mehr gehabt. Aber ihr sei etwas längst Vergessenes eingefallen. (Ich musste nachfragen, von selbst sagte sie es nicht). Sie habe in ihrer Jugend ein Verhältnis gehabt und ihren Mann betrogen. Jetzt bekennt sie Gott die alte Schuld und erbittet Vergebung. Mt 9,2: „Im Namen von Jesus – dir sind deine Sünden vergeben“, die Worte machen sie tief innen froh. Sie dankt Gott aus vollem Herzen im Gebet. Endlich, endlich ist diese unbestimmte Last auf ihrer Seele, diese alte Schuld weg! Ein vertieftes Leben mit Jesus kann beginnen. Dabei vergehen sogar körperliche Beschwerden in der Folgezeit. Ihr Blutdruck normalisiert sich. Sie kann ihren Appetit beherrschen und nimmt an Gewicht ab.

Unvergebene Schuld kann sich hinter vielen verschiedenen körperlichen und seelischen Symptomen verstecken. Ein Mann hatte sogenannte „unruhige Beine, restless legs“. Orthopädische und neurologische Untersuchungen ergaben durchweg normale Befunde. Jede Nacht wachte er auf davon, dass sich seine Beine unwillkürlich bewegten, und er sie nicht ruhig halten konnte. Beim Nachdenken über seinen Lebenslauf kam er darauf, dass er seinen Vater viele Jahre lang nicht gesehen hatte. Das Leben war für den Mann so bunt und so verlockend und so vollgestopft, dass er seinen Vater vergessen hatte. Auf einmal tat ihm das leid. Er besuchte seinen Vater und bat ihn um Vergebung. Der Vater konnte verzeihen. Sie ahnen schon, was folgt: das Symptom der „restless legs“ verschwand.

Zum Schluss möchte ich das Erlebnis einer depressiven Patientin weitergeben. Wir kennen uns schon lange. Neulich kam sie sehr zielstrebig herein und sagte: „Ich will heute etwas bekennen.“ Sie und ihr Mann hatten angefangen, vollgestopfte Schränke leer zu räumen. (Das Aufräumen und Aussortieren von Sachen habe ich schon öfter als Hilfe beim inneren Aufräumen erlebt.) Dabei fanden sie Erinnerungsstücke aus der Zeit, in der ihre Kinder noch klein und zu Hause waren. Die Fotoalben schaute sie sich nachdenklich an. Dabei ging ihr auf, dass sie, obwohl sie sich Christ nannte, ihr Leben immer in Eigenregie geführt hatte. Sie hatte Pläne gemacht und Gott um seinen Segen dazu gebeten. Dieser Eigenwille und diese Auflehnung gegen Gott, das völlig fehlende Vertrauen in seine Führung, wurden ihr überdeutlich klar und sie fühlte sich schrecklich. „Wie habe ich Gott misstraut, nie nach seinen Plänen gefragt und immer alles nach meinem Kopf getan!“ Sie bekannte viel und rückhaltlos, die Tränen liefen und sie wurde fast nicht fertig. Ich konnte ihr zusprechen: „Im Namen von Jesus – dir sind deine Sünden vergeben!“ (Mk 2,5)

„Er hat unsere Sünden selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz!“ (1 Petr 2,24) „Alle, alle meine Sünden hat das Lamm hinweg getan!“ Das half ihr. Sie fragte noch nach, ob Gott ihr wirklich nichts nachtrage. Langsam wurde sie ganz froh.

Damit schließe ich. Preis sei Jesus, der uns unsere Schuld vergibt und der uns dahin bringt, dass wir unseren Schuldigern vergeben können!

– Dr. Christa-Maria Steinberg, Vortrag vom Kongress des Gemeindehilfsbundes “Die Kraft der Vergebung – Persönlicher und gesellschaftlicher Frieden durch den christlichen Glauben” in Bad Gandersheim am 16.3.2013 (gemeindenetzwerk.org) // Bild: ©SXC/lusi