Selbstmord aus christlicher Sicht

Mapo Bridge

Ist das Selbstmord, wenn jemand in einem seelisch-krankhaften Zustand sein Leben selber beendet? Viele erschütternde Fälle dieser Art auch innerhalb der Gemeinde Jesu nötigen dazu, betend eine grundsätzliche Antwort auf diese Frage zu finden.

Jeder Prediger des Evangeliums kann plötzlich durch die Aufgabe bedrängt werden, in einem solchen Fall den hinterbliebenen Angehörigen und auch öffentlich am Grabe ein seelsorgerisches Wort zu sagen. Während durch viel falsches Urteilen im öffentlichen Gespräch die Not der Betroffenen noch vermehrt wird, erwartet man vom Prediger ein sachlich wahres und klärendes und ein seelsorgerisch aufrichtendes Wort.

Der schwere Fall eines seelischen Kurzschlusses im nächsten Verwandtenkreise stellte auch mir die Aufgabe, am Grabe zur Sache zu reden. Die Antwort auf mein Fragen, die mir – wie ich glaube – der Herr in schweren Tagen und schlaflosen Nächten schenkte, konnte ich als ein freimütiges Evangeliumszeugnis an alle Trauergäste weitergeben. Ich entspreche der Bitte vieler Brüder, wenn ich kurz darüber berichte.

Der erwähnte Fall betraf eine Mutter von 56 Jahren. Bei einem Besuch nach längerer Zeit im letzten Winter fand ich sie schwerkrank, nicht körperlich, sondern seelisch. Ich erschrak sehr, als ich sie wie ein in sich zusammengesunkenes Häuflein Elend vor mir sah. War das doch derselbe Mensch, den wir nie anders gekannt hatten als ein lebensfrohes Gotteskind, voll opferbereiter, liebevoller Hingabe an seine Familie mit einer Arbeitsfreudigkeit, die oft das Maß ihrer natürlichen Kräfte übertraf? Wie hatte sie sich nun verändert! Weinend, müde und ängstlich hockte sie in ihrer schwachen Leibeshütte. Alle Lebensfrische und Lebensfreude war erloschen. Seit dem Herbst des vorigen Jahres hatte sie zusehends an Gewicht verloren. Zudem litt sie an Schlafstörungen. Ein an sich nicht schwerer Autounfall ihres ältesten Sohnes kurz vor Jahresende führte dann zu ihrem völligen seelischen Zusammenbruch. Der Arzt sah ihren Zustand als sehr bedenklich an und riet den Angehörigen, die Mutter nicht aus den Augen zu lassen, da sie in der Gefahr stehe, ihr Leben selbst zu beenden.

Im Frühjahr schien nach einigen Wochen der Erholung bei Verwandten ihr Zustand gebessert; sie wurde körperlich kräftiger. Doch verlor sie nicht die brütende, in sich verhockte Haltung; die frühere Lebensfreude kehrte nicht wieder. Wir waren aber dankbar, dass sie wieder persönliche Verantwortung empfand und dass sie sich zunehmend leichteren häuslichen Verrichtungen widmete. So hatte sie an ihrem letzten Morgen wie immer in den vergangenen Tagen ihr Schlafzimmer geordnet, in der Küche das Feuer geschürt und war dann wie sonst mit dem Aschenkasten in den Keller gegangen, um die Asche auszuschütten und den mit Briketts gefüllten Kasten wieder mit nach oben zu bringen. Als sie an diesem Morgen länger als sonst unten blieb, fiel das den Angehörigen auf. Und dann entdeckten sie das Furchtbare: Den Aschenkasten mit den Briketts fanden sie auf der Treppe und die Mutter in der Waschküche an einer einfachen Kordel erhängt. – Ich berichte diesen erschütternden Fall so ausführlich, damit er ändern ähnlich gelagerten Fällen zum Vergleich diene.

Und nun die Frage: Wie konnte es bei einem Gotteskind zu diesem tragischen Schluß kommen? War das Selbstmord? Auf diese Frage darf ich mit den folgenden grundsätzlichen Erläuterungen antworten.

Das Wesen und den Ernst einer seelischen Erkrankung der beschriebenen Art lernen wir am besten durch Vergleiche mit körperlichen Leiden kennen. Ein Herzleidender kann durch die Art seines Leidens zu dem so häufig erlebten Herzinfarkt veranlagt sein. Plötzlich und ohne Vorzeichen mag dieser kritische Fall eintreten, der den Tod bedeuten kann. Andere leiden durch Arterienverkalkung und durch zu hohen Blutdruck an der körperlich-krankhaften Veranlagung zu Schlaganfällen und können durch einen Herzschlag ohne jedes vorher bemerkte Anzeichen plötzlich sterben. So bewirkt auch die seelische Erkrankung eine überaus gefährliche Veranlagung, nämlich die krankhafte Neigung, sich selbst das Leben zu nehmen. Die ursächliche Entwicklung und das Wesen dieser seelischen Erkrankung liegen, wissenschaftlich gesehen, völlig im Dunkeln. Gegen sie hilft kein Arzt und kein seelsorgerischer Zuspruch. Es ist, als sei im seelischen Raum eine Tür zugeschlagen, zu der nur der lebendige Gott den Schlüssel hat. Zu unsrer Freude durften wir es in manchen Fällen erleben, dass Gott die Tür noch einmal aufschloss, so dass die Betroffenen wieder gesund wurden.

In vielen anderen Fällen aber stehen wir vor der erschütternden Tatsache, dass die Tür zur Genesung verschlossen blieb und die Krankheit zum seelischen Kurzschluss führte. Diese Gefahr umlauert auf Schritt und Tritt alle seelisch Kranken in gleicher Weise. Es ist hier kein Unterschied, ob einer reich oder arm ist, gebildet oder ungebildet, gottlos oder religiös oder gar ein wirklich wiedergeborener Mensch im Sinne des Evangeliums. Diese Krankheit ist um so rätselhafter, wenn das erkrankte Gotteskind für jeden seelsorgerischen Zuspruch verschlossen bleibt, das Wort Gottes ablehnt und sich selbst allen höllischen Qualen unrettbar ausgeliefert glaubt, und wenn zudem alle Fürbitte der Gotteskinder nicht die erhoffte Erhörung findet. Diesen Zustand völliger Verdunkelung des Glaubenslebens bemerkten wir erfreulicherweise an meiner Verwandten zwar nicht; sie blieb dem Worte Gottes zugetan. Doch täuschte gerade dieses um so mehr über die in ihr lauernde Gefahr hinweg.

Auf die Frage, ob Gott nicht ein solch schreckliches Lebensende der Seinen verhindern könne, antworten wir freimütig: Ja, das könnte er in jedem Fall. Fragen wir aber, warum er es in manchem Fall trotz aller Gebete der Seinen nicht tut, so müssen wir in tiefer Demut und Beugung unter seinen heiligen Ratschluss bekennen: Wir wissen es nicht.

Zwei Fragen vor allem bekümmern uns aber noch an dieser Stelle. Die erste: ob etwa persönliche Schuld vor Gott die seelische Erkrankung und gegebenenfalls den tragischen Kurzschluss des Betroffenen verursachen konnten. Dürfen wir oder müssen wir gar in dem einen oder ändern Fall 1. Korinther 5, 5 vergleichsweise heranziehen: »… dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches«? Allerdings ist auch diese schwerste Zuchtmaßnahme Gottes nicht ohne das Licht der heilsamen Gnade: »auf dass der Geist gerettet werde am Tage des Herrn Jesu«. Beachten wir aber hier, dass das Gericht Gottes, das im Gericht noch Gnade gewährt, nur über die fleischliche Verderbnis und Schuld der Gotteskinder ergeht.

Man vergleiche 1. Korinther 11, 32: »Wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir von dem Herrn gezüchtigt, auf dass wir nicht samt der Welt verdammt werden.« Züchtigungsgerichte, die fleischliche Schwachheitssünden der Gotteskinder betreffen, gewähren also noch Gnade; Verdammungsgerichte aber, die über die Bosheitssünden der Gottlosen ergehen, schließen die göttliche Gnade aus!

Die zweite Frage gibt zu bedenken, ob schweres schicksalhaftes Erleben oder auch seelische Belastung durch schuldiges Verhalten der Mitmenschen die seelische Erkrankung verursachen können. Wir sind geneigt, dieses zu bejahen. Doch werden wir den einzelnen Fall nur mit demütiger Zurückhaltung oder gar nicht beurteilen dürfen.

Dass weitgehend eine in der ererbten Veranlagung liegende Neigung zur seelischen Erkrankung mitspricht, die durch seelisch belastende Einwirkungen wirksam werden kann, das hat, wenn auch nicht allgemein, so doch in vielen Fällen die Erfahrung bewiesen. In jedem Fall aber werden wir sagen müssen: Wenn unser Gott seelische Erkrankungen auch seiner Kinder im Dunkel des tragischen Kurzschlusses enden lässt, so können wir nur in tiefer Beugung seinen Ratschluss ehren, auch wenn wir das schreckliche Geschehen nicht erklären können.

Eins aber darf und soll hier einmal festgestellt werden: An dem krankhaft-seelischen Kurzschluß haftet nicht der Makel des Verbrecherischen! Darum ist es in einem solchen Fall sachlich unzutreffend, von Selbstmord zu sprechen. Begründet ist diese Feststellung darin, dass die Handlungen und also auch der tragische Kurzschluss des seelisch Kranken offensichtlich unberechenbar geschehen. Der Kurzschluss wird durch einen zufällig ins Bewusstsein einfallenden Sinneseindruck plötzlich ausgelöst. So kann der zufällige Blick auf ein offenes Fenster den inneren Befehl veranlassen: »Stürze dich aus dem Fenster hinunter!« – Oder ein herannahendes Auto erregt den plötzlichen Gedanken: »Wirf dich vor das Auto!« – Fällt im Vorbeigehen zufällig der Blick auf einen Strick, so kann das die Nötigung erregen: »Nimm den Strick!« – Die Möglichkeiten dieser Art sind schier nicht zu zählen.

In jedem Fall wird die immer vorhandene Gefahr und Neigung, das Leben zu beenden, zu einer augenblicklichen krankhaften Nötigung, der ein solcher bedauernswerter Kranker unterliegt, wenn Gott diesen Kurzschluss nicht verhindert. Dass diese Gefahr gerade in der Zeit der vermeintlichen Genesung am größten ist, das ist nicht allgemein bekannt. Daher lassen die Angehörigen vielfach in der dringend notwendigen Überwachung des Kranken nach und stehen dann plötzlich vor der Tatsache des unfassbaren schrecklichen Endes.

Von diesem Schluss durch unberechenbare krankhaft-seelische Nötigung unterscheidet sich der verbrecherische Fall des Selbstmordes durch voraufgegangene Überlegung, Berechnung und Planung. Selbstmord aber führt in jedem Fall ins göttliche Gericht und in das ewige Verderben! Ein solcher Mordfall ist im Blick auf einen wirklich wiedergeborenen Jesus-Nachfolger undenkbar und unmöglich.

Der krankhaft-seelische Kurzschluss eines Gotteskindes dagegen kann die Würde der Gotteskindschaft und das ewige Leben nicht mindern oder gar zerstören. Gott beurteilt und lichtet einen Menschen nach dem, wie dieser Mensch in seinen gesunden Tagen mit gesunden Sinnen und verantwortlicher Entscheidungskraft sich für oder gegen Christus entschieden hat. Nicht den Schwachen richtet Gott, sondern den Boshaften!

So schrecklich und tiefbetrüblich der krankhafte Kurzschluss eines Gotteskindes auch ist, so ist er dennoch durch Gottes Barmherzigkeit in Jesus Christus ein seliger Heimgang ins himmlische Vaterhaus. Dessen dürfen die Gotteskinder sich getrösten. Man vergleiche hier die Worte Jesu in Johannes 6, 39; 10, 27 – 30; 17,12; dazu Römer 8, 10. 11! – Für die Ungläubigen dagegen ist der Tod in jeder Gestalt, also auch der krankhafte Kurzschluss, der Eingang ins ewige Verlorensein und Verderben. Das ist so schrecklich, dass demgegenüber auch die schrecklichste Form des leiblichen Todes nicht mehr der Rede wert erscheint.

So furchtbar es ist, wenn auch seelisch kranke Gotteskinder im Dunkel des Kurzschlusses ihr Leben beenden, so dürfen wir sie doch so in Erinnerung behalten, wie wir sie in ihren gesunden Lebensjahren kannten, nämlich als solche, die auf Grund einer klaren evangeliumsgemäßen Wiedergeburt an der vollkommenen Erlösung durch Jesus Christus ewigen Anteil gewannen und die in Liebe und Freude im Heiligen Geist ihm dienten, solange sie es mit gesunden Kräften des Leibes und der Seele vermochten.

Ewald Klingelhöfer, Wort und Tat, Kassel, Februar 1960

 

»In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in Gottes Arme fallen,
und er, der nichts als Liebe denkt,
wacht über mir, wacht über allen.«

Jochen Klepper