Septuaginta

septuaginta

Die Juden von Alexandria hatten ein Problem. Seit Generationen gab es bereits eine ansehnliche Kolonie von ihnen in der Metropole am Nildelta. Im zweiten Jahrhundert vor Christus lebten sie als geachtete Minderheit unter den Ägyptern. Wie die meisten Bürger der Stadt sprachen sie Griechisch; nur wenige beherrschten noch Hebräisch, die Sprache der Väter. So gingen auch die Lesungen am Sabbat in der Synagoge über ihre Köpfe hinweg. Sollte die Heilige Schrift nicht jegliche Bedeutung für sie verlieren, dann mußte eine Übersetzung her. Eine Anzahl jüdischer Gelehrter stellte sich dieser Aufgabe.

Eine Legende erzählt allerdings, daß der ägyptische König Ptolemäus alle wichtigen Bücher der Welt in seiner Bibliothek haben wollte, aber das heilige Buch der Juden ihm noch fehlte. So soll er den Auftrag zu dieser ersten Übersetzung gegeben haben. 72 jüdische Gelehrte machten sich an die Arbeit, um die Thora (5 Bücher Mose) ins Griechische zu übersetzen. Jeder von ihnen vollendete in 72 Tagen eine Vollständige Übersetzung der fünf Bücher Mose, und alle 72 Fassungen stimmten wörtlich überein. Nun, was an dieser frommen Geschichte wahr ist, mag dahingestellt bleiben. Sicher ist aber, daß diese sogenannte „Septuaginta“ (Buch der 70) um das Jahr 250 v. Chr. entstand und ein wichtiges Buch für die jüdischen Gemeinden in aller Welt und später auch für die Christen wurde. Es war die Bibel des Paulus und der Urgemeinde.

Diese Übersetzung war eine gewaltige Leistung. Zum erstenmal wurden Bibeltexte aus der Ursprache in eine andere, zudem gar nicht verwandte Sprache übertragen. Mancher Laie stellt sich den Übersetzungsvorgang so vor, daß man für alle einzelnen Wörter des Urtextes passende Wörter in der anderen Sprache auswählt und diese dann möglichst in gleicher Ordnung wie im Original aneinanderreiht. Wenn das möglich Wäre, dann ergäbe das eine wirklich „wortgetreue“ Übersetzung. Aber für die Anwendung einer solchen Methode sind die Sprachen viel zu unterschiedlich aufgebaut. Auch die jüdischen Übersetzer der Septuaginta bekamen das zu spüren. Sie standen zum Beispiel vor der Schwierigkeit, daß das Hebräische keine Zeitformen kennt. Es unterscheidet nur, ob eine Handlung schon abgeschlossen oder noch unvollendet ist. Das Griechische dagegen kennt sechs Zeitformen. Die Übersetzer mußten also Unterscheidungen treffen, die der Urtext gar nicht kennt und die nur aus dem Zusammenhang ersichtlich sind.

Auch in anderen Sprachen wird man auf solche und andere Probleme stoßen. Jede Übersetzung kann also nur eine höchst unvollkommene Annäherung an dieses Ideal einer wortgetreuen Übersetzung sein. Aber für den Leser in der anderen Sprache ist es ja auch gar nicht so wichtig, ob in seiner Übersetzung die Anzahl der Wörter und ihre Anordnung im Satz genau mit dem Urtext übereinstimmt. Für ihn ist entscheidend, ob er das, was der Verfasser ausdrücken wollte, vollständig, genau und verständlich in seiner Sprache vorfindet. Nicht eine formal „wortgetreue“ Wiedergabe des Textes ist also der wichtigste Maßstab zur Beurteilung einer Übersetzung, sondern die inhaltsgetreue Wiedergabe.

– Holzhausen, „Bibel trotz Babel“, S. 11f.

– Bild: Dead Sea Scroll fragment- Greek Septuagint,  Psalm 50:17-20