Siggelkow, Deutschlands verlorene Kinder

Siggelkow+Deutschlands-verlorene-Kinder-Warum-unser-Bildungssystem-Verlierer-produziertBei den letzten Buch-Veröffentlichungen von Bernd Siggelkow ging ein Aufschrei durch die Republik. Er setzte Themen wie Kinderarmut und den exzessiven Alkoholgenuss von Heranwachsenden auf die Agenda. In seinem neuen Buch „Deutschlands verlorene Kinder: Warum unser Bildungssystem Verlierer produziert“, das er gemeinsam mit Wolfgang Büscher verfasst hat, kritisiert er das deutsche Bildungssystem.

Siggelkow ist der Begründer des Kinderhilfswerks „Arche“, das in vielen deutschen Städten aktiv ist. Aus seiner eigenen Arbeit weiß er, dass sich bei vielen Kindern und Jugendlichen ob ihrer ausweglosen Situation Resignation breit macht. Einen wichtigen Tipp an die Erwachsenen-Welt gibt er bereits in seinem Vorwort: „Den Kindern endlich mal zuhören und sie ernst nehmen“. Vor allem weil ihnen oft feste Beziehungen fehlten und sie auch sonst wenig Positives in ihrem Leben erlebten. „Neben Bildung brauchen die Kinder Liebe, Zuwendung und Motivatoren“, betont Siggelkow.

Kinder sind nur noch Statisten

Vielen von ihnen fehle zu Hause die notwendige Kontinuität und Sicherheit. Diese sei aber ganz wichtig, auch um Beziehungen aufzubauen. Vielen Kindern werde nämlich oft die Chance verwehrt, ihre eigenen Fähigkeiten zu erkennen und auszubauen. „Indem sie nicht am gesellschaftlichen Erfolg teilhaben, werden sie zu Statisten degradiert.“ So könnten im Berliner Stadtteil Hellersdorf mehr als die Hälfte der Kinder nicht mit einer Unterstützung der Eltern bei den Hausaufgaben rechnen. Diese seien ohne intensive Betreuung von Seiten der Schule verloren.

Siggelkow krtisiert nicht nur ein schlechtes Fördersystem an den deutschen Schulen, sondern auch das Konzept des „Sitzenbleibens“: „Dies ist kaum förderlich und kostet den Steuerzahler mehr Geld als eine individuelle Förderung.“ Auch das, was inhaltlich in der Schule vermittelt werde, gehe an der Lebenswirklichkeit vorbei. Stattdessen müsse man ihnen Charakterstärke vermitteln. Das deutsche Bildungssystem werde mittlerweile nicht mehr mit Finnland, Holland oder Japan verglichen, sondern mit Entwicklungsländern, wo die wichtigste Frage sei, wie man den nächsten Tag überlebe.

In kritischen Momenten allein gelassen

Aus eigener Anschauung berichten die Autoren, dass Kinder gerade bei kritischen Ereignissen wie Scheidung, Missbrauch und Bestrafungen allein gelassen werden. Viele Kinder hätten das Pech, in Familien hineingeboren zu werden, die mit ihnen überfordert sind. Dort erlebten sie täglich die Konsequenzen einer knappen Familienkasse: „Das Nicht-Mithalten-können macht sie krank.“ Aufgeschreckt habe sie auch das Zitat eines Vaters: „Wir haben in Deutschland Bürgerinitiativen gegen jeden Scheiß, warum nicht gegen Armut?“ Benachteiligte Kinder hätten nicht nur enorme Stresssituationen zu überstehen, sondern sehr oft auch an gesundheitliche Einschränkungen. Hinzu komme die Tatsache, dass viele morgens mit leerem Magen das Haus verließen. Dabei hätten Studien bewiesen, dass man sich mit vollem Magen nicht nur besser konzentrieren, sondern auch positivere Schulergebnisse erzielen könne.

Schlimm sei zudem, dass unzureichende Bildung und die damit verbundene Arbeitslosigkeit für erhöhte Kriminalität sorgten. Wenn 150.000 Jugendliche pro Jahr keinen Job bekämen, dann entstünden pro Jahrgang Folgekosten von 1,5 Milliarden Euro. Die Autoren leiten daraus ein Bedürnis nach mehr mehr Erziehern, Sozialpädagogen und Ärzten ab: „Von München bis Flensburg bekommen Kinder aus vor allem muslimischen und bidlungsfrernen Migrantenfamilien in der Schule die rote Karte gezeigt“, erklärt Siggelkow. Deutschland habe aber deswegen kein Migranten- sondern ein Bildungsproblem. Viele der Migranten scheiterten an den Regelmäßigkeiten der Lernfabriken, die nur wenige Ausnahmen zuliessen. Trotzdem wolle jedes Bundesland seinen eigenen Weg aus der Krise finden. Die Autoren fordern die „Kita“-Pflicht für zweijährige Kinder, sondern auch Ganztagsschulen, an denen sich Kinder wohlfühlen.

Neues Selbsbewusstsein durch Zuspruch

Auch auf den gesundheitlichen Aspekt gehen die Autoren ein: „Es fehlt das Gefühl, dass es Spaß machen kann, etwas für seine Gesundheit zu tun.“ Der Zusammenhang zwischen einem gesundem Körper und gesundem Geist sei unbestritten: „Wenn wir diesen Kindern helfen, helfen wir auch uns selbst.“ Ein gutes Vorbild sei Finnland, wo Kinder nicht nur betreut, sondern gebildet und gefördert würden. Der Staat stehe dort schützend aber auch fordernd an der Seite der Familie. Gleichzeitig werde sehr stark auf die Bedürfnisse einzelner Schüler geachtet, immer orientiert am Leitgedanken: „Den Kleinen das größte Geld.“

Natürlich sei auch dieses System nicht frei von Gefahren, aber die meisten Schwierigkeiten könnten durch individuelle Förderung überwunden werden.

Die Konsequenz, die Siggelkow aus dem Status quo ableitet, ist, dass Kinderrechte ins Grundgesetz gehören. Auch wenn sich Politiker damit schwer tun, habe dies Charme, weil sich damit der Status der Kinder verändern würde. Dies sei keine Lösung für alle offenen Fragen und Probleme: „Aber Kinder ohne starke Eltern hätten mehr Möglichkeiten ihrer Rechte, wie etwa das auf Bildung juristisch einzufordern“, betont er.

In Finnland wie Könige behandelt

Die Vererbung von Bildungsferne werde zwar von vielen Deutschen als ungerecht empfunden, aber es gebe auch eine gewissen Abwehrhaltung gegen die Kinder aus dieser „Schmuddelecke“. In Finnland, das bildungspolitisch an der Spitze vieler Studien steht, werden die Kinder wie Könige behandelt. In Deutschland trage das mehrgliedrige Schulsystem nicht dazu bei, aus allen Kindern etwas ganz Großes zu machen. In ihrem Vorwort verweist die Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga darauf, dass Bildung nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen einbinde, sondern auch sich selbst eine Chance auf ein anderes Leben zu erarbeiten. Trotz eines Bildungsetats von über 100 Millionen Euro wachse eine Generation „potentieller Loser“ heran, die schon zu Beginn des Lebens Verlierer sind.

Siggelkow und Büscher finden deutliche bilanzierende Worte: „Unser Land muss endlich erkennen, dass die Kinder unsere wichtigster Schatz sind. Deutschland hat keine wichtigeren Ressourcen als kluge Köpfe. Wann machen wir endlich Halt und erkennen, dass Kinder diejenigen sind, die am wenigsten dafür können, in welche Verhältnisse sie hineingeboren wurden und die am meisten Schutz und Hilfe brauchen?“

Das lesenswerte und kurzweilige Buch ist angereichert durch Beispiele und eigene Erlebnisse der beiden Autoren aus ihren „Arche“-Einrichtungen. So enthält das Buch auch den Bericht eines Vaters, der mit der erbärmlichen Unterrichtsqualität in der Schule seines Sohns hart ins Gericht geht. Clemens Beck, Stiftungsvorstand der gleichnamigen Stiftung, betont, wie die Arche sein Leben veränderte. Sein Projekt spare dem Staat im Vergleich zu dauerhaften staatlicher Tranferleistungen enormes Geld. Auch Finnlands Bildungsminister Jukka Gustafsson kommt in einem mehrseitigen Interview zu Wort.

– Quelle: Medienmagazin pro