Sind die Berichte über Jesus nicht einfach Legenden?

»Als Literaturhistoriker bin ich restlos davon überzeugt, daß die Evangelien keine Legenden sind – was immer sie auch sonst sein mögen. Ich habe sehr viele Legenden gelesen, und es ist für mich eindeutig, daß die Jesusgeschichten nicht in diese Gattung passen. Sie sind nicht kunstvoll genug, um Legenden zu sein. In der Darstellung ihrer Inhalte sind sie unbeholfen, sie arbeiten die Dinge nicht sauber heraus. Der größte Teil des Lebens Jesu bleibt uns genauso unbekannt wie das Leben irgendeines seiner Zeitgenossen. Kein Volk, das einen seiner Helden zum legendären Heiligen erheben wollte, würde so etwas zulassen.

Auch kenne ich, außer einigen Teilen aus den platonischen Dialogen, in der Literatur des Altertums keinerlei Gespräche, wie sie etwa im Johannesevangelium vorkommen. Bis fast in unsere Zeit gab es so etwas einfach nicht. Erst vor etwa hundert Jahren, mit dem Aufkommen des realistischen Romans, fand das Gespräch Eingang in die Literatur. …

Schließlich kommen wir zum seltsamsten aller Berichte, zum Auferstehungsbericht. Mit dieser Geschichte müssen wir unbedingt ins reine kommen. Ich hörte einmal den Ausspruch: „Die Auferstehung beweist, daß es ein Leben nach dem Tode gibt, darum ist sie so wichtig. Sie beweist, daß die Persönlichkeit des Menschen den Tod überdauert.“ Nach diesem Verständnis wäre an Christus nichts anderes geschehen, als was im Tod schon immer an jedem Menschen geschah. Das Besondere wäre einzig, daß es bei Christus sichtbar wurde.

Diese Deutung entspricht aber bestimmt nicht der Auffassung der frühesten christlichen Schreiber. Nach ihrem Verständnis hatte sich etwas völlig Neues, in der ganzen Geschichte noch nie Dagewesenes ereignet. Christus hatte den Tod besiegt. Ein Tor war aufgesprengt worden, zum allerersten Mal, ein Tor, das seit Urzeiten verschlossen und verriegelt gewesen war. Da geht es um etwas ganz anderes als um ein rein geistiges Weiterleben. Ich meine nicht, daß sie an eine Unsterblichkeit des Geistes nicht schon immer geglaubt hatten. Im Gegenteil, sie glaubten so fest daran, daß Christus ihnen mehr als einmal versichern mußte, er sei kein Geist. Das ist ja gerade das Bemerkenswerte: Obwohl sie an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten, war die Auferstehung für sie etwas völlig anderes, etwas ganz und gar Neues.

Die Auferstehungsberichte sind nicht ein Bild für das Weiterleben nach dem Tode; sie bezeugen, daß eine absolut neue Existenzform in dieser Welt begonnen hat. Etwas Neues ist in die Welt gekommen, so umwälzend neu wie einst das erste organische Lebewesen bei seiner Entstehung. Dieser Mensch wird nach dem Tode nicht in „Geist“ und „Körper“ geschieden. Er ist zu einer neuen Art des Seins erstanden. Das sagt die Geschichte. Was aber fangen wir damit an?

Mir scheint es fraglich, ob irgendeine Hypothese sich mit den Tatsachen so gut deckt wie die christliche. Diese „Hypothese“ sagt: Gott ist in seine Schöpfung hinabgekommen, hinab zur Menschheit – und ist wieder aufgestiegen, wobei er seine Schöpfung mit sich emporgezogen hat. Die Alternative zu dieser Hypothese liegt nicht in Erklärungen wie: „Es sind Legenden oder Übertreibungen oder Geistererscheinungen.“ Die Alternative heißt: Größenwahn, Lüge. Und wenn man diese Alternative nicht annehmen kann, (und ich kann es nicht) so bleibt nur die christliche Hypothese.«

– C.S. Lewis, „Gott auf der Anklagebank“ // Bild: Hans Wild photo from Life Magazine