Turmbau zu Babel: Kein Turmbau, sondern Gemeinde

Gustave Doré, The Confusion of Tongues


Teil I: Heilsgeschichte verstehen: Im Anfang

1. Die Schöpfung: Gott hatte alles gut gemacht
2. Die Sünde: Übertretung & Unterlassung

Teil II: Gericht und Wiederherstellung

3. Die Sprachverwirrung zum Gericht
4. Das Pfingstwunder aus Gnade

Teil III: Die Gemeinde und ihr Auftrag

5. Gemeindearbeit, kein Turmbau
6. Unser Auftrag ist, zu gehen


Bibeltext: 1. Mose 11:1-9

Turmbau zu Babel: Kein Turmbau, sondern Gemeinde

Heilsgeschichte verstehen: Im Anfang

In den letzten Predigten haben wir über den Anfang gesprochen. Über die Schöpfung, über Gott und den Menschen. Wir haben besonders drei Dinge über Gott gelernt:

(1) Gott ist groß – Er allein ist Gott, der alles gemacht hat.
(2) Gott ist gut – Er hat alles „sehr gut“ gemacht.
(3) Gott ist gnädig – Er richtet die Sünde, schenkt aber auch Rettung.

Erst mit dem Sündenfall kamen Tod und Leid in diese Welt. Adam und Eva lebten im Paradies und hatten die Wahl, Gott zu gehorchen oder von der verbotenen Frucht zu essen. Sie waren ungehorsam und aßen von dem Baum der Erkenntnis, weil sie selbst „wie Gott“ sein wollten. Gott verbannte sie, versprach aber auch einen Retter, nämlich Jesus Christus. Das ist Gnade.

Die Sünde und die Gottlosigkeit reiften weiter heran bis zur Zeit Noahs. Die Menschen lebten ohne Gott in Ungehorsam, Unzucht und Unmoral. Gott richtete die Menschen durch die Sintflut, aber er schenkte Noah und seiner Familie Rettung durch die Arche. Aus Gnade.

Und nun lesen wir über den Turmbau zu Babel in 1. Mose 11.

Während die bisherigen Sünden vor allem Übertretungssünden gegen Gottes Willen waren, lesen wir hier von einer Unterlassungssünde. Gott gebot den Menschen, sie sollen sich vermehren und die Erde füllen. (1. Mose 1:28; 9:1) Stattdessen aber wollen sie sich „nicht zerstreuen“, sondern „sich einen Namen machen.“ Wieder erheben sich die Menschen über Gott und seine Gebote. Das war damals so, und das ist heute auch noch so.

Schauen wir uns zunächst einmal genauer an, wie es wahrscheinlich damals war. Archäologische Funde bestätigen, dass die Menschen etwa gegen 3200 v. Chr. anfingen, Städte zu bauen. In der Völkertafel ist uns von dem „Gewalthaber“ Nimrod berichtet, „und der Anfang seines Königreichs war Babel.“ (1 Mose 10:10) Seit dieser Zeit bauten sie ihre Häuser mit feuerfesten Ziegelsteinen. (1 Mose 11:3) Folgt man der archäologischen Forschung, war der „Turm“ ein sog. „Ziqqurat“, was soviel wie „Bergspitze“ bedeutet.

Solche hohen Gebäude wurden auch in anderen biblischen Städten gefunden. Auf der obersten Etage befand sich meist ein Schrein mit einer Götterfigur und manche Menschen glaubten wohl, Gott würde dort wohnen. Andere Ausleger sagen, die Türme wurden zur Sterndeutung oder für okkulte Praktiken gebaut. Auch in den heutigen Religionen gibt es viele große Bauten zur eigenen Ehre des Menschen. Man will den Himmel erobern, und man will sich einen großen Namen machen.

In jedem Fall war ein Ziqqurat-Tempel das Zentrum der Stadt, sowohl religiös als auch politisch. Anstatt sich zu zerstreuen und die Länder zu bebauen, organisierten sich die Menschen und formten soziale und zentralistische Strukturen. Sie kooperierten, um sich einen Namen zu machen. Die Menschen strömten vom Land in die Stadt und versammelten sich um diesen „Turm“, der damit zum Symbol für Hochmut, Stolz, Ungehorsam, Auflehnung und Götzendienst wurde.

Abb.: Rekonstruktion eines Ziqqurat, etwa 90m hoch

Und heute? Hier sehen wir die Bilder der heutzutage höchsten Gebäude…

1. Empire State Buildiung, New York (381m)
2. World Trade Center, New York (417m)
3. Willis Tower, Chicago (442m)
4. Petronas Tower, Kuala Lumpur / Malaysia (452m)
5. Taipei, Taiwan (508m)
6. Burj Khalifa, Dubai / VAE (828m)

Dazu auch hohe, religiöse Bauten:

1. Buddhistischer Tempel in Bangkok, Thailand
2. Taj Mahal, Grabmoschee in Indien
3. Hindu-Tempel in Indien
4. Merkez-Moschee in Duisburg
5. Kölner Dom
6. Petersdom in Rom
7. Crystal Cathedral, Californien

Der Mensch wollte sich damals einen Namen machen und heute auch. Er wollte damals nicht mit seinem Schöpfer leben und auf ihn hören, und heute auch nicht. Er wollte sich damals nicht nach Gottes Willen auf den Weg machen und das Land bebauen, und auch heute zieht es die Menschen in die Städte und hin zu großen Bauten. Ihm ist nicht wichtig was Gott ihm sagt, sondern was er selbst will.

Die Ironie ist, dass der Mensch sich dabei lächerlich macht. Er denkt, er wäre besonders groß. Immerhin hat er nun ein großes Gebäude, das bis in den Himmel reicht. Das mag zwar größer als das Haus des Nachbarn sein, reicht aber nicht annähernd an Gottes Größe heran.

Gott schaute herab – nein, er „stieg herab“ lesen wir. (1. Mose 11:5; vgl. 11:7) Er war so weit oben, dass er erst herabsteigen musste, um den Turm überhaupt zu sehen. Ist doch lächerlich, oder? Was mag Gott noch so gedacht haben? Haben wir schon mal aus dem Flugzeug geschaut und uns die mickrigen Menschen angeschaut? Der Mensch ist dann etwa so groß wie ein Spielzeug, wie Lego oder Mini-Trix. Was haben wir dabei gedacht? „Och, wie süß!“ vielleicht. Aber der mickrige Mensch ist stolz.

Wenn wir die Bibel lesen, ist es immer wieder gut und notwendig, uns die Größenverhältnisse vor Augen zu halten: Dort der große, unendliche Schöpfer; hier die kleinen, geschaffenen Menschen. Dann erst verstehen wir auch die Tragweite der Sünde und Rebellion, und dann erst wissen wir die Güte, Liebe und Gnade Gottes richtig zu beurteilen und dankbar zu schätzen. Es gibt keine kleinen Sünden gegen einen großen Gott.

In Babel hatten sie einen Turm gebaut, „damit wir ja nicht über die ganze Erde zerstreut werden!“ (V.4) Sie wehrten sich gegen Gottes Gebot, das ist Unterlassungssünde.

„Wer nun Gutes zu tun weiß und es nicht tut, für den ist es Sünde.“

– Jakobus 4:17

Gericht und Wiederherstellung

Wie schon in den Epochen zuvor richtet Gott auch hier die Sünde des Menschen. Er hatte Adam und Eva aus dem Garten Eden verbannt. Zur Zeit Noahs kam die Sintflut. Hier, dieses Mal, verwirrte Gott die Sprache der Menschen, so dass sie sich nicht mehr verstehen konnten und sich schließlich zerstreuten, wie Gott es schon vorher von ihnen wollte.

Die Sprachverwirrung bedeutete Trennung, und diese Trennung war wirklich Gericht. Als ich damals in England meine heutige Frau kennengelernt hatte, konnten wir beide noch nicht so gut Englisch und ich hatte mich immer geärgert, dass wir uns nicht gut verstehen konnten. Heute verstehen wir uns viel besser, aber damals in Babel war es genau andersrum! Menschen, die sich kannten, befreundet waren, vielleicht sogar verwandt waren, konnten sich plötzlich nicht mehr verständigen und mussten sich trennen. Trennungen sind schmerzhaft.

In Vers 3 heißt es: „Und der Mensch sprach zu seinem Freund.“ In Vers 7 dann: „Sie werden ein Mann nicht die Sprache seines Freundes hören.“ (Übersetzung nach Fruchtenbaum)

Und das ist wirklich so passiert, es ist kein Mythos. Die Welt spottet, die Bibel sei ein Buch voll von Märchen, es gäbe keinen Gott und wir hätten uns alle „evolutiv entwickelt“. Danach müsste sich dann auch die Sprache entwickelt haben und alle Sprachen hätten eine „Ursprache“.

Roger Liebi führt in seinem Buch „Herkunft der Sprachen“ 26 gute Argumente an, die für den biblischen Bericht und gegen die Evolutionstheorie sprechen, hier drei davon:

– der Mensch lernt seine Muttersprache spielend, aber er kann keine erschaffen
– die ältesten Sprachen sind hochkomplex und komplexer als die heutigen
– die Sprachen sind „verwirrt“ und haben keinen gemeinsamen Stamm

Wie alles andere auch, haben die vielen Sprachen ihren Ursprung in Gott. Und weil Gott der Urheber aller Sprachen ist, kann er die Trennung durch die Sprachverwirrung auch wieder rückgängig machen. Und das tut er tatsächlich, und wieder ist es allein aus Gnade.

Im Himmel werden wir uns alle verstehen und gemeinsam Gott loben:

„Nach diesem sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm … und sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Das Heil ist bei unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm!“

– Offenbarung 7:9f.

An Pfingsten erfuhren die Menschen schon ein wenig den Himmel auf Erden. Die Sprachenrede war vor allem ein Sprachwunder im Kontrast zur Sprachverwirrung. Die Menschen verstanden sich plötzlich, obwohl sie es vorher nicht konnten – zur Ehre Gottes!

Die Gemeinde und ihr Auftrag

Wir haben in Deutschland viel mit dem Thema Sprachen zu tun. Wir leben in einem internationalen Umfeld. In manchen Gegenden haben mehr als 50% „Migrationshintergrund“, sprechen also eine andere Sprache und haben deutsch nicht als ihre Muttersprache gelernt. Viele Migranten leben seit Jahrzehnten in Deutschland, haben die deutsche Sprache aber nie an einer Schule lernen dürfen. Sie verstehen immer noch nicht alles.

Wir kennen Menschen und haben Freunde aus China, Korea, Pakistan, Libanon, Kosovo, Italien, Syrien, Philippinen, Nepal, Sri Lanka, Irak, Türkei, Vietnam, Kasachstan, Rumänien u.v.a.m. Sollte man dann nicht vielleicht darüber nachdenken, als Gemeinde international zu werden?

1. Gemeindearbeit ist kein Turmbau zu Babel

Ich habe mit einem Christen einmal über ‚Gemeinde und Veränderung‘ gesprochen und er erzählte mir von einem Buch „Change Management“, das eine Christin geschrieben hat, die in hoher Position in ihrer Firma Veränderung bewirkt hat durch „hochfrequentiertes Reden“, also „Reden hoch 10“. Durch ständiges Wiederholen von Vorschlägen werden diese irgendwann angenommen und man bewirkt so eine Veränderung. Im christlichen Gewand nennt man das dann wahrscheinlich „Geduld“ und preist es als Tugend. Ist das der richtige Weg?

Wir hatten Christen zu Besuch und mit ihnen gesprochen, warum sie ihre Gemeinde verlassen haben. Eine Aussage war, man habe viele Gespräche geführt und kam an den Punkt zu versuchen, die Dinge oder die Menschen zu „manipulieren“. Man wird pragmatisch, politisch, diplomatisch, man versucht irgendwie selbst einen „Turm“ zu bauen. In der Art eines Gewalthabers wie Nimrod. Und vielleicht geht es sogar um den eigenen Namen.

Das ist der falsche Weg, den man besser nicht gehen sollte. Den richtigen Weg sehen wir in der neutestamentlichen Urgemeinde, angefangen beim Pfingstwunder:

  • Die Menschen priesen den Namen Gottes und nicht sich selbst.
  • Die Menschen verstanden die Sprache des anderen.
  • Die Urgemeinde war geprägt von Gegenseitigkeit.
  • Die Menschen kamen freiwillig und gerne zum Tempel. (Apg 2:46f.)
  • Der Heilige Geist brachte die nötige Veränderung.

a) In der Gemeinde steht Gott im Mittelpunkt

Wir lesen, „sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden.“ Und sie wunderten sich: „… wir hören sie in unseren Sprachen die großen Taten Gottes verkünden!“ (Apg 2:4.11) Die Gemeinschaft war gottgewirkt, und sie war gottzentriert. Es ging nicht zuerst um den Menschen, sondern um die großen Taten Gottes. Nicht um den, der plötzlich in einer anderen Sprache sprechen konnte, sondern um Gott, der das bewirkte. In der Gemeinde wird nicht der Name des Menschen, sondern allein der Name Gottes erhoben.

b) In der Gemeinde schaut man auf den anderen

Das Neue Testament lehrt uns das Miteinander im Sinne von Gegenseitigkeit: „Tut nichts aus Selbstsucht oder nichtigem Ehrgeiz, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des anderen.“ – Philipper 2:3f.

Woanders steht, wir sollen einander die Lasten gegenseitig tragen. Wir sollen uns gegenseitig dienen, auch durch biblische, klare Leitung, dabei aber nicht übereinander herrschen. In der Gemeinde soll ich also nicht auf mich schauen, sondern auf den anderen. Es steht aber auch, dass der andere genauso auf mich und auf meine Interessen achtet. Das funktioniert also nur, wenn beide Seiten demütig sind und aufeinander achten, sich gegenseitig zuhören und versuchen den anderen zu verstehen. Wenn nur eine Seite achtgibt und die andere nicht, dann funktioniert das nicht. Dann trägt nur eine Seite alles.

Man soll also niemandem aus der Gemeinde etwas „wegnehmen“. Wenn die Gemeinde ältere Kirchenlieder singen will, dann kann man ihr das schlecht ausreden. Wir müssen darauf achten und auf die anderen schauen, sie verstehen. Andererseits schauen wir auch auf die internationalen Geschwister die sagen, wir verstehen die alten Lieder nicht, wir können da schlecht mitsingen. Oder die jüngeren die sagen, Lieder nach der Walzer-Melodie gefallen uns einfach nicht. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten.

Wenn sich hier nun die eine oder die andere Seite irgendwie durchsetzen will, dann wird sie zum Gewaltherrscher wie damals Nimrod. Dann ist das nicht neutestamentliche Gemeindearbeit unter dem Segen Gottes, sondern eher eine Art Turmbau zu Babel. Der einzige Weg ist der neutestamentliche, wenn Gott ein gegenseitiges Miteinander bewirkt.

2. Gottes Gebot: „Gehet hin in alle Welt…“

„So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker…“

– Matthäus 28:19

Der zweite wichtige Punkt ist unser eigentlicher missionarischer Auftrag. Wir sollen nicht so sehr einladen, sondern gehen. Uns nicht auf ein Gebäude und eine sonntägliche Veranstaltung konzentrieren, sondern Jünger machen. Auch hier ist der Turmbau zu Babel ein Negativ-Beispiel: In Auflehnung gegen Gottes Gebot baut man sich einen Turm, um sich nicht zu zerstreuen. Gemeinden heute stehen in der Gefahr, sich nur noch zu versammeln anstatt Gottes Auftrag wahrzunehmen und praktisch umzusetzen, in die Welt zu gehen.

Wenn wir internationale Freunde immer wieder einladen und überreden, in die Gemeinde zu kommen, dann kommen sie auch. Der Raum wird voller, die Gemeinde größer. Vielleicht steigt damit auch das Ansehen der Gemeinde, es gibt eine „Wachstumsbewegung“.

Gott wird aber nicht durch bloße Besucherzahlen verherrlicht. Was wird Gott wohl davon halten, wenn wir die Menschen in den Gottesdienst bringen, sie aber nicht zu Jüngern machen? Wenn sie zwar regelmäßig anwesend sind, aber nichts verstehen und im Glauben nicht wachsen? Wenn sie im Gegenteil vielleicht sogar einen schlechten Eindruck von Gemeinde bekommen? Wer ist mir wirklich wichtig in meinem Dienst? Gott, der andere, oder vielleicht sogar ich selbst und das, was andere von mir denken?

Es gäbe noch viel zum Thema „Gemeinde und Mission“ zu sagen, z.B. Paulus‘ Prinzip „den Juden wie ein Jude und dem Schwachen wie ein Schwacher“ (1 Kor 9:20), oder der „vernünftige Gottesdienst“, der das ganze Leben umfasst und nicht nur den Sonntag. (Röm 12:1)

Und vielleicht kommt es so in manchen Gemeinden in Deutschland doch zu einer Veränderung in Richtung „internationale Gemeinde“. Der Turmbau zu Babel ist unser Negativ-Beispiel, die Urgemeinde angefangen bei Pfingsten gibt uns das biblische Positiv-Beispiel.

Möge der HERR selbst sein Werk beleben.