Unsere Sprache in der Predigt

Predigt-KanzelMit Recht verlangt Kierkegaard vom Prediger, daß er so modern als möglich spreche: »Einzig dadurch, daß er die Sprache der Zeit spricht, kann es ihm glücken, Aufmerksamkeit zu wecken und sich seiner Zeit wirklich verständlich zu machen. Der Fromme, der mit den Menschen ins Gespräch kommen will, muß darum für den Anfang ganz so auftreten, als wäre er selbst einer von ihnen.« Kierkegaard ist also der Meinung gewesen, daß der Prediger so modern als möglich sein, daß er die Sprache seiner Zeit sprechen müsse, damit der lebendige Gott zum heute lebenden Menschen eindringlich und vernehmlich sprechen könne.

Auch H. Thielicke wendet sich in seiner Schrift über »Fragen des Christentums an die moderne Welt« gegen die unverständliche Theologensprache in der Verkündigung. Er kämpft dort mit vollem Recht gegen den weit verbreiteten heutigen »Theologen-Jargon«, das »Kirchen-Esperanto«, die »Kanzel- und Altarsprache, die außerhalb des Kirchenraumes wie Chinesisch wirkt«, die aber seiner Meinung nach auch im Kirchenraum den Hörer daran hindert, das verkündigte Gotteswort lebendig aufzunehmen und gewissensmäßig zu verstehen.

Wer diese Forderung einer modernen und zeitgemäßen Sprechweise im Gottesdienst aufstellt, der geht dabei von der Erkenntnis aus, daß zwischen der traditionellen Kirchensprache und Predigtsprache einerseits und der lebendigen Sprache der Gegenwart andererseits in vielen Fällen eine Kluft vorhanden ist. Man wird das nicht bestreiten können. Eine lebendige Sprache sprechen heißt aber nicht, daß sie modische Ausdrücke verwenden oder die Plattheiten der Gasse mitmachen oder moderne Sprachentartungen pflegen solle.

Es heißt vielmehr, daß die Predigtsprache nicht zum Beispiel die Sprache der Reformationszeit oder des pietistischen Zeitalters oder eines bestimmten eng umgrenzten soziologischen Kreises sein darf, daß sie vielmehr solche Worte und Ausdrücke und Satzgestaltungen verwenden muß, die nicht veraltet und dem heutigen Menschen unverständlich oder mißverständlich sind, die vielmehr unmittelbar zum Herzen auch des modernen Menschen und auch des jungen Menschen sprechen muß. Es muß heute eine Umwandlung einer traditionellen Sprache in die lebendige Sprache des Herzens verlangt werden.

Wenn die Sprache des Gottesdienstes die Sprache des Herzens sein soll, dann muß sie wahr sein, nicht nur Ausdruck letzter Wahrheit, sondern auch Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit. Das heißt vor allem, daß die gottesdienstliche Sprache, wenn sie echt ist, die Phrase und die Übertreibung und die Großtuerei vermeidet, daß sie nicht solche Worte und Sätze verwendet, die für den Menschen der Gegenwart keinen Überzeugungsgehalt haben können. Auch die Sprache Kanaans muß für die lebendige Verkündigung abgelehnt werden. Denn »Sprache Kanaans« heißt die Verwendung biblischer Sätze und Redewendungen in der Predigt ja erst dann, wenn diese Sätze für den modernen Hörer ihr inneres Leben verloren haben und zu leeren Hülsen geworden sind. Es ist deshalb Friso Melzer durchaus zuzustimmen, wenn er betont, daß die Frage »Biblische oder weltliche Sprache?« nicht eindeutig beantwortet werden könne. Er meint vielmehr, daß wir in der Verkündigung beider Sprachen bedürfen, weil wir so reden müßten, daß wir verstanden werden.

Unter diesem Gesichtspunkt der Verständnismöglichkeit glaubt er dann eine gewisse Stufenordnung der gottesdienstlichen Sprechweise aufstellen zu dürfen, in folgender Weise: »l. Ich rede zu gottblinden Weltmenschen in ihrer Sprache. 2. Ich rede zu Weltmenschen, die Gottes Wort kennen lernen wollen, in ihrer Sprache, aber ich führe sie Schritt für Schritt in die Welt der Bibel ein, auch in die Sprache der Bibel. 3. Ich rede zu gläubigen Christen. Da kann ich die Sprache der Bibel reden, aber ich werde es in dieser Zeit nicht immer tun. Denn sie sind diese Sprache schon zu sehr gewöhnt. Deshalb werde ich sie ganz neu an die altgewohnten Dinge heranführen, indem ich das Alte auf neue Weise zu sagen versuche.« Es müßte nun freilich noch näher gezeigt werden, welches die »neue Weise« ist, in der zu den Hörern gesprochen werden muß. Jedenfalls betont Melzer mit vollem Recht, daß um der Wahrheit willen die Predigt solche Wörter und Begriffe vermeiden muß, die von modernen Menschen nicht mehr verstanden werden können oder mißverstanden werden müssen.

Wie wichtig die Herstellung der Verständlichkeit auch schon in sprachlicher Hinsicht bei der lebendigen Verkündigung ist, wird auch von Albert Schweitzer in einer seiner afrikanischen Geschichten einmal stark hervorgehoben, wo er erzählt, wie notwendig es sei, daß seine Predigten von einem seiner schwarzen Freunde übersetzt und übertragen werden müssen:

»Am Samstagabend kam er, um mit mir zu proben. Da mußte ich ihm Satz für Satz die ganze Predigt hersagen, ob keine ihm unbekannten oder in die Negersprache nicht übertragbaren Worte darin vorkämen. Wie hat man sich zu hüten, hier in der Predigt von Dingen zu reden, unter denen die Schwarzen sich nichts vorstellen können! Eine Reihe von Gleichnissen Jesu muß man außer Betracht lassen oder umschreiben, weil die Schwarzen des Ogowe nicht wissen, was ein Weinstock oder ein Getreidefeld ist.« Eine analoge Übersetzungsarbeit müßte auch bei vielen deutschen Predigten in der Gegenwart vorgenommen werden, wenn sie wirklich verstanden werden sollten.

Nur eine Redeweise, die wahr und verständlich ist, kann Sprache des Herzens und damit auch wahrhaft modern sein. Die Sprache der großen Männer und Frauen der Bibel und der Kirchengeschichte war in diesem Sinn durchaus modern. Denken wir an Jeremia und Paulus, Augustin und Luther, Schleiermacher und Wiehern! Aus denselben Gründen hat Luther die Muttersprache, die Volkssprache für den Gottesdienst verlangt, weil nur sie die Sprache des Herzens sein kann.

Weiterhin muß die Sprache des Gottesdienstes einfach und schlicht sein, so daß jeder Zuhörer davon angesprochen und ins Herz getroffen werden kann, der einfache und der gebildete Mensch in derselben Weise. Darum gehört zur Eigenart der gottesdienstlichen Sprache der Kampf gegen alle Salbung, gegen alles falsche, pastorale Pathos und gegen die abstrakte Gelehrtensprache. Auch darauf hat mit Recht Friso Melzer hingewiesen und es wiederholt betont, daß der schlichte Stil das Merkmal des von Gottes Liebe in Christus ergriffenen Menschen ist und daß ein verkrampfter Stil das sichtbare Zeichen einer tiefer liegenden Krankheit, nämlich einer inneren Beherrschtheit durch Eitelkeit und Selbstsucht, Geltungstrieb und Eigenwillen ist. Er drückt diesen Gedanken in folgender Weise aus:

»Je mehr wir uns von Gottes Liebe in Jesus ergreifen lassen, um so schlichter, einfältiger werden wir. Und das ist auch an unserer Sprache zu spüren. Der eitle Mensch will zeigen, was er vermag. Er will sich selbst darstellen. Deshalb wird sein Stil dem Hörer unerträglich. In Malabar in Britisch-Indien habe ich diesen Stil der Eitelkeit, der vollendeten Selbstsucht kennengelernt. Die Shaastris, also die Lehrer der heidnischen Philosophie, setzten ihren Ehrgeiz daran, einen solchen Stil zu sprechen und zu schreiben, daß das Volk sie nicht versteht… Und nun ist es merkwürdig zu sehen: Wenn ein Mann dieses heidnischen Stils von Christus ergriffen wird, dann verwandelt sich seine Sprache bis in den Wortschatz und Satzbau hinein.

Auch unsere indischen Pfarrer und Evangelisten neigen immer wieder dazu, jenen Shaastris nachzueifern. Wo aber ein Pfarrer eine Bekehrung erfährt, da wandelt sich auch sein Stil. Er redet dann in übersichtlichen Sätzen, er spricht verständlich, er wird schlicht, ganz schlicht. Er neigt sich auch in seiner Sprache zu den einfältigen unter seinen Hörern herab, er tritt neben sie und spricht in ihrer Sprache.«

Was Melzer in Indien festgestellt hat, das gilt ganz allgemein: Zur Eigenart der Sprache des christlichen Glaubens und Gottesdienstes gehört die Schlichtheit, die Phrasenlosigkeit, die Ablehnung alles falschen Pathos. Damit soll aber nicht zugleich das echte Pathos und die edle Würde in der Sprachgestaltung getroffen werden. Echtes Pathos und edle Würde gehören vielmehr notwendig zur Sprache des christlichen Glaubens. Das versteht auch der einfache Mann ganz gut, wenn er etwa über einen Prediger urteilt mit den Worten: »Er predigt nicht, er redet nur so«, was nicht nur ein Urteil über die Sache, sondern auch über die Form, die Sprache sein kann. Es gehört zum Wesen der Predigtsprache, dass sie nicht ohne Schönheit und Kraft ist, wenn sie von Gott und den ewigen Dingen redet. Wo von Gottes Herrlichkeit und Größe die Rede ist, da muss auch die Sprache das Gewand der Schönheit tragen, darf nicht gewöhnlich-alltäglich, sondern muss festlich gehoben sein.

Dass die Sprache des Glaubens und des Gottesdienstes die Sprache nicht-alltäglicher Gehobenheit ist, zeigt sich nicht nur bei besonders formbegabten Predigern, sondern auch da, wo einfache fromme Menschen von Gott sprechen und seinen Willen in der Laienpredigt verkündigen. In schwäbischen Gemeinschaftsstunden zum Beispiel hat auch bei einfachen Bauern, wenn sie Gottes Wort verkündigen, die Sprache oft eine feierliche Gehobenheit und weihevolle Schönheit bekommen, die sie im gewöhnlichen Leben bei ihnen nicht hatte. G. Mensching hat einmal mit Recht auf diese Zusammenhänge hingewiesen, wenn er schreibt: »Wir sollten des alten Zusammenhangs von Prophetie und Dichtertum uns wieder erinnern. Waren nicht alle Männer des Wortes Dichter und Künstler? Die singende Seele ist Gott näher, als der denkende Verstand.« Deswegen wird auch die Sprache der Predigt sich stets orientieren an der Sprache der Lutherbibel mit ihrer Schönheit und Kraft.

Etwas anderes ist es, wenn Adolf Schlatter einmal schreibt: »Mein Kollege Wurster sprach zu meinem 70. Geburtstag über das Verhältnis meiner Predigt zur Ästhetik und merkte an, dass sie gelegentlich das ästhetische Empfinden verletzte. Ich habe dies in der Tat gelegentlich mit Absicht getan. Denn der ästhetische Genuss macht wie jeder Genuss weich, während die Verwundung des ästhetischen Empfindens das Wort kräftig in die Seele pressen kann.« Was Schlatter hier sagen will, ist deutlich. Er redet hier aber nicht von der charakteristischen Eigenart der gottesdienstlichen Sprache, sondern er weist hin auf ein geeignetes Mittel zur Herbeiführung der Aufmerksamkeit im Gottesdienst. Ob dieses Mittel freilich immer dazu geeignet ist, ist eine andere Frage. Dass auch Schlatter in seiner Predigt immer wieder ganz unwillkürlich in der Sprache nicht-alltäglicher, festlicher Gehobenheit reden konnte, dafür lassen sich aus seinen Predigtsammlungen viele Beispiele anführen.

Wahr, schlicht und einfach ist die gottesdienstliche Sprache. Sie muss aber auch anschaulich, bildhaft und symbolkräftig sein. Denn nur dann wird nicht so sehr der Intellekt angesprochen, sondern das Herz des Hörers, Gefühl und Wille getroffen.

Die Sprache des Glaubens ist immer die Sprache des Bildes, des Gleichnisses, weil nur in Bildern und Gleichnissen ahnungsweise von dem gesprochen werden kann, dessen Wesen mit menschlichen Begriffen nicht angemessen ausgedrückt werden kann. Hier können wir immer wieder viel von Luther lernen. Er hat neben der Geschichte immer gerne die Natur als Exempel, als Veranschaulichungsmittel herangezogen und einmal gesagt: »Das ist auf recht himmlisch-deutsch da von der Auferstehung geredet, wie Gott und seine Engel reden.« In der Tat: Die »himmlisch-deutsche« Art muss auch die Art unserer Predigtsprache sein, wobei »deutsch« für Luther soviel bedeutet wie unmittelbar verständlich, lebendig, anschaulich bildhaft, Herz und Gewissen treffend.

Prof. D. Hermann Faber, Wort und Tat, Kassel, Januar-Februar 1958