Vulgata

hieronymus

Auch im Westen des Römischen Reiches stießen die Missionare auf Sprachgrenzen. In Rom sprachen die Gebildeten seltsamerweise Griechisch, deshalb konnte Paulus den Römerbrief auf griechisch abfassen. Aber in Spanien und Nordafrika war Latein die Umgangssprache. So entstanden schon um das Jahr 150 erste Übersetzungen ins Lateinische. Bald war das Problem nicht mehr das Fehlen einer Übersetzung, sondern zu viele Übersetzungen, die voneinander abwichen und teilweise auch fehlerhaft waren.

Deshalb beauftragte Papst Damasus im Jahre 382 den Gelehrten Hieronymus mit der Schaffung einer einheitlichen, zuverlässigen lateinischen Übersetzung. Hieronymus war ein gebildeter Mann und zugleich ein eifriger Christ. Er hatte 10 Jahre lang als Asket in einem Wüstenkloster in Syrien gelebt. Mit Eifer und großer Liebe zum Text machte er sich an die Arbeit. Als Aufenthaltsort wählte er ein Kloster in Bethlehem.

Um bei der Übersetzung des Alten Testamentes seine Arbeit am Grundtext prüfen zu können, lernte er bei einem jüdischen Rabbi Hebräisch. Manchen seiner Zeitgenossen nahm er es zu genau mit seiner Arbeit. Man hatte sich an die alten Übersetzungen gewöhnt und sah in allen Änderungen schon fast Gotteslästerungen. Aber er ließ sich nicht beirren. Über 20 Jahre brauchte er für seine Aufgabe.

Als alter Mann erblindete er und mußte sich den Urtext vorlesen lassen und seine Übersetzung diktieren. Nicht nur wissenschaftlicher Eifer, sondern auch Liebe zur Bibel hielten ihn an der Arbeit. Uns ist ein Brief von ihm erhalten, in dem er einem Freund schrieb: „Heißt es nicht schon den Himmel auf dieser Welt besitzen, wenn man zwischen solchen Schriften leben, sie betrachten, sie allein studieren, sie allein durchforschen darf?“

Seine Übersetzung stieß noch viele Jahre lang auf Ablehnung, sogar einige Bischöfe nahmen Anstoß daran. Aber nach und nach setzte sie sich durch, und 1546 wurde sie auf dem Konzil von Trient zur allein maßgeblichen Bibel der katholischen Kirche erklärt. Man nannte sie „Vulgata“, die „Allgemein-Verbreitete“.

– Holzhausen, „Bibel trotz Babel“, S. 14f.