Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen?

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Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen? Diese Frage stellt sich unweigerlich bei der Geschichte von Juliana aus dem Norden Nigerias. Die 50-Jährige lebt heute in Tafawa Balewa, einer überwiegend von Christen bewohnten Region im muslimisch geprägten Bundesstaat Bauchi. Sie hat drei Kinder: Die Töchter Diana, 19 Jahre alt, und die 21-jährige Maryamu. Ihr Sohn heißt Peter.

Vor acht Jahren griffen Islamisten ihr Dorf an. Die Männer mordeten und brannten Häuser nieder. Auch Julianas Haus ging in Flammen auf und ihr Mann wurde getötet. Er hatte stets gut für die Familie gesorgt. Ohne Einkommen und Behausung, wusste die verzweifelte Witwe nicht, wie es weitergehen sollte. Sie nahm die Kinder und zog in die nahegelegene Stadt. Dort bekam sie Arbeit und ging als Wäscherin in anderer Leute Haus. Das Geld reichte für genug Essen und das Schulgeld für die Kinder.

Zweiter Schlag

Dann kam der Unfall. Als sie eines Tages die Hauptstraße überqueren wollte, wurde Juliana von einem Auto erfasst. Ein Bein war so schwer verletzt, dass es amputiert werden musste. Nach der langen Zeit im Krankenhaus zog die Familie Anfang vorigen Jahres nach Tafawa Balewa. Ihre Ortsgemeinde unterstützte sie, so dass die Kinder weiter zur Schule gehen konnten. Die Witwe ermutigte sie immer wieder, dafür zu beten, dass Gott ihnen auf ihrem Lebensweg hilft.

Dritter Schlag

Mit dem Ziel, die Christen aus Tafawa Balewa zu vertreiben, verübten Islamisten in den vergangenen Jahren nahezu 50 Angriffe auf die Stadt und umliegende Ortschaften. Dabei starben viele Menschen. Zudem werden die Christen durch eine Reihe von Schikanen unter Druck gesetzt. So ließ das Bildungsministerium von Bauchi die örtlichen Mädchenschulen schließen. Auch die christlichen Mädchen, darunter auch Julianas Töchter, mussten fortan eine staatliche Schule in Yana besuchen, etwa 250 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt.

Was Juliana große Sorge bereitete, war, dass Yana ein überwiegend von Muslimen bewohntes Gebiet ist. Im Juni 2011 machten sich also Diana und Maryamu gemeinsam mit 15 anderen Mädchen im Alter zwischen 15 und 22 Jahren auf den Weg in die neue Schule. Doch dort sind sie niemals angekommen. Denn als die Eltern ihre Kinder in Yana besuchten wollten, wusste die dortige Schulbehörde überhaupt nichts von ihnen. Die Mädchen sind spurlos verschwunden. Niemand weiß, ob sie überhaupt noch leben.

„Das Ende ist gekommen“

Open Doors erfuhr von dem Schicksal der Familie und besuchte Juliana, um ihr beizustehen und sie zu ermutigen. „Ich glaube, das Ende meines Lebens ist gekommen“, klagt Juliana. „Ich habe meinen Mann verloren, mein Haus, mein Bein und nun ereilt mich eine weitere Runde unvorstellbarer Schmerzen. Diana und Maryamu waren meine ganze Freude. Vielleicht haben Islamisten sie getötet. Wo soll ich mit der Suche beginnen?“

Und doch hat Juliana in all diesem Leid nie aufgehört, ihrem Gott zu vertrauen. Unser Mitarbeiter Isaac traf eine Frau, auf Krücken angewiesen, die immer wieder zu ihrer Bibel greift und erklärt, Gottes Wort gebe ihr die Kraft. „Der Teufel will, dass ich an Gott zweifle, aber das kann ich nicht tun. Ich will an ihm festhalten, auch wenn ich nicht weiß, warum all dies geschieht.“ Der Besuch hat die Witwe sehr ermutigt, sagt unser Mitarbeiter Isaac. Juliana versucht, die Hoffnung nicht aufzugeben, dass ihre Töchter gefunden werden. Gleichzeitig weiß sie, dass das Verschwinden von christlichen Mädchen im Norden Nigerias kein Einzelfall ist.

– Quelle: Open Doors // Bild: Rembrandt: Hiob, seine Frau und seine Freunde