Wo war die Auferweckung von Jesus Christus?

Grab Jesu

Wo befinden sich die Stätten von Kreuzigung und Auferweckung Jesu Christi? Immer wieder tauchen um die historischen Orte die verschiedensten Legenden und Theorien auf. Dabei stellt sich bei den neuesten Forschungen heraus, dass der neutestamentliche Bericht ein erstaunlich genauer Ausgangspunkt für die Suche ist: Demnach wurde Jesus nach einem Weg durch die Stadt außerhalb der Stadtmauer von den Römern ans Kreuz geschlagen. Die Lage wird vom Evangelisten Johannes genau benannt:

»Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.« – Johannes 19:16-20

Eine weitere Stelle bestätigt die Lage außerhalb der Stadtmauern: »So hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten.« Hebräer 13.12

Wo Jesus beerdigt wurde

Von dieser Stelle her wurde zunächst angenommen, dass der traditionelle Auferweckungsort innerhalb der Grabeskirche nicht der historisch richtige sein könne, liegt er doch innerhalb der Stadtmauer. Man suchte und fand eine Alternative: Das Gartengrab mit nahegelegener Schädelstätte. Optisch sehr eindrucksvoll und zum Gebet einladend, kann es in einer Seitenstraße der Nablus-Straße besichtigt werden. Als sich vor allem anglikanische Christen für dieses Gartengrab als authentischen Ort entschieden, gewann es ungeahnte Autorität. Denn dank der weltweiten Verbindungen der Anglikanischen Kirchen konnte es sich gewissermaßen als evangelische Alternative zur katholischen Grabeskirche durchsetzen.

Doch heute ist diese Ortsannahme wissenschaftlich unhaltbar. Denn es wurde schlicht nicht darauf geachtet, dass bereits um das Jahr 42 eine neue Stadtmauer gezogen wurde. Seitdem befanden sich der Golgatha-Felsen und das leere Grab innerhalb der Stadtmauern. Gegen das Gartengrab sprechen darüber hinaus zwei weitere Argumente: Zum einen ist es viel zu weit von der Stadtmauer entfernt, um den Evangelienberichten entsprechen zu können; zum anderen steht mittlerweile archäologisch fest, dass das Gartengrab bereits im 7. Jahrhundert vor Christus in Gebrauch war. Und das widerspricht eindeutig Johannes 19, 41: »Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war.«

Kreuz Jesu unterm Bauschutt?

Dieser Vers bestätigt, was viele Besucher der Grabeskirche immer wieder irritiert: Es fällt auf, dass die griechischorthodoxe Golgatha-Kapelle und das Kiosk-ähnliche Gebäude, unter dem sich das leere Grab befindet, sehr nahe beieinander liegen. Zu nahe? Nein, denn Johannes informiert uns: »Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde …« – Kreuzigungsort und Grab waren also dicht beieinander. Die Entfernung war und ist also minimal. Insgesamt zeigt sich, dass nach historischen und archäologischen Forschungen heute feststeht:

Die historischen Orte von Kreuzigung und Auferweckung Jesu befinden sich in der Grabeskirche. Das wird durch ein weiteres Ereignis belegt: Als Helena, die gläubige Mutter des christlich gewordenen Kaisers Konstantin, im Jahre 326 Jerusalem aufsuchte, konnten ihr Christen den Ort der heiligen Stätten ohne Probleme zeigen: unter einem von Kaiser Hadrian im Jahr 135 errichteten Tempel der Venus. Bei den dort lebenden Christen hatte sich also über lange Zeit die Tradition der historischen Orte erhalten.

Hadrian waren die vielen christlichen Pilger ein Dorn im Auge gewesen, die zu seiner Zeit zu den Wallfahrtsstätten strömten. So ließ er sie zuschütten und einen heidnischen Tempel darauf errichten. Bischof Makarius ließ im Auftrag der Helena den Tempel und weite Teile des römischen Forums nun wieder abtragen, und tatsächlich kamen der Fels und das Grab zum Vorschein; fast 200 Jahre waren sie unverändert unter den Marmorplatten erhalten geblichen.

Später hatte man vieles an dieser ersten großen Leistung der christlichen Archäologie zur Legende erklären wollen. Doch der schwedische Historiker Stephan Borgehammar hat jüngst wieder nachgewiesen, dass sogar die Wiederauffindung des Kreuzes Jesu im Bauschutt unter der heutigen Kirche keine fromme Legende ist. Neueste Forschungsergebnisse stützen also die ältesten Quellen.

Aktuelles Beispiel dafür ist die Arbeit des Archäologen Professor Martin Biddle (Oxford), dessen Forschungsbericht über das Grab Christi demnächst in England erscheint. Biddle und seine Mitarbeiter fertigten Tausende von Fotografien an, auf denen jedes nur denkbare Detail erfasst wurde. Die Technik, mit der sie diese Unterlagen auswerteten, heißt Photogrammetrie. In der abschließenden Untersuchung wurde das Material durch Farbfotos und Zeichnungen ergänzt; zusätzlich wurden alle bekannten Darstellungen des Grabes auf Münzen, Zeichnungen, Krügen, Gemälden, Modellen und vor allem in Kirchenbauten bis ins 19. Jahrhundert ausgewertet.

Biddles Team verglich auch andere Felsengräber aus Jerusalem und der näheren Umgebung sowie die Beschreibungen in den Evangelien mit der Struktur des Grabes Jesu in der Grabeskirche. Ihr Ergebnis: Auch dieser Vergleich spricht dafür, dass in dem Grab tatsächlich Jesus gelegen hat. Ein weiteres Indiz befindet sich in der Kirche selber, nämlich in der Syrischen Kapelle hinter dem leeren Grab Christi. Dort ist eine Anlage zu sehen, die als »Grab des Joseph von Arimathäa« bekannt wurde und zeigt, dass in dieser Gegend früher tatsächlich eine Gräberanlage vorhanden war. Biddle führt in der Beweisführung außerdem aufschlussreiches literarisches Material an. Darin wird offensichtlich, dass selbst außerhalb Jerusalems der Ort des Grabes Jesu genau bekannt war.

Der Forscher hat auch eine plausible Erklärung dafür, dass die Ausgräber im vierten Jahrhundert das unter dem Venus-Tempel verschüttete Grab ohne Zögern identifizieren konnten: Es sei anzunehmen, dass das Grab Jesu schon in vorhadrianischer Zeit mit Erkennungszeichen markiert worden war. Dafür gibt es eine einleuchtende Parallele: Das Petrus-Grab in Rom wurde mit letzter Sicherheit auch erst durch Inschriften identifiziert, die dort vor fünfzig Jahren entdeckt wurden.

Das Neue Testament wird bestätigt

Die neuesten Forschungen bestätigen also erneut die Angaben des Neuen Testaments und die Lage von Golgatha und leerem Grab im Inneren der heutigen Grabeskirche. Und sie lassen vermuten, dass bei einer künftigen Restaurierung der renovierungsbedürftigen Kirche noch mehr zu entdecken ist. Doch selbst dann sollten wir nicht vergessen, dass dieses Grab nur für knapp drei Tage eine Durchgangsstation war: Jesus ist auferstanden. Das Grab ist leer. Alles, was wir über den Ort zusammentragen können, bleibt eine Momentaufnahme. Und die Kreuzigung geht der Grablegung und der Auferweckung voraus. Darum bleibt es eine Aufgabe der Forschung, die archäologischen Zusammenhänge rund um die Kreuzigung weiter zu klären.

Die Entdeckung des breiten Risses durch das gesamte Gestein, der wohl auf das Erdbeben zurückgeht, von dem Matthäus berichtet, ist mittlerweile ebenso bekannt wie die Auffindung des Steinrings, mit dem das Kreuz im Boden verankert wurde. Weniger bekannt ist, dass ein Fragment der Kreuzesinschrift, das sich in der römischen Kirche »Santa Croce in Gerusalemme« befindet, zur Zeit mit neuesten Methoden auf seine Echtheit untersucht wird.

Doch glaubensentscheidend ist das nicht. Nicht die historischen, archäologischen Orte bieten Glaubensgewissheit, sondern die persönliche Erfahrung der Gegenwart des auferstandenen Herrn.

Idea spektrum 13/94

Der Autor, der Historiker und Papyrologe Carsten Peter Thiede (Paderborn), ist Leiter des Instituts für Wissenschaftstheoretische Grundlagenforschung.